03. Juli 2014

Primark Selbst wenn

Aus dem Reich des Fairen

Als Schüler hatte ich mal einen Ferienjob in einer Gummiwarenfabrik. Die Firma stellte auch Kondome her. Letztere wurden ausschließlich von mies entlohnten Frauen verpackt. Irgendwann kam das Gerücht auf, Präser-Käufer hätten Zettelchen in den Packungen gefunden, auf denen Arbeiterinnen sexuelle Gefälligkeiten anboten. Auch Telefonnummern hätten auf den Zetteln gestanden. Sicher eine Wanderlegende. Kaum eine Bandarbeiterin besaß ja in den 1960ern einen eigenen Telefonanschluss. Oder handelte es sich um eine Scherzfalle? Wäre der frohe Finder eines solchen Zettels drauf reingefallen, so hätte er bei seinem Anruf am anderen Ende der Leitung vermutlich schallendes Gelächter vernommen.

Aber das Gerücht beflügelte unsere Phantasie. War nicht doch womöglich was dran?

Kürzlich machte die Meldung weltweit Schlagzeilen, in Klamotten der irischen Billigmodekette Primark seien drei eingenähte Botschaften fernöstlicher Textilarbeiterinnen gefunden worden, die erniedrigende und ausbeuterische Arbeitsbedingungen anprangerten. Bei Primark schrillten die Alarmsirenen. Nicht nur vertickt die expansive Kette ihr Zeug zu verdächtig günstigen Preisen, manchmal unter dem Niveau anderer Billiganbieter. Sie hatte auch, zusammen mit anderen Firmen, in einer 2013 spektakulär eingestürzten Textilfabrik (1.100 Tote) in Bangladesch produzieren lassen.

Schon wieder Primark? Die Iren konterten umgehend. Zwei der drei angeblichen „Hilferufe“ seien mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ Fälschungen; die dritte zumindest dubios. Aktivisten hätten Besucher einer Ausstellung im vergangenen Jahr dazu anstiften wollen, „ähnliche Botschaften in Kleider einzunähen“ („FAZ“). Die Firma lieferte Belege, die einen Teil der Medien nicht unbeeindruckt ließen. Ein Image-Debakel wie im Fall der einst geplanten, auch ökologisch vernünftigen Versenkung der Ölbohrplattform Brent Spar wurde dank dieser PR-Strategie vermieden. Zur Erinnerung: 1995 hatten Greenpeace-Aktivisten es geschafft, mit grob verfälschten Daten nahezu die gesamte veröffentlichte Meinung gegen den kopflos reagierenden Shell-Konzern aufzuwiegeln. Shell ging in diesem Kampf k.o. Greenpeace fing sich nur ein winziges Veilchen ein, als später die Wahrheit heraus kam.

Wie immer der Fall der eingenähten „Hilferufe“ weitergeht, eines hat sein Echo aufgezeigt. Es gibt eine wachsende Gruppe in der Bevölkerung, der es Jacke wie Hose ist, ob ein Vorwurf stimmt oder nicht. Hauptsache, der Vorwurf beschädigt die richtigen Leute. Großkonzerne, Investoren, „menschenverachtende Globalisierungsprofiteure“. Scheiß auf die Fakten! Diese Haltung, die schon Hegel postuliert haben soll, allerdings eleganter („Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen – umso schlimmer für die Tatsachen“), grassiert nicht nur unter Sozen, Grünen und SED-Erben, nicht bloß in Occupy-Camps oder NGO-Kreisen. Sie hat den Kern der Gesellschaft erreicht. Lesermeinungen zu den Primark-Berichten auf FAZ.NET:

„...Primark wird durch solche Meldungen nur noch widerlicher. Ungeachtet, ob die Hilferufe echt sind oder nachträglich durch Dritte in die Kleidung eingebracht wurden, sind wir uns doch einig, dass die Arbeitsbedingungen in den Kleiderfabriken unmenschlich sind…“

