21. August 2014

Der Fall James Foley Wo bleiben die unleugbaren Beweise?

Echte Empörung oder Ghouta 2.0?

Gleich vorweg eine Frage: Wer hat das ominöse Video, das die Ermordung des amerikanischen Journalisten James Foley durch einen IS-Kämpfer zeigen soll, eigentlich schon gesehen? Ich meine, mit eigenen Augen? Wo ist es? Existiert das angeblich letzten Dienstag auf Youtube von ISIS/IS hochgeladene Filmchen überhaupt noch irgendwo? Oder gibt es nur wieder das übliche Angeblich, Vermutlich, Sollhaben und Washingtongabbekannt? Natürlich kochen bei solchen Themen schnell die Emotionen hoch. Schwerer Fehler. Man sollte lieber etwas nüchterner an die Sache herangehen und sich fragen, ob es sich nicht wieder um einen geschickt ausgenutzten Propagandastunt handelt, um militärisches Engagement ausweiten oder verlängern zu können.

Wer meint, solche Fragen als „pietätlos“ bezeichnen zu müssen, sei hiermit an die berühmte „Brutkastenlüge“ erinnert. Diese Geschichte, erzählt vor einer zu Tränen gerührten Presse von einer jungen Dame, die laut eigenen Angaben Krankenschwester in einem kuwaitischen Krankenhaus gewesen sein und beobachtet haben will, wie irakische Soldaten Säuglinge aus Brutkästen rissen, die Kleinen zum Sterben auf dem kalten Boden zurückließen und die Kästen mitnahmen (da man sich im ölreichen Irak keine Brutkästen leisten konnte, mußte man sie eben stehlen ...), stellte sich später als Fabrikation heraus – erstunken und erlogen von Anfang bis Ende. Die damalige US-Regierung unter George H.W. Bush hatte eine Werbeagentur (!) damit beauftragt, eine dramatische Geschichte zu stricken, um die „öffentliche Meinung“ zu manipulieren und eine Rechtfertigung für den Irakkrieg zu schaffen. Die angebliche Krankenschwester war die Tochter des kuwaitischen Botschafters. Auf die interessante Frage, wie Menschen eigentlich psychisch beschaffen sein müssen, um mit den Emotionen zahlloser Menschen auf eine schlicht perverse Art zu spielen, um Kriege zu rechtfertigen, sei an dieser Stelle verzichtet.

Und nun erzählt man der Weltöffentlichkeit – bisher auf nichts anderem basierend als Angeblich, Mutmaßlich, Sollhaben, Washingtongabbekannt, Geheimdienstmitarbeiter sind überzeugt –, die Ermordung Foleys zeige doch eindeutig, dass man sich in der Region noch stärker militärisch engagieren müsse. Also einen Plan zu verwirklichen gedenkt, der bereits seit vielen Jahren besteht und von US-General Wesley Clark einmal mit den Worten umschrieben wurde, es gehe dabei um Regimewechsel in sieben Ländern innerhalb von fünf Jahren (Irak, Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und Iran). Nun sind seit 2001 bereits mehr als fünf Jahre verstrichen; die Herrschaften Geostrategen liegen also weit „hinter der Zeit“, die sie zur Umsetzung ursprünglich anberaumt hatten. Richard N. Haas, Direktor des einflußreichen Council on Foreign Relations (CFR), das als außenpolitische „Kommandozentrale“ gilt und von dem Hillary Clinton einmal sagte, sie empfange von dort ihre Anweisungen, twitterte am 20. August 2014 kurz vor neun Uhr abends: „Foley murder shows ISIS is global threat. Need to broaden US-led campaign beyond humanitarian & protection of US personnel to the strategic” („Ermordung Foleys zeigt ISIS als globale Bedrohung. Müssen die US-geführte Kampagne ausdehnen, über humanitäres Engagement & zum Schutz von US-Personal hinaus zur strategischen Kampagne“).

