21. August 2014

Club Helvétique Die königlichen Philosophen

Dort verlogen, hier wahr

Es ist schon eine Weile her, so um die 2.400 Jahre, dass uns der griechische Philosoph Platon Folgendes mit auf den politischen Weg gab: Den Staat sollten Philosophen regieren. Denn die Philo-Sophoi – wie es die griechische Wort­kombination sagt – lieben die Wahrheit. Also streben sie nach Wahrheit. Ja, letztendlich kennen sie die Wahrheit. Und die muss man ja kennen, wenn man den Untertanen sagt, wo’s lang geht.

Allerdings hat es mit der Umsetzung seither ziemlich geharzt. Wirklich überzeugende „Philosophenkö­nige“, wie man die Platonschen Idealregenten später nannte, scheinen eine rare Spezies zu sein. Doch jetzt haben wir sie gefunden, ein ganzes Rudel sogar, etwa 30 an der Zahl, und zwar bei uns in der Schweiz. Sie nennen sich „Club Helvétique“ (abgekürzt „CH“). Gescheite Männer und Frauen, Professoren, Parlamentarier, Gerichtsmagistraten, Intellektu­elle, Medienschaffende, die in hochkarätigen Bildungsanstalten und prestigiösen Staatsfunktionen beharrlich nach der Wahrheit gesucht und diese inzwischen auch gefunden haben. So quasi ein Club der königlichen Philo­sophen. Ein wahrer Glücksfall für unser Land!

So bietet sich uns die einmalige Chance, aus edlen Philosophenmündern zu erfahren, was wahr und was unwahr, was richtig und was falsch ist. Erst dieser Tage wieder, zum 1. August, hat sich der CH mit einem „Manifest für eine offene und humanitäre Schweiz“ gemeldet und uns darin mitgeteilt, welches nun die wirklich richtige Schweiz ist im Gegensatz zur wirklich falschen Schweiz: Die falsche Schweiz ist die der SVP, die richtige Schweiz die des CH. Jene sei die Scheuklappen-Schweiz, diese die weltoffene humanitäre Schweiz. Dort finster, hier erleuchtet. Dort schwarz, hier weiß. Dort dumm, hier gescheit. Dort verlogen, hier wahr.

Platon, der wahrheitsliebende Philosophenkönig der ersten Stunde, hätte seine helle Freude daran.

Und auf der CH-Website wird noch nachgedoppelt: „Es braucht Leute, die diesen Verdummungen und Vereinfa­chungen mit gescheiten Argumenten entgegentreten.“ Oder: „Die heutige individualisierte Gesell­schaft braucht kritische Vordenker, die in diesem Lande immer wieder das richtig verstandene Ge­meinwohl identifizieren und als Ziel für die Schweiz formulieren.“ Und dann natürlich: „Zu diesen gehört der Club Helvétique: Ich bin dankbar dafür, dass es ihn gibt.“ Oder: „Ich möchte den Menschen in unserem Land – und den Medien! – zukunftsgerichtete, intelligente, gerechte Lösungen für unsere Probleme präsentieren.“

Nun kann man das mit diesem platonischen Tipp aber auch anders sehen, etwas weniger schön. Darauf hat bei­spielsweise der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs hingewiesen. In seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ hat er gezeigt, wozu die Idee der wahrheitsverwaltenden Philosophenkönige führen kann: Wer – wie Platon – schreibe: „Der Weise soll führen und herrschen und der Unwissende soll ihm folgen“, der dürfe sich nicht wundern, wenn es zu so totalitären Ausartungen wie jenen des 20. Jahrhunderts komme. Das beste Rezept gegen diese Gefahr bestehe aber noch immer darin, solch eingebildete Wahrheitsanmaßungen nie für wichtiger zu nehmen als das, was sie sind, nämlich skurrile Lachnummern.

Vielleicht ist diese Kolumne schon etwas zu viel der Aufmerksamkeit.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Basler Zeitung“.


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