18. Juli 2014

Prokon Ganz großes Kino

Kein Fernsehruhm für Carsten R.

„Für Carsten Rodbertus wird es eng“, schreibt die „SZ“. „Nun ermitteln die Strafverfolger gegen den Gründer und ehemaligen Chef des inzwischen insolventen Windenergie-Unternehmens Prokon.“ Es gehe um den Anfangsverdacht der Insolvenzverschleppung und des Anlagebetrugs. Auch wegen „weiterer Wirtschaftsdelikte“ wird laut „FAZ“ ermittelt. Ein richtig dicker Hund also, der da vor der holzgetäfelten Prokon-Zentrale in Itzehoe hockt.

Der Prokon-Skandal ist eigentlich eine Traumvorlage für TV-Produzenten mit einem Näschen für zeittypischen Käse. Dieser Fall enthält einfach alles, woraus man ein süffisantes, intelligent geschriebenes, prominent besetztes Fernsehsatyrspiel für die Prime Time bauen könnte.

Erstens einen schrägen, charismatischen Guru mit ergrautem Langzopf, Eco Credibility und Weltrettungsgebrabbel, der 75.000 naiven Geldanlegern unter vollmundigen Renditeversprechungen 1,4 Milliarden Euro aus dem Kreuz leiert. Der sich, als sein Geschäftsmodell schlussendlich ins Wanken gerät, zum Robin Hood gegen die Zinsknechtschaft der Banken ernennt. Zweitens die spektakuläre Havarie seiner Firma, bei welcher der Guru über Bord geht. Drittens eine Schlammschlacht zwischen dem Insolvenzverwalter und den ehemals treuesten Rodbertus-Knappen auf der einen Seite und ihrem in Ungnade gefallenen Ex-Idol auf der anderen.

Momentan kämpfen beide Lager um Vollmachten der tief verunsicherten, vorerst entreicherten Prokon-Anlegeridioten. Denn der geschasste Prokon-Gründer hat sein Konstrukt keineswegs aufgegeben. Er will die von ihm auf Grund gesetzte Firma „retten“, sich zurück auf die Brücke des lecken Dampfers schleichen. Unterdessen hagelt es gegenseitige Anwürfe. Abmahnungen werden verfasst, Schadenersatzklagen angekündigt, Gerichte bemüht.

Ganz großes Kino!

Viertens zieht sich durch die Prokon-Story ein sozialdemokratisch konnotiertes Leitmotiv, wie geschaffen für den stets schonungsloser Kapitalismuskritik zugeneigten deutschen Filmemacher: Schuld an allem Schlamassel auf der weiten Welt ist die Todsünde Gier! „Gier“ war schon der Titel eines opulenten ARD-Zweiteilers unter der Regie von Dieter Wedel, welcher auf den urkomischen Finanztricks des Anlegerbetrügers und Hochstaplers Jürgen Harksen fußte. Wie Ulrich Tukur im Film den Harksen gab, war schlicht zum Schreien. Auch Harksen soll sich sehr amüsiert haben. Der längst resozialisierte Gauner verstand Wedels Satire wohl als späten Ruhmeskranz, nicht ganz zu Unrecht.

Im Fall Rodbertus fällt das Satirestoffangebot sogar noch üppiger aus. Denn es war ja nicht allein schnöde Geldgeilheit, was die Hirne der Prokon-Anleger vernebelt hatte. Da waren auch die wolkigen Gutsprüche des grünalternativ bezopften Windbeutels („Wir wollen eine lebenswerte Zukunft“), der seinen Kapitalgebern weiszumachen wusste, sie könnten beim fröhlichen Couponschneiden (acht Prozent Rendite für die Einlage) nebenher die Welt vor dem Klimakollaps retten. Stattdessen betrauern sie jetzt ihre in weite Ferne gerückte Kohle. Was mit der noch immer zu rettenden Welt passiert, ist den meisten inzwischen schnurz.

Müsste also nicht längst ein Drehbuchautor den Auftrag erhalten haben, aus der Prokon-Nummer eine wunderbare Wirtschaftskrimikomödie zu machen? Oder gleich zwei Autoren, damit es schneller geht? Die Öko-Soap hat ja bundesweit für Wirbel gesorgt, und es gibt laufend Nachschlag. Die Sender müssten sich die Finger nach diesem hochaktuellen Stoff lecken.

Doch einen Film über das Milieu der Windkraftmärchenonkels werden in absehbarer Zeit weder ARD noch ZDF produzieren (die Privaten schon gar nicht; die scheuen alles, was nicht Bum-Bum-Krimi oder Castingshow ist). Der Grund liegt darin, dass im Staatsfunk Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung streng untersagt sind, sobald es um die staatlich verordnete Energiewende geht. Was die „Herkulesaufgabe, der wir uns verpflichtet fühlen” (Angela Merkel) veräppeln könnte, womöglich unter schallendem Gelächter von Millionen von Zuschauern, hat bei den Öffis keine Chance. Dafür sorgen schon die von den Parteien in die Aufsichtsgremien entsandten Anstaltswächter.

Klar, in einem Magazinbeitrag mal einen Pleitier aus der Grünstrombranche vorführen oder einen besonders drastischen Ökoenergieirrsinn anprangern, das ist drin. Systemimmanente Kritik darf schon mal sein. Aber die Frage, ob die auf einem planwirtschaftlichen Monstrum namens EEG basierende Energiewende nicht per se auf einen Megaflop hinausläuft, ist selbstredend unerwünscht.

Und deshalb kommen beim nächsten Fernsehspiel zum Thema Gierschlung & Raffke auch garantiert keine Windkraftbarone vor, sondern bewährte Schurken aus der öffentlich-rechtlichen Rumpelkammer. Mein Vorschlag für einen spannenden Plot der alten Schule: Pharmafirma bringt ein Mittel auf den Markt, das nicht wirklich getestet wurde. Kinder erkranken auf den Tod, doch der adlige Firmenpatriarch, dessen Familie einst russische Zwangsarbeiter für sich schuften ließ (dunkles Sippengeheimnis), lässt Mitwisser, die den Skandal der Presse stecken wollen, von seinem ihm kadavergehorsam ergebenen Leibgardisten (Typ Neonazi mit Dachschaden) brutal liquidieren. Der Golfkumpel des Pharmabosses, ein gegelter, porscheschrubbender Hedgefonds-Manager, kommt dem Verbrechen durch Zufall auf die Spur und erpresst den hochbetagten Junker, um sich seinen Betrieb unter den Nagel zu reißen und zu einem riesigen Genforschungszentrum umzubauen. Dessen Genehmigung hat der korrupte Landrat (Janker-Träger, Typ Gauweiler) gegen den Willen der empörten Bevölkerung durchgepeitscht. Doch dann…

Solch eine Story würde sicher unbeanstandet durchgewunken. Zum Beispiel für die beliebte ARD-Schmunzelkrimiserie „Mord in bester Gesellschaft“ mit Fritz Wepper. Wünsche gute Unterhaltung!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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