08. August 2014

Ökosoziale Zukunftsbilder Teil 3 Angst vor der Deflation

Kleinere Übergangsprobleme, aber jetzt wird alles gut!

Das Verbot der neuen Regierung für die Forschung und Anwendung der grünen Gentechnik hat erwartungsgemäß bei der Chemielobby nicht nur Unterstützung gefunden. Doch der Umbau der Landwirtschaft sollte auch von unserer chemischen Industrie aktiv unterstützt werden. Den Versuch der BASF, diesen Unternehmenszweig ins kapitalistische China zu verlagern, wurde vom neuen InnenministerIn Gregor Gysi unter Androhung von Beugehaft gegen die BASF-Vorstände verhindert. Der chinesische Staatsfonds hat anschließend unter Protest seine 51-prozentige BASF-Beteiligung an die Kreditanstalt für Wiederaufbau abgeben müssen. Jetzt gehört die BASF wieder uns und wir können entscheiden, was erforscht und produziert wird. China hat jetzt Deutschland vor dem Schiedsgericht der Sozialistischen Internationalen verklagt, aber ich glaube, da kommt nichts raus.

Gut, dass FinanzministerIn Trittin jetzt ein „Volkseigentumgesetz“ für die Schlüsselindustrie vorgelegt hat. Eine Demokratisierung der Großindustrie erfordert auch eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse. Sie muss endlich in BürgerInnenhand. Die neoliberalen Kapitalisten bezeichneten dies zwar als verfassungswidrige Enteignung ihres Eigentums und die Börse reagierte bei der Vorlage des Gesetzesentwurfs mit einer Korrektur von 55 Prozent nach unten, doch die Verluste betreffen eh nur die Reichen, die können das verschmerzen. Dennoch hat sich in diesen Tagen meine Bank gemeldet. Trotz der ethisch-ökologischen Ausrichtung meines Depots könne ein Verlust in höherem zweistelligem Prozentbereich in diesem Jahr nicht ausgeschlossen werden. Naja, mal geht es rauf, mal geht es runter. Wenn der ökosoziale Umbau der Wirtschaft erst mal wirkt, dann profitiere ich auch wieder davon.

Ein neues Gleichstellungsgesetz soll die Diskriminierung der Frau am Arbeitsplatz ausgleichen. Bis auf weiteres dürfen nur Frauen eingestellt werden, bis eine Quote von 50 Prozent in jedem Unternehmen erreicht ist. Handwerksunternehmen meldeten zwar, sie fänden nicht genügend Maurerinnen und Dachdeckerinnen, da aber ein Überschuss an Grundschullehrerinnen und Friseusen vorhanden ist, hat die Bundesverwahranstalt für Arbeit in Nürnberg bereits ein Umschulungsprogramm initiiert. Die Nürnberger Anstalt sieht zwar Probleme bei der kurzfristigen Umsetzung, jedoch ist man überzeugt, dass die Vorgaben der neuen Regierung im laufenden Fünfjahresplan zu schaffen seien.

Für meine jetzt auch schon 37-jährige Tochter Rosa, die gerade ihr Bachelorstudium in Soziologie an der Uni in Bremen abgebrochen hat, bieten sich jetzt natürlich hervorragende Beschäftigungschancen. Erst kürzlich bekam sie ein attraktives Angebot der Deutschen Bahn AG, als Vorstandsmitglied für Gleichstellungsfragen dem neuen Konzernvorstand unter der Leitung von Katrin Göring-Eckardt anzugehören. Ich bin mächtig stolz darauf, dass aus ihr was geworden ist.

Der beschlossene staatliche Mindestlohn von 15 Euro zeigt auch schon Wirkung. Der Konsum springt an. Endlich ist die Ausbeutung durch Niedriglöhne in Deutschland vorbei und es werden sozial gerechte Löhne bezahlt. Meine Frau sagte zwar, dass es im Supermarkt aktuell keine deutschen Erdbeeren mehr gebe, doch das kann eigentlich nicht sein, da wir wieder einmal den heißesten Sommer aller Zeiten haben. Doch irgendwie scheinen die Erdbeerfelder wie verlassen zu sein. Weit und breit sind keine Pflücker mehr zu sehen, und die Erdbeeren vergammeln in der brütenden Hitze.

