21. Juli 2014

Geld Wer fürchtet sich vor Deflation?

Desaströse Inflation ist Folge von Staatsversagen

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 gilt als Deflationsmenetekel. Sie war indes viel mehr – der Kulminationspunkt eines Staatsversagens mit katastrophalen Ausmaßen, mithin Ausdruck eines nicht zuletzt durch den Ersten Weltkrieg und die Versailler Verträge zerrütteten internationalen Finanzsystems, einer (infolgedessen) nicht tragfähigen Auslandsverschuldung Deutschlands, einer Protektionismusspirale, die die internationale Arbeitsteilung zerstörte (der Wiederaufbau der globalen Arbeitsteilung dauerte fast ein halbes Jahrhundert), eines unbezahlbaren Wohlfahrtsstaates bereits in der Weimarer Republik, einer desaströsen Politik des New-Deal-Interventionismus in den USA. In Deutschland und Amerika handelte es sich um eine Doppelkrise aus inflationärem Wachstum und grundlegenden, nicht zuletzt interventionistisch bedingten Strukturproblemen.

Deflation ist in einer Marktwirtschaft ein Prosperitätsphänomen, weil im Fall einer Krisenbereinigung die Rückkehr zu gesunden Verhältnissen erfolgt (allerdings wird der schmerzhafte Bereinigungsprozess gefürchtet, aber die Maßlosigkeit des künstlichen Booms nicht kritisiert) und für einen Großteil der Bevölkerung die Preise sinken, der Geldwert steigt und der Produktivitätsfortschritt sichtbar wird.

Im Grunde genommen gibt es kein schädliches Deflationsrisiko. Vielmehr werden Freiheit und Verantwortung, erfolgreiches wirtschaftliches Handeln und Solidität miteinander verbunden. Die Vorteile einer reinigenden Krise liegen auf der Hand – wer will schon ein Europa aus Dreckspatzen?

Zurück zum Deflationsmenetekel – der Kreditkontraktionsdeflation.

Die Weltwirtschaftskrise in Deutschland gilt als ein Paradebeispiel einer schädlichen Deflation. Wilhelm Röpke, herausragender Konjunkturtheoretiker in den 20er und 30er Jahren und Mitglied der 1931 von Heinrich Brüning ins Leben gerufenen Brauns-Kommission zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise unter dem gleichnamigen Reichsarbeitsminister, sprach von sekundärer Deflation und sekundärer Krise. Röpke meinte damit eine sich (vermeintlich) selbst nährende Abwärtsspirale aus sinkender Nachfrage, sinkenden Einkommen und sinkenden Investitionen bei steigendem Sparen – einer krisenbedingten Mengen- statt Preisanpassung, also einer Produktionskrise mangels Nachfrage. Das ist ziemlich genau die Angst, die heute geschürt wird.

Wilhelm Röpke befürwortete 1931 (mit Schmerzen) eine staatlich initiierte Re-Expansionspolitik als absoluten Ausnahmefall. Warum? Nicht aus ökonomischen, sondern nur aus politischen Gründen, um der gesellschaftlichen Stabilität willen! Tatsächlich urteilte Röpke in seinem wegweisenden Aufsatz „Die sekundäre Krise und ihre Überwindung“ ausdrücklich: „Jede Krise bereinigt sich selbst.“ Zugleich war er überzeugt, dass eine Zinssenkung sinnlos sei, da diese nur die Liquidität erhöhe, nicht aber Investitionen. Das ist eine weitere aktuell sehr bedeutsame Einschätzung.

Ob in Deutschland der Deflationsprozess zu Beginn der 1930er Jahre weit genug gegangen war, ist umstritten. Die Zinssätze erreichten auf dem Kapitalmarkt im Urteil mancher Zeitgenossen nicht das erforderliche niedrige Niveau, um eine Wende einzuleiten. Im Sommer 1932 lagen die Produktionskosten noch über dem Niveau, das für einen Aufschwung angemessen gewesen wäre. Tatsächlich hatte die Krise aber ihren strukturellen Höhepunkt überschritten. Die Nationalsozialisten profitierten bereits vom Aufschwung und der aktivistischen Politik der Kabinette Papen und Schleicher, deren Politik sie zunächst fortführten. Die Strukturprobleme blieben indes erhalten: massive Schuldenkrise – „goldene Jahre“ auf Pump (Auslandsverschuldung), das administrative Drücken der Preise, die Devisenzwangswirtschaft, Prohibitivzölle, das deformierte Wirtschaftssystem, die Anpassungskrisen. Die Nationalsozialisten betrieben bekanntlich eine gigantische Rüstungskonjunkturpolitik auf Pump, die schließlich in einer Zerrüttung der Währung mündete.

In den USA setzten sich anders als in der scharfen und kurzen Bereinigungskrise 1920/21 die Interventionisten durch mit dem Fixieren von Löhnen und Preisen auf dem Niveau vor der Deflation. Die Folge war eine bis dato unbekannte Massenarbeitslosigkeit. Die New-Deal-Politik von Hoover und Roosevelt war eine Mixtur aus staatlichen Ausgaben und Kreditvergaben, Regulierungen und Besteuerungen, begleitet von einer wechselhaften, expansiven Geldpolitik. Die Bereinigungskrise blieb aus. „Regime Uncertainty“ (Robert Higgs, die Unsicherheit über die Wahrung von Eigentumsrechten unter zukünftigem Regierungshandeln),  wurde zu einem maßgeblichen Grund, warum die diffamierten Unternehmer nicht mehr investierten.

Philipp Bagus und Jörg Guido Hülsmann geben eine Politik-ökonomisch treffende Antwort auf die Frage: Wer fürchtet sich vor Deflation? Die, die mit Preisdeflation von einem bis zwei Prozent große Probleme bekommen: Banken und Staaten! Sie bekommen geradezu panische Angst. Denn Deflation bedeutet, dass die ökonomischen Gesetze regieren und nicht durch politische Bypässe und Interventionen ausgehebelt werden können. Bei Deflation hilft politische Vernetzung nicht mehr. Inflation bringt indes politische Privilegien mit sich, für all jene, die über einen Zugang zu den Stellhebeln der Macht verfügen. Die Inflationsprofiteure erhalten das billige Geld zuerst, während die Bürger das Nachsehen haben. Inflation macht unseriöse Wirtschafts- und Verschuldungspolitik tragfähig, gibt Spielraum für Sonderkredite und Konjunkturprogramme, verteilt noch mehr Geld von Sparern und seriös wirtschaftenden Haushalten und Familien an Stimmenmaximierer, Sozialingenieure und Karrieristen auf Kosten anderer. Deflation hingegen entmachtet Politik. Deflation bedroht das herrschende Establishment. Desaströse Deflation gibt es nur nach desaströsem Interventionismus und Etatismus.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Forum Ordnungspolitik.


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