18. Juli 2014

Wochenschau Maßlose Energieverschwendung, mediale Augenwischerei und malaysische Merkwürdigkeiten

Und das Denken, das Denken geht aufs Klo

Ständig heißt es, wir sollten mehr Energie sparen, nur noch ganz flach atmen, damit Eisbären nicht auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten landen, nicht soviele Rohstoffe verschwenden und nach dem Stuhlgang bestenfalls mit einem Fingerhut Wasser nachspülen, damit die Kamelherden Afrikas nicht verdursten. Umso unverständlicher muss daher die völlig sinnlose Vergeudung kostbarer Lebenszeit und wertvoller geistiger Energie an den schweren Autismus einer Handvoll  Eigenkotsalbungs-Fetischisten der schreibenden Zunft erscheinen. Diese zwei, drei Wichtelmännchen ersuchten letzte Woche in großer Verzweiflung die UN um einen Blauhelm-Einsatz. Grund: Geschwenkte Deutschlandfähnchen am Bratwurststand und ein völlig harmloses Ausdruckstänzchen der Fußball-Nationalmannschaft nach einem – sollte ich dieses Wort wirklich verwenden? Ach, ich riskier‘s einfach mal, no risk, no fun, man lebt nur einmal, dann bin ich eben den Rest meines Lebens Rechtsextremist – Sieg. Kaum ging der Gaucho so, wähnten sie Holland und Polen mal wieder in größter Gefahr und führten ihre Radikalumerziehungs- und Selbstverstümmelungspsychose sowie ihren volkspädagogischen Gottkomplex Gassi. Der zum Schreiben dutzender (!) ausführlicher (!) Artikel über das übliche dreikäsehohe Heben geistiger Holzbeinchen an der – Mist, schon wieder dieses verdächtige Wort – Siegeslaune von Fußballpopulisten  betriebene Aufwand war dem Anlass völlig unangemessen, ja, maßlos überkandidelt. Alle reden über den Klimawandel, aber der kulturelle, genauer: politisch-mediale Wandel Deutschlands von einer Nation der Dichter und Denker, der maßgebliche Impulse für die Geistesgeschichte gebenden großen Philosophen und international bewunderten Mediziner, der Erfinder, Entdecker und Ingenieure zum Land der Erbsenzähler, Kleinkarierten und Maschendrahtzaunkönige, der Genderwissenschwafler und Gesinnungsmaoisten, die drohende Metamorphose zur verkümmerten Bonsai-Matrix, die nach jedem größeren Fußballspiel wie auf Knopfdruck immer dasselbe lächerliche Zwergprimatentheater aufführt, scheint als weniger besorgniserregend empfunden zu werden. Da hilft zur Effizienzsteigerung des Energie-Einsatzes natürlich auch keine EEG-Umlage mehr.

„Die Manipulationen bei der Show ‚Deutschlands Beste‘ sind eine Nagelprobe für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, schrieb ein Retardateur eines bekannten Frankfurter Revolverblättchens am 17. Juli. Gefälschte Kriegsbilder, eine skandalöse, gegen jede journalistische Tugend verstoßende Berichtbestattung zu diversen Konfliktherden, in jüngster Zeit vor allem der Ukraine sowie Regierungspropaganda in Endlosschleife hingegen scheinen für kein unangenehmes Brennen, ja noch nicht mal ein leichtes Jucken unter den Nägeln zu sorgen. In einem Wort: Augenwischerei. Die Lohnlügner in den Chefetagen der Massenlobotomedien wissen sehr genau, wie es um ihren Ruf steht. Sie lesen die wütenden Kommentare unter ihren scheibenweltlichen Fantasy-Artikeln, den suggestiv und manipulativ zusammengeschnittenen TV-Kriegsstimmungskanonen auf „Duck & Cover“-Niveau, den clausklebrigen Inquisitionsverhören von Wirtschaftsvertretern, die sich mit dem Iwan einlassen (Wirtschaft! Sagt ja schon alles! Und mit dem haben Sie geredet?), den voodoo-ökonomischen Schamanengesängen der Euro-Priester, dem geisteskranken Herbeigeschmiere eines möglichen Krieges mit Russland im Auftrag noch geistesgestörterer Machteliten und sind bereits auf Ferngläser angewiesen, um ihre weit, weit hinausgetriebenen Felle gerade noch als klitzekleine Pünktchen am Horizont entdecken zu können. Da kommt ein kleines „Wir geh‘n ja gar nicht so“-Skandälchen in unbedeutenden Randbereichen – wen interessieren angesichts des mythomedialen Lochfraßes im fortgeschrittenen Stadium denn bitte Ungereimtheiten bei irgendeinem nichtigen Poptrulalla-Wettbewerb? – natürlich wie gerufen, um sich als aber sowas von selbstkritisch und gegen Manipulationen konsequent und knallhart durchgreifend darstellen zu können. Und wenn‘s bitte mal schau‘n möchten, hier hätten wir auch gleich ein passendes Bauernopfer, sofort des Arbeitsplatzes verwiesen und geschlachtet auf dem Altar des galoppierenden Irrsinns. Kotztüten finden Sie unter Ihrem Fernsehsessel.