Womit nicht gesagt sein sollte, Foley sei überhaupt nicht ermordet worden und die gesamte Geschichte eine bloße Erfindung. Die Frage ist nur – und es ist eben keine geschmacklose, sondern angesichts der aus der jüngeren Vergangenheit einschlägig bekannten Glaubwürdigkeitsprobleme solcher Meldungen, vom Chemieangriff im syrischen Ghouta bis zum immer noch unaufgeklärten Absturz des Flugs MH 17 der Malaysian Airlines, eine völlig berechtigte, die leider gestellt werden muss –, was nun wirklich dahintersteckt. Es ist bekannt, dass man schon lange auf einen „Regime change“ in Syrien hinarbeitet. Bevor die Umstände, unter denen das jüngste „Beweismittel“ (Video) entstand, nicht restlos geklärt sind – was vorerst wohl nicht zu erwarten steht, falls es überhaupt jemals geschehen sollte –, muss man leider die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es sich dabei um eine „Psy-Op“ handelt, um endlich ans gewünschte Ziel zu gelangen.

Insbesondere, da die Hintergründe der jüngsten „globalen Bedrohung“ ISIS/IS durchaus umstritten sind, auch wenn der Mainstream noch so laut die Kriegstrommel rührt und sämtliche anderslautenden, „störenden“ Informationen, statt ihnen nachzugehen und sie wenigstens mal einer Prüfung zu unterziehen, wie gewohnt einfach stur ignoriert.

So zum Beispiel die Meinung Dr. Steve Pieczeniks. Pieczenik diente unter vier US-Regierungen (Gerald Ford, Jimmy Carter, Ronald Reagan und George H.W. Bush), er war „Deputy Assistant Secretary“ im US-State Department und arbeitete dort unter Henry Kissinger, Cyrus Vance und James Baker. Er war selber an Planung und Durchführung so genannter „Regime changes“ beteiligt, als Berater der CIA tätig und wurde – aufgrund seines beruflichen Hintergrundes als ausgebildeter Psychiater – in  „Hostage negotiations“ als Spezialist für Verhandlungsführung bei Geiselnahmen eingesetzt. Er ist also nicht irgendein dahergelaufener „verschwörungstheoretischer Blogger“, sondern jemand, der nicht nur Meldungen von Nachrichtenagenturen abtippt oder Verlautbarungen des NATO-Generalsekretärs nachquäkt, sondern mehr als zwei Jahrzehnte Berufserfahrung in den Feldern vorweisen kann, über die er spricht. Seine Laufbahn allein ist natürlich noch kein Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptungen bezüglich der Hintergründe von IS; sie sollen hier lediglich als alternative Information präsentiert werden, um dem falschen Eindruck entgegenzuwirken, es bestünden diesbezüglich überhaupt keine Zweifel.

In einem sichtlich wütenden Kommentar schrieb Pieczenik am 8. August 2014 in seinem Blog: „Wie aus Präsident Obama der neue ‚Lord of War‘ wurde: Schickt noch mehr Waffen, Kampfflugzeuge und Spezialeinheiten, um amerikanische Waffen zu zerstören, die man zuvor der gescheiterten irakischen Regierung und ihrem Militär überließ. Letzte Nacht haben wir Obamas zögerliche, fadenscheinige Erklärung gehört, Amerika müsse zum vierten Mal im Irak eingreifen, um Kurden, Christen und Jesiden zu retten. Diese einstudierten Gründe für eine weitere Intervention im Irakkrieg, der mittlerweile mehr als ein Jahrzehnt kontinuierlichen amerikanischen Versagens und selbst zugefügter Wunden umspannt, sind weder überzeugend noch verlockend. Mehr als fünf Jahre habe ich davor gewarnt, dass Christen im Nahen Osten abgeschlachtet werden, aber Obama bediente nur die üblichen Slogans des ‚Schutzes religiöser Minderheiten‘ sowie ‚humanitärer Sorge‘, um Drohnenangriffe, Kampfbomberflüge und die Entsendung amerikanischer Militärberater zu rechtfertigen, um der nicht-existenten irakischen Regierung zu ‚helfen‘. Was Obama und seine militärischen sowie geheimdienstlichen Lakaien dabei leider zu erwähnen vergaßen, ist der Umstand, dass die neuerliche, von der CIA geschaffene Bedrohung namens ‚ISIS‘ sich diejenige  hochgeschätzte militärische Ausrüstung unter den Nagel riss, die die USA bereits dem dysfunktionalen irakischen Militär überließ. Wie in früheren Blogposts bereits erwähnt, ist ISIS ein ‚Frankensteinmonster unserer sich selbst verstümmelnden CIA und ihrer militärischen Kohorten‘. Wir haben nichts anderes erreicht, als gegen uns selbst Krieg zu führen, angefangen mit den unter Bush/Cheney begonnenen Angriffen auf Amerikaner (WTC), um die nicht-existenten ‚Massenvernichtungswaffen‘ sicherzustellen. Dann setzten wir amerikanische Waffen gegen Saddam Husseins Waffen aus US-Herstellung ein und hinterließen im Irak ein einziges Chaos. Danach schickten wir noch mehr Waffen an die Regierung unter Maliki, die vom Iran unterstützt wurde und mit diesem zusammen gegen unsere eigenen Waffen kämpfte, die wir sunnitischen Soldaten überließen, die ursprünglich aus Saddams Armee desertierten – dank der Herren Bremer und Slocombe. Erkennt ihr die unfassbare Absurdität dieses Teufelskreises, den man als ‚gerechtfertigte Kriege‘ bezeichnet, um die Welt und Amerika gegen diejenigen sunnitischen Terroristen zu verteidigen, die wir zusammen mit Saudi-Arabien, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie der Türkei zu erschaffen halfen?“

Pieczenik ist beileibe nicht der einzige, der so denkt. Es scheint in Teilen des US-Militärs derzeit zu brodeln, da viele ranghohe Offiziere nicht mehr gewillt sind, die verheerenden und für das Ansehen sowie die Sicherheit der USA fatalen geostrategischen Schachzüge im Nahen Osten weiter mitzumachen. Diese Leute haben einen Eid geschworen, amerikanische Bürger zu verteidigen und zu schützen – aber keinen Eid auf eine kleine Machtelite korporatistischer, gemeingefährlicher Irrer, die ganze Regionen der Welt rücksichtslos in Trümmerhaufen verwandeln.

Vor allem die Bürger Amerikas sollten deshalb sofort eine umfassende Aufklärung des jüngsten Vorfalls einfordern – kein Hättekönnte-Blabla mehr, keine Augenwischereien, kein Angeblich, Mutmaßlich und Washingtongabbekannt. Das Originalvideo, falls noch existent, sollte von einem unabhängigen Expertenteam genauestens analysiert werden. Bitte nicht von einer Drei-Buchstaben-Agentur wie dem FBI oder der CIA, die sich in der Vergangenheit nicht nur als in solchen Dingen unzuverlässig erwiesen haben, sondern in zahlreiche terroristische Aktivitäten gleich selber verwickelt waren. Die Ermordung eines Menschen durch marodierende Terrorbanden ist schlimm genug, ganz egal, was und wer nun tatsächlich hinter ihnen steht oder sie tatsächlich auf eigene Faust handeln. Diese aber heranzuziehen nicht etwa nur zur Beseitigung einer terroristischen Bedrohung, sondern für fortgesetzte Kriegs- und Zerstörungsorgien, für eine erwartbare Verlängerung des Leidens aus geostrategischen und/oder energiepolitischen Gründen, die nichts weiter heraufbeschwören werden als noch mehr Chaos, noch mehr Tote und noch mehr böses Blut, ist absolut unentschuldbar. In diesem Zusammenhang ist es meiner Meinung nach bezeichnend, dass ISIS/IS für einen erstaunlich langen Zeitraum munter drauflosmorden konnte, ohne dass gleich Gegenmaßnahmen gefordert worden wären. Diese Entscheidung fiel erst, als die Terrorbande auf Erbil vorzurücken drohte, den Regierungssitz der „Autonomen Region Kurdistan im Irak“, das als „Öldorado“ gilt und in dem zahlreiche Ölfirmen bereits fleißig zapfen. Darunter mehrere amerikanische (Exxon Mobil, Chevron, Marathon Oil Corporation, Prime Oil, Hess Corporation, HKN Energy), eine französische (Total), drei englische, zwei der Vereinigten Arabischen Emirate, zwei russische (Gazprom Neft, Norbest) sowie einige andere.

Der Presslufthammer-Interventionismus, ob offen oder verdeckt, dessen Begründungen sich in der Vergangenheit ein ums andere Mal als Täuschungen, oft sogar als Eigenfabrikationen entlarvten, muss endlich ein Ende haben. Darüber sollte auch die deutsche Bundesregierung lange und reiflich nachdenken.


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