20. August 2014

Bildungsblase Wissen wird nicht auf dem Silbertablett serviert

Unkonventionelle Bildungswege auf dem Vormarsch

Dossierbild

Studierte Taxifahrer gab es schon immer. Bald könnte ihre Zahl jedoch noch deutlich ansteigen. Überfüllte Hörsäle und Wohnungsnot sind erst der Anfang einer Blasenentwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist. Denn die technologische Entwicklung samt ihren Chancen für Bildung scheint an der Politik völlig vorbeizugehen, die einen höheren Anteil öffentlicher Bildung für notwendig erachtet.

Schöpferische Zerstörung, ein vom Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter geprägter Begriff, wird die Folge sein. Diese bedeutet, dass private Anbieter den Marktanteil der staatlichen Anbieter immer weiter abtrotzen werden, sodass öffentliche Bildung immer weniger nachgefragt werden wird.

Auch 2013 haben mehr als eine halbe Million Erstsemester ihr Studium aufgenommen. Insgesamt gab es damit etwa 2,5 Millionen Studierende in Deutschland, etwa 500.000 mehr als noch vor fünf Jahren.

Nur zum Teil lässt sich dies durch doppelte Abiturjahrgänge und den Wegfall der Wehrpflicht erklären. Die Politik feiert es als Erfolg. Bildung ist heilig, Bildung ist die Zukunft. Wenn staatlich in Bildung investiert wird, wird Deutschland davon profitieren. Je mehr ausgegeben wird, desto mehr zahlt es sich aus. Kurzum: Bildung – oder das, was dafür gehalten wird – ist eine eierlegende Wollmilchsau, die Deutschland vor dem Niedergang retten kann.

Gegen Bildung ist nichts einzuwenden – ganz im Gegenteil. Bildung jedoch sollte man keinesfalls auf die staatlichen Institutionen Schule und Universität verkürzen. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und angesichts technologischer Entwicklungen werden diese Institutionen wahrscheinlich an Bedeutung verlieren. Studenten an diesen Institutionen wird es gleichwohl immer geben – schließlich bedeutet studieren mehr als sich bilden. So erinnert sich fast jeder gerne an seine Zeit an der Universität zurück.

Sich bilden ist ein lebenslanger Prozess. Mussten Autodidakten sich früher mühsam durch ungezählte Bücher quälen, macht das Internet dies nun deutlich leichter. Information ist mit einem Mausklick verfügbar und zu einem großen Teil auch kostenlos. Zwar ist die gängige Praxis des geistigen Eigentums noch ein gewisses Hemmnis gegen die Wissensrevolution, doch bleibt Bildung längst nicht mehr auf Schriftquellen beschränkt. Interaktives Lernen ist im Trend.

Eine Vielzahl an Anbietern, etwa die Khan Academy, konkurriert um Wissenshungrige. Formate wie TEDx Talks, auf maximal 18 Minuten beschränkte Vorträge, begeistern die Massen. Diese neue Art der Online-Bildung wird als „MOOC“ bezeichnet (Massive Open Online Course) und wird sowohl von kommerziellen als auch Non-Profit-Anbietern betrieben. Sie werden die Universitäten nicht ersetzen, sie werden es ihnen jedoch immer schwerer machen, wenn diese die Zeichen der Zeit nicht erkennen.

Gerade für alphabetisierte Menschen in unterentwickelten Ländern bietet dies Hoffnung. Bildung ist für sie zugänglich, sobald sie Zugang zum Internet haben. Statt Millionen an Entwicklungsgeldern in traditionelle Bildung zu pumpen, kann man sich darauf konzentrieren, die Menschen zu alphabetisieren und zur Selbstbildung zu befähigen. Auch in unseren Breiten bieten sich ganz neue Möglichkeiten. Kürzlich sorgte ein Obdachloser in den USA für Aufsehen, der innerhalb von vier Wochen programmieren lernte und seine erste App veröffentlichte. Ein Weg aus der Armut ist so möglich.

Noch hält sich zwar die gesellschaftliche Konvention, die Abschlüsse über Fähigkeiten stellt, doch wird diese in Zukunft an Bedeutung verlieren. Unternehmen werden im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter erkennen, dass ein staatlich anerkannter Abschluss weniger zu ihrer Wertschöpfung beiträgt als der individuelle Ehrgeiz eines Bewerbers mit unkonventionellem Bildungsweg. Google hat das zum Beispiel bereits erkannt.

Denn gerade Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft braucht es, sich ständig weiterzubilden. In einer immer unsicherer werdenden Umgebung, bedingt durch exponentiellen Fortschritt in Wissen und Technik, wird kontinuierliche und dezentrale Selbstbildung die Schlüsselfähigkeit zum persönlichen Erfolg im 21. Jahrhundert werden. Im Gegensatz zu großen Institutionen wie Universitäten kann man als Individuum nämlich sofort reagieren und sich den veränderten Realitäten anpassen.

Die Möglichkeit, aus verschiedenen Wissensquellen auszuwählen, ermöglicht dabei einen kritischen Vergleich. Wissen wird nicht auf dem Silbertablett serviert, sondern muss selbst strukturiert werden. Gerade das ist die Herausforderung für viele Menschen, die aus ihrer Schulzeit nichts anderes gewohnt sind.

Länder wie Deutschland und die Schweiz haben bereits einen Vorteil durch ihr funktionierendes System dualer Ausbildung und privater Berufsakademien – ein wichtiger Faktor der vergleichsweise geringen Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern. Dort lernen Studenten nicht nur graue Theorie, sondern müssen sich von Anfang an in der Praxis bewähren.

Auch in den USA hat man mittlerweile erkannt, wie wertvoll Praxiserfahrung ist. Das Programm „Praxis“ verbindet ausgewählte Online-Bildung aus verschiedensten Bereichen mit einem Job in einem aufstrebenden Start-up-Unternehmen. In Verbindung aus Theorie und Praxis sind die Teilnehmer bereits nach einem Jahr gerüstet, ihr eigenes Unternehmen anzugehen. Noch weiter geht der US-Unternehmer Peter Thiel: Er stellt Stipendien für junge Leute zur Verfügung, die statt zu studieren lieber gleich ein Unternehmen gründen wollen. „Learning by doing“ von risikobewussten jungen Menschen hat uns schließlich bereits Weltkonzerne wie Facebook, Apple und Microsoft beschert.

Für jene, die sich auf rein öffentliche Bildung verlassen, könnte in Zukunft die Luft dünn werden. Wer nicht die Bereitschaft zur kontinuierlichen Bildung mitbringt, wird es schwer haben, mit denjenigen zu konkurrieren, die bereits jetzt dabei sind. Noch liegt die Arbeitslosigkeit für Akademiker unter drei Prozent, noch bedeutet ein staatlich anerkannter Abschluss also fast einen sicheren Job.

Es könnte jedoch passieren, dass bald manche Abschlüsse weniger wert sind als das Papier, auf dem sie zertifiziert sind. Zwar läuft der demographische Wandel auf eine erhöhte Nachfrage an Arbeitskräften hinaus, die jedoch vom vermehrt zu erwartenden Zustrom junger gut ausgebildeter Menschen aus anderen Teilen Europas aufgefangen wird. Nach Informationen des Goethe-Instituts lernten 2010 bereits etwa 14 Millionen Menschen die deutsche Sprache – ein Trend, der aufgrund hoher Jugendarbeitslosigkeit in Europas Süden ungebrochen ist.

So stieg 2010 auf 2011 die Zahl der Sprachkursteilnehmer in Portugal um 22 Prozent und in Spanien um 37 Prozent. Italien verzeichnete von 2011 auf 2012 Zuwachsraten von neun Prozent, Griechenland von 16 Prozent. Bereits die Bereitschaft, es mit der fremden deutschen Sprache aufzunehmen, zeigt die Bereitschaft zur kontinuierlichen Bildung.

Wenn die Universitätsblase platzt, besteht die Hoffnung auf Einsicht, dass sich staatliche Investitionen in Bildung nur bedingt lohnen. Stattdessen lohnt es sich, die Rahmenbedingungen für lebenslanges Lernen zu ermöglichen. Dazu gehört eine Reform des geistigen Eigentums, um bisher eingeschränkt zugängliches Wissen zugänglich zu machen, eine Abschaffung der Schulpflicht beziehungsweise Ersetzung durch eine Bildungspflicht und die Bereitschaft, dem Menschen bestimmtes Wissen nicht aufzudrängen, sondern ihn selbst entscheiden zu lassen, wie und was er lernt.


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