Der Vorschlag, wegen der altneuen Spionageaffäre den Einschaltknopf am Computer lieber gar nicht erst umständlich zu suchen, sondern auf Schreibmaschinen umzurüsten, sorgte hüben wie drüben für viel Gelächter. Allerdings ist der Vorschlag gar nicht so dumm, denn solche Maschinen, die alles, was man ihnen eingibt, buchstabengetreu wiedergeben, sind in deutschen Redaktionsstuben bereits in ausreichender Zahl vorhanden. Kostspielige Neuanschaffungen wären also unnötig.

Eine Boeing 777 der Malaysian Airlines soll über ostukrainischem Gebiet abgeschossen worden sein. In einem Artikel der „Welt“ zu diesem Vorfall, erschienen am 17. Juli,  stieß der geneigte Leser auf zwei höchst bemerkenswerte Absätze, von den Fundstücken in der internationalen Presse mal ganz zu schweigen. Zunächst die beiden Corpora delicti:

Nummer eins: „Der malaysische Ministerpräsident Najib Razak ordnete eine sofortige Untersuchung zum möglichen Verlust der Passagiermaschine an. Verteidigungsminister Hishammuddin Hussein twitterte, es gebe bislang keine Bestätigung, dass die Maschine abgeschossen worden sei. Er habe das Militär angewiesen, den Vorfall zu prüfen und gegebenenfalls eine Bestätigung einzuholen.“

Nummer zwei: „Der frühere Boxweltmeister und heutige Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, hat sich betroffen gezeigt. ‚Das ist eine Tragödie dramatischen Ausmaßes, die die ganze Welt betrifft‘, sagte er der ‚Bild‘-Zeitung (Freitag).  Die internationale Gemeinschaft müsse jetzt ‚endgültig verstehen, dass es sich hier um einen Krieg handelt und Russland mit hochmodernen Waffen und ausgebildeten Kämpfern in diesen Krieg eingreift‘. Seiner Ansicht nach müsse der russische Präsident Wladimir Putin dafür ‚endlich zur Verantwortung gezogen werden‘.“

Hui, das ging aber schnell. Während also diejenigen, die das tragische Unglück viel mehr betrifft, erstmal weitere Untersuchungsergebnisse abwarten wollten, bevor sie nach Blut schreien, krakeelte Westbindungsboxer und CDU-Parteispendensammler Klitschko sogleich in die politisch erwünschte Richtung. Interessant, ist es nicht? Auch CDU-Außenpolitiker Karl-Georg Wellmann forderte „harte Sanktionen“, sollte dem Kreml eine Verantwortung für das Unglück nachgewiesen werden können. Die interessanteste Meldung aber war zweifellos die sofortige Schuldzuweisung gen Moskau durch – ach was – des Westens größte Kriegshexe Hillary Clinton. Auch sie hielt sich nicht mit allzuviel Federlesen auf und zeigte sich überzeugt, Russland sei für die Tragödie verantwortlich. Und das wie gesagt noch vor aller näheren Prüfung, noch bevor ermittelt wurde, was genau eigentlich vorgefallen war. Ups.


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