04. Juli 2014

Nordkorea Kapitalistische Jugend

Wie die Schwarzmarkt-Kids die Diktatur stürzen wollen

Yeon-mi Park floh 2007 aus dem totalitären Nordkorea. Nach einem zweijährigen Kraftmarsch mit ihrer Mutter und fünf anderen Flüchtlingen durch China kam sie an der mongolischen Grenze an. Jeder der Flüchtlinge war bereit, sich mit dem eigenen Messer die Pulsadern aufzuschneiden, für den Fall, dass die Grenzer entscheiden sollten, sie zurück nach Nordkorea zu schicken.

Yeon-mi hatte großes Glück. Sie wurde nicht wieder in ihre alte Heimat geschickt, sondern durfte nach Südkorea ausreisen und wurde dort in die Gesellschaft aufgenommen.

Wie viele nordkoreanische Flüchtlinge würde Yeon-mi gerne ihre Heimat wiedersehen. Sie selbst sagt aber, dass sie ihre Füße nur in ein reformiertes Nordkorea setzen würde. Yeon-mi sieht den Wandel schon kommen, allerdings nicht aufgrund internationalen Drucks, sondern Wandel durch Geschehnisse im Inneren dieses verschlossenen Landes.

„Bevor es besser werden kann“, so Lenin, „müssen die Dinge erst noch schlimmer kommen“. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bewegte sich die nordkoreanische Wirtschaft vom Regen in die Traufe und erreichte mit den Hungersnöten in den 90ern wahrscheinlich die Talsohle. Aus einem Überlebensreflex heraus fingen Nordkoreaner an, über (illegale) schwarze Märkte Waren auszutauschen und somit bis zu 80 Prozent ihres Haushaltseinkommens zu bestreiten.

Unbeobachtet von der internationalen Gemeinschaft ändern sich momentan viele Dinge in Nordkorea: Die Schwarzmarkt-Kids – oder „Jangmadang“ – fangen gerade an, für fundamentale Änderungen in Nordkorea zu sorgen.

Die Schwarzmarkt-Kids zeichnen sich durch drei Besonderheiten aus:

1) Keine Verehrung der Kim-Dynastie. Als erste Generation brechen die Jangmadang mit dem Mantra der uneingeschränkten Verehrung der Kim-Führer.

2) Zugang zu Informationen aus dem Ausland. Der Schwarzmarkt versorgt Nordkoreaner nicht nur mit Nahrung und Kleidung, sondern auch mit Fernsehern, südkoreanischen Filmen und Musik, DVDs und USB-Sticks. Yeon-mi konnte als junges Mädchen in Nordkorea Schmachtfilme wie „Titanic“, „Cinderella“ und „Pretty Woman“ schauen.

Nordkoreaner wachsen damit auf, Entertainment-Shows vom südlichen kapitalistischen Nachbarn zu schauen und stimmen mit der staatlichen Zensurbehörde nicht überein, denn diese sagt, dass die Zensur das nordkoreanische Volk lediglich vor bösen Einflüssen aus dem Ausland beschütze. Südkoreanische Filme und Shows suggerieren auch die krassen Unterschiede des Lebensstandards im Süden und der Realität im Norden. Die „Schwarzmarkt-Kids“ sehen, dass selbst südkoreanische Arbeiter opulenter leben können als die meisten Parteibonzen im Norden.

3) Die Schwarzmarkt-Kids sind kapitalistisch und individualistisch geprägt. Sie wachsen mit Märkten auf, sie haben Erfahrungen im Kaufen und Verkaufen auf Schwarzmärkten. Dies klingt zwar trivial für die meisten Menschen, die in marktwirtschaftlichen Systemen aufgewachsen sind, ist aber fundamental für Nordkorea: Das herrschende planwirtschaftliche System „Songbun“ wird durch die Schwarzmärkte unterwandert.

Das „Songbun“-System hat es der Regierung erlaubt zu bestimmen, wer Güter erhält und wem diese verwehrt bleiben, und damit, wer leben kann und sterben muss. Der entstandene Schwarzmarkt hat dieses Herrschaftswerkzeug fast komplett unwirksam gemacht und ist daher ein sehr wichtiger Schritt für einen nachhaltigen Wandel, der zu legalen, weißen Märkten führen kann.

Yeon-mi weiß aus Berichten von kürzlich geflohenen Nordkoreanern, dass die aktuelle Führung in Nordkorea das Aufkommen des Schwarzmarktes nicht anerkennt und weiterhin mit grausamsten Mitteln politische Gegner bekämpft. Doch das Regime sollte sich bewusst sein, dass das planwirtschaftliche System stirbt und Märkte sich auf dem Vormarsch befinden.

Yeon-mi ist sich sicher: Die Schwarzmarkt-Kids werden den entscheidenden Wandel in Nordkorea bringen. Sie kennen beide Koreas sehr gut, sie können den Wandel von unten nach oben herbeiführen und somit Wohlstand und Freiheit in ein Land bringen, in dem die Kim-Dynastie ein ganzes Volk in Armut gezwungen hat.

Wer mehr über Yeon-mi und ihre Geschichte erfahren möchte, kann auf der Seite von Young Voices mehr über sie und ihre Arbeit erfahren.

Link:

Yeon-mi Park bei Young Voices


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Frederik Cyrus Roeder

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