Meine Frau meinte aber, dass derzeit noch ausreichend marokkanische Erdbeeren im Angebot seien. Doch unsere LandwirtschaftsministerIn Claudia Roth sagte neulich im Staatsfernsehen, dass diese Erdbeeren schlecht für das Weltklima seien und Grönland bald eisfrei sei. Sie kündigte deshalb einen neuen Mehrwertsteuersatz von 30 Prozent für Luxusartikel an. Meiner Frau habe ich gesagt, wir sollten Steckrüben anpflanzen. Nicht ohne Grund ist dieses Gemüse als „westfälische Ananas“ bekannt und hat schon Opa und Oma durch den Krieg gebracht.

Die Luxussteuer soll auch für die großen Stromfresser wie Waschmaschinen, Geschirrspüler, Computer und Fernsehgeräte erhoben werden. Für uns bedeutet dies keine Umstellung, haben wir doch durch die Implosionsschäden des großen Stromausfalls an Weihnachten letzten Jahres eh keine funktionierende Waschmaschine und keinen Trockner mehr. Und einen Computer und einen Fernseher brauchen wir erst recht nicht. Ein schönes Buch bei Kerzenschein ist viel besser. Ich lese gerade eines von einem gewissen George Orwell über das Jahr 1984, sehr interessant. Nur das mit diesen „Gedankenverbrechen“ und mit diesem „Neusprech“ habe ich nicht verstanden. Es stammt ja auch aus einem anderen Jahrtausend.

Zum Glück haben wir in unserem Garten einen alten Brunnen, der versorgt uns mit Frischwasser und ich konnte unser provisorisches Plumpsklo ebenfalls daran anschließen. Nichts für ungut, aber nicht alle in unserer Nachbarschaft haben dieses Glück. Neulich habe ich unseren örtlichen Bankdirektor erwischt, wie er mit einem Eimer Wasser von unserem Grundstück verschwinden wollte. Ich konnte gerade noch rechtzeitig unseren braven Dobermann von der Leine lassen. Ob er ihn noch erwischt hat, kann ich nicht sagen. Aber der Bankster kam nie wieder. Doch eines ärgert mich: Erst nehmen diese neoliberalen Kapitalisten uns wie eine Kirchengans aus, und dann klauen sie auch noch unser Wasser. Im Staatsfunk war dieser Tage zu hören, dass diese Art des Mundraubs zugenommen habe und die Krankenanstalten vermehrt Bisswunden behandeln müssten. Selbst in den neu geschaffenen Kleingartenanstalten, wo die Menschen wieder Kartoffeln und Kohl anpflanzen, hätten sich Bürgerwehren gebildet.

Neulich erzählte mir eine AktivistIn unserer Klimapolizei, die die Stromfresser in den privaten Haushalten ausfindig macht und anschließend Umschulungen anordnet und überwacht, dass es wachsenden Unmut über die steigenden Preise in den Konsumanstalten für Brot, Eier und Milch gebe. Manche sprachen von einer Verzehnfachung. Ich kann mir das nicht vorstellen, denn das Zentralbankkomitee hat erst kürzlich die offizielle Inflationsrate mit 0,1 Prozent beziffert und angekündigt, alles gegen die drohende Deflation zu tun. Von Inflation war da keine Rede. Aber vielleicht liegt das daran, dass diese Investmentbanken und Hedgefonds vermehrt mit Nahrungsmitteln spekulieren und deshalb die Preise hochtreiben. Hoffentlich legt die Regierung diesen Spekulanten endlich das Handwerk.

Bei allen kleineren Übergangsproblemen gibt es auch wieder gute Nachrichten: Das Zentralbankkomitee hat letzte Woche jedem auf seinem Bankkonto 10.000 Euro frisches Geld gutgeschrieben. Damit ist die Deflation erst mal gebannt. Jetzt kann die normale Bevölkerung wieder Brot, Eier und Milch einkaufen. Unternehmen können wieder investieren und Arbeitsplätze schaffen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Regierung wieder Steuern einnehmen und die ökosoziale Wende vorantreiben kann. Ich habe das Geld gleich in eine solarbetriebene Pumpe für unseren Brunnen investiert und neue Steckrübensetzlinge gekauft. Erst kürzlich hat der neue PräsidentIn des Zentralbankkomitees, der ehemalige griechische Oppositionsführer und unser sozialistischer Bundesgenosse, Alexis Tsipras, erklärt, er werde alles Notwendige tun, um die Geldversorgung sicherzustellen und die Bankkonten auch künftig zu füllen. Optimistisch sagte er dem Staatsfunk: „Und glauben Sie mir – es wird ausreichen.“ Ich glaube, jetzt wird alles gut!


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