„...auch wenn sich rausstellen sollte, dass das die Arbeiter nicht geschrieben haben – so ist es doch trotzdem die Wahrheit…“

„...moderne Sklaverei produziert Abfall. Ob die Hilferufe jetzt authentisch sind? Was spielt es für eine Rolle…“

„...selbst wenn die Etiketten eine ‚Fälschung’ wären, so sind diese ‚Fälschungen’ wahrer als die üblicherweise von diesen Unternehmen gelabelten Angaben…“

„...selbst wenn die Hilfeschreie Fälschungen sein sollten, weiß eine gutinformierte Öffentlichkeit jedoch inzwischen, dass die Arbeitsbedingungen in den Lieferländern katastrophal sind…“

Selbst wenn. Selbst wenn Wulff gar nicht wirklich was ausgefressen hatte, weg musste er. Sagen Journalisten, die für seine politische Eliminierung verantwortlich waren. Selbst wenn Kachelmann seine Freundin nicht vergewaltigt hat, ein Arschloch und Frauenfeind ist er doch. Wissen Feministinnen aus ihrer Lieblingsgazette „Bild“. Selbst wenn die „Energiewende“ Mission impossible ist, so muss sie dennoch stattfinden. Finden die, deren finanzielles oder politisches Wohlergehen dran hängt.

Eine Binse für jeden, der Südostasien schon vor 30 oder 40 Jahren bereiste: Die Lebensumstände breiter Schichten haben sich durch die Globalisierung verbessert, nicht verschlechtert. Hongkong war mal ein Platz wie aus Kolonialromanen; es ist gar nicht so lange her. Vom Hongkong des Jahres 2014 könnten Hamburgs Stadtobere was lernen, zum Beispiel über Nahverkehrssysteme. In Burma, von der europäischen Linken hochgelobt, weil es sich nach der Unabhängigkeit jahrzehntelang ausländischen Krediten und Investments verweigerte, starben Menschen massenhaft an Malaria, solange dort noch alles rigide abgeschottet, angeblich sozialistisch zuging. Auch die Lage an der Malariafront bessert sich jetzt.

Und die Arbeitsbedingungen? In manchen Ländern der Großregion sind sie weitaus humaner als früher, etwa in Thailand. In anderen Staaten liegen sie 20 Jahre hinter Thailand zurück. Doch der Trickle-down-Effekt – trotz allen Abgezockes durch heimische Eliten und ausländische Kapitalisten sickert in den boomenden Erzeugerstaaten ein bescheidener Wohlstand zu den unteren Schichten durch –, dieser Effekt wird auch in den noch rückständigen Ländern einsetzen.

Deutsche Löhne gibt es da unten nirgendwo, das ist wahr. Allerdings auch keine deutschen Steuern, Abgaben, Mieten. Wenn gemeldet wird, in Laos müssten die Menschen mit 250 Dollar im Monat auskommen, tritt in Freiburg im Breisgau sicher Empörung ein. Die ist freilich Marke Milchmädchen. Erstens werden in solchen Ländern große Bereiche des Wirtschaftens gar nicht buchhalterisch erfasst. Zweitens kriegt man für das, was ein Latte in der Hauptstadt der grünen Bewegung kostet, in einem laotischen Dorf Essen für die ganze Familie.

Die moralischen Laubbläser pusten alles auf einen Haufen. Bangladesch, Kambodscha oder Süd-Indien zusammen mit Thailand, Malaysia oder Vietnam. Um sich sodann das Trigema-T-Shirt überzustreifen („100 Prozent made in Germany“), einen fair gehandelten Kaffee reinzuziehen und beim nächsten Shitstorm mitzumachen. Ob das den Objekten der westlichen Fürsorger schmeckt oder nicht.

Den Wächtern ihres guten Gewissens geht’s vor allem um eines: Niemand soll sich verdammt noch mal von „uns“ ausbeuten lassen. Selbst wenn er dann Staub fressen müsste.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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