22. August 2014

Schwerpunktthema Ordnung und Anarchie

Ja zur Naturrechtskonzeption

In der allgemeinen Anschauung ist der Liberalismus diejenige politische Lehre, die eine Gesellschaft freier Individuen anstrebt. Individuelle Freiheit ist das Ziel, Privateigentum das Mittel. Diese Auffassung ist sicherlich richtig, aber sie erfaßt nur einen Aspekt des Liberalismus und macht dadurch seinen staatsorientierten Gegnern das Leben leichter als sie es verdienen. In der Tat wird den Liberalen immer wieder vorgehalten, daß uneingeschränkter Individualismus zu Chaos und Unordnung führe und mithin gesellschaftliches Zusammenleben unmöglich mache. Es könne daher keinen reinen Liberalismus geben. Staatliche Gewalt sei gefordert, um den nötigen Ordnungsrahmen zu schaffen, damit die Anarchie der Einzelinteressen unterbunden und individuelles Handeln in sinnvolle Bahnen gelenkt werde. Der Staat schaffe Ordnung; ohne ihn verfalle die Gesellschaft in Anarchie – das ist die wohlbekannte Ideologie der Staatsfans. Leider sind auch die meisten Liberalen diesem Irrtum aufgesessen, und das hat uns in der leidvollen jüngeren Geschichte einiges gekostet. Es lohnt sich daher, den anderen Aspekt des Liberalismus ein wenig zu betonen – daß er nämlich eine rationale Ordnung schafft, die ihresgleichen sucht.

Eine liberale oder freie Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Privateigentümern. Was heißt das? Zunächst einmal ist jeder Mensch ein Selbstbesitzer, d.h. jeder ist Eigentümer seines Körpers, und niemand außer ihm hat ein Recht, darüber zu verfügen. Desweiteren hat jeder das Recht, sich mit seiner Hände Arbeit andere physische Gegenstände wie Land, Pflanzen, Tiere, Häuser, Autos, Kühlschränke und Vollkornbrot anzueignen. Das kann auf drei Arten erfolgen: a) indem man sich Gegenstände aneignet, die keinen Eigentümer haben (z.B. wilde Tiere, unberührtes Land), b) indem man Gegenstände mit Hilfe seines Eigentums produziert und c) indem man Teile seines Eigentums gegen Teile des Eigentums anderer Menschