06. August 2014

Gender Mainstreaming Planet der Äffinnen

Auf der Suche nach dem Pirinçci-Code

Als ich heute morgen aufstand, mir auf die Brust trommelte, mich ausgiebig am Sack kratzte, anschließend auf den Balkon trat, um meine Blase auf die unten vorbeiziehenden Passanten zu entleeren, und danach wie gewohnt eine Staude Bananen frühstückte, war die Welt noch in Ordnung. Meine, unsere Welt der Männer. Aber dann tat ich etwas, was wir Männer in unserer knapp bemessenen Freizeit selten tun, weil wir da mit Ringen und Boxen beschäftigt sind, und zwar lesen. Ich las diesen Artikel im Online-Magazin der evangelischen Kirche Chrismon.de und war bis ins Mark schockiert. Dort gibt man nämlich zu Protokoll, dass man unseren, also den Männer-Code, auch volkstümlich der „Pirinçci-Code“ genannt, geknackt hätte:

„Da hab’ ich mir was eingebrockt. Die Männerhosen sind um die Hüfte alle zu eng, dafür schlabbert das Jackett um die Schultern. Also raus aus der Herrenumkleide, in die ich mich geschlichen hatte. Nun muss ich mich doch einer Verkäuferin offenbaren: Ich brauche original Männerklamotten, denn ich will auf der Straße als Mann durchgehen; das werde ich in einem Workshop lernen. Die Verkäuferin – jung, zierlich, Einwanderertochter – macht große Augen: boah, toll. Ob das nur für Journalistinnen sei, oder ob sie da auch mal...?“

Sogar die Einwanderertöchter hat frau schon mit diesem hinterhältigen Frontalangriff auf die Männer angesteckt, so dass diese wie außer Sinnen „boah, toll“ jauchzen. Und die Kursleiterin in diesem Workshop stachelt die Furien zu noch mehr Männer-Demaskierung an:

„Schwindele dich nicht mit Reeboks für Frauen durch … Männerschuhe sind geräumiger. Sie geben dir das Gefühl, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen und den Boden unter deinen Füßen zu besitzen.“

„Besitzen“, ja, den Boden unter den Füßen besitzen, das können halt nur die Schweißfüße der Männer in „geräumigen“ Männerschuhen, wogegen sich das weibisch enge Schuhwerk nur so zum bisschen Gehen eignet, eigentlich ist es eher ein Kriechen und Tänzeln. Wie oft kriege ich einen Lachanfall, wenn ich Frauen in ihren Schwuletten sehe, wie sie gehbehindert und boden-besitzlos daherlahmen und sich so ins Abseits manövrieren. Aber mit den richtigen Schuhen ist es nicht getan:

„‚Beobachte Männer, folge ihnen‘, lautet die Hausaufgabe, die Diane Torr uns mailt. ‚Keine Angst, das merken die nicht, denn sie fühlen sich unbeobachtet.‘ Also gehe ich in der Fußgängerzone Männern hinterher. Männer meiner Statur spreizen gern die Arme ein wenig ab, drehen die Handrücken nach vorn, schaufeln beim Gehen. Das kriege auch ich hin.“

Das ist natürlich unsere Achillesferse, nämlich dass wir Männer uns leichtsinnig unbeobachtet fühlen, als gäb‘s kein Morgen, und denken, dass kein weiblicher Agent uns dabei zuschauen würde, wie wir mit den Armen „schaufeln beim Gehen“. Ich persönlich habe dabei sogar stets meinen Hosenstall offen, um mit dem dritten Arm zusätzlich zu schaufeln.

„Klar, männliches Auftreten liegt ja nicht in den Genen, sondern ist gelernt. Was haben meine Freundinnen und ich als Teen­ager trainiert, dass wir ausreichend weiblich erscheinen! Eine Hand seitlich an den Hals legen wie ein Schmuckstück. Im Sitzen die Beine umeinanderschlingen und dann seitlich kippen – elegant, aber unbequem. Das Gemachte an der Männlichkeit lässt sich ebenso imitieren. Und genau das werden wir im Wochenendworkshop ‚Man for a day‘ in Berlin lernen. Mir ist schon ganz flau.“

Mir auch, wenn ich das lese. Da übt man jahrelang mit anderen Kerlen nachts im Wald oder auf einer Mülldeponie im Geheimen das „männliche Auftreten“, läuft über glühende Kohlen, lässt sich auspeitschen und guckt Pornos, bis der Arzt kommt, um brucewillisesk rüberzukommen, und dann spaziert so eine Diane Torr daher, deckt das Komplott auf und verrät den Weibern unser Geheimrezept. Wer ist das überhaupt?

„Vielleicht fing alles mit ihrem Vater an. Der war ein alkohol­kranker schottischer Marineoffizier und sehr gewalttätig. Als die Mutter starb, blieb Diane alleine mit dem Vater zurück. Wie alle Kinder gewalttätiger Eltern lernte sie, genau zu beobachten, um an kleinsten Gesten eine bedrohliche Stimmungsänderung ­vorauszusehen. Mit 16 riss sie von zu Hause aus, sie wurde aufgegriffen und in ein geschlossenes Heim gesteckt. Mit 20 kam sie endlich raus, ausgestattet mit Freiheitsdrang und Erfahrungslust. Sie studierte Soziologie und Tanz, ging nach New York, wurde Performancekünstlerin.“

Mann, leck mich am Arsch, ist das vielleicht eine hammerharte Alte, hat Soziologie und Tanz studiert, vermutlich bei den United States Marine Corps, bis sie als „Performancekünstlerin“ nach Afghanistan gesandt wurde! Wenn sie nicht eine Frau wäre, würde ich denken, sie sei Mann. Und nachdem sie dort etwa 3.000 Talibanwichser skalpiert hat, gibt sie nun Tipps, wie man in Berlin als Frau überleben tut. Zum Beispiel den hier:

„Geradezu mit Leidensdruck ist Olga, 23, gekommen. Die ­ Studentin der Theaterwissenschaft, klein und blond, hat schon so viel versucht. Sich die Haare braun gefärbt, sich nicht geschminkt, flache Schuhe, ‚neutrale‘ Kleidung – trotzdem werde sie auf der Straße von Männern lauthals bewertet. Mittlerweile laufe sie nur noch mit Sonnenbrille und Ohrenstöpseln durch die Gegend. Eigentlich sei sie kurz vorm Explodieren. Endlich mal ungestört durch die Stadt zu gehen, vielleicht funktioniere das ja als Mann?“

Arme Olga, wird von den Männern nonstop „lauthals bewertet“. Gut, ich war in dieser Beziehung früher auch nicht gerade zimperlich mit meinem Standardspruch „Was kostet?“, wenn ich mal so eine Olga traf. Aber dann geht es auch schon los mit dem Crashkurs:

„‚Hört zu lächeln auf‘, sagt Diane. ‚Als Frauen lernen wir, häufig zu lächeln, damit sich die Leute in unserer Gesellschaft wohlfühlen. Männer lächeln nur, wenn sie einen Grund dazu haben.‘ Wir nicken, ohne zu lächeln. ‚Und hört auf, dauernd bestätigend zu nicken‘, sagt Diane. Überhaupt: wenig gestikulieren, spärlicher Körperausdruck.“

Das ist eindeutig falsch. Männer lächeln nicht einmal, wenn sie einen Grund dazu haben. Ich gehe immer in den Keller, wenn ich mal muss. Und die Begrüßung ist auch keine:

„Eine Begrüßung unter Männern sei eher kurz: Man reicht sich an geradem Arm eine schwere Hand, schaut dabei gern seitlich am anderen vorbei, schüttelt kurz. Fertig.“

Eigentlich nicht einmal das. Alternativ hauen wir uns als großes Hallo! auch gegenseitig auf die Fresse und grölen dann mit demoliertem, blutigem Gebiss – wenn keiner zuguckt. Es kann aber noch viel, viel gefährlicher werden unter uns:

„Oh nein, ich stehe mitten in einem Park! Auf der Wiese lagern wochenendgestimmte Menschen, die Zeit zum Gucken haben! Das wird übel ausgehen. Die Männer werden sich provoziert fühlen und den gefälschten Mann anpöbeln. Aber jetzt einfach wegrennen – ein kleiner Mensch mit Bart, der rennt wie eine Frau – geht gar nicht … Oh nein, die Spreeuferpromenade ist gefühlt nur einen Meter breit! Links auf dem Geländer sitzt ein junger Mann, rechts auf der Bank lümmelt sein Kumpel. Dazwischen soll ich durch. Ich bin kurz vor Schnappatmung. Erst mal die Sicherungsposition einnehmen: Hände auf den Rücken legen, Absätze heben und runterklacken lassen, mit einem Grunzen imaginären Schleim tief aus dem Rachen hochziehen. Dann richte ich den Blick gelangweilt in die Ferne und gehe gemächlich zwischen den Männern hindurch …“

Oh nein, sie grunzt wie ein Mann und zieht den „imaginären“ Schleim tief aus dem Rachen wie ein Mann, dabei ist sie doch nur so eine doofe Frau, die in der imaginären Parallelwelt der evangelischen Feministinnen in Langzeittherapie behandelt wird. Auch Olga haben sie inzwischen mit ihren aufgeklebten Bartstoppeln im Gesicht ganz irre gemacht, denn ganz unrussisch frohlockt sie jetzt:

„Die Leute haben mich überhaupt nicht beachtet. Wunderbar!“

Susanne dagegen ist noch weiter als die anderen, ist total durchgedreht und will schon wie wir Männer nunmal so sind handgreiflich werden:

„‚Sonst, wenn ich komischen Leuten begegne, bin ich ein Schisser. Jetzt hab ich gedacht: Eine Zuckung, und ihr kriegt was auf die Fresse!‘ Im Café sagte sie zur Bedienung: ‚Püppie, bring mir mal ’nen Espresso.‘ Fürs Bezahlen reckte sie dann nicht wie als Frau den Hals, um auf sich aufmerksam zu machen, sondern rief knapp durch den Raum: ‚Rechnung!‘ Sofort war die Bedienung da. Zum Ausgleich für das ‚Püppie‘ gab’s ein Extratrinkgeld.“

Alte Schwuchtel, warum gibst du Püppie überhaupt ein Trinkgeld? Echte Männer wie ich bieten Püppies als Bezahlung für einen Kaffee stets einen Blowjob an – jedenfalls in der Theorie, nachdem Püppie wegen „Püppie“ mir das Tablett auf dem Kopf zerschmettert hat. Aber wie so oft folgt auf Euphorie am nächsten Tag der Kater:

„‚Ich hatte naiv erwartet, ich würde mich frei fühlen, stattdessen fühlte ich mich eher depressiv‘, sagt Susanne über ihren Ausflug als Macho Sam. ‚Natürlich, nach außen gab ich vor: Ich hab alles im Griff, mein Easy Rider steht draußen vor der Tür, meine Freundin wartet auf mich. Aber ich war wie gefangen in mir selbst. Wie in einem Kokon. Nicht lächeln, nicht zwinkern, das fehlte mir. Mein ganzer Körper war so verschlossen.‘“

Ja, man kann sich als alte Tussi, die sich als Mann verkleidet und solch einen Opa-Begriff wie Easy Rider im Munde führt, schon total down fühlen, erst recht, wenn man nicht wie ein Waschweib alle naselang zwinkert und lächelt oder, wie Frauen es oft tun, völlig unmotiviert Gassenhauer aus „My Fair Lady“ trällert. Doch mit der richtigen Sichtweise ist vielleicht doch noch ein Zwinkler und Lächler drin:

„Etwas hat sich doch verändert. Die Frauen, die mir entgegenkommen, scheinen mir verkleidete Männer zu sein; und die Männer wirken auf mich wie schlecht geschminkte Frauen. Als wenn alle nur einem Idealbild von Mann und Frau nacheiferten, das sie niemals erfüllen werden. Als wenn es den richtigen Mann und die richtige Frau gar nicht gäbe.“

Doch, die gibt es, liebe Schreiberin. So, ich geh mal wieder eine Banane verdrücken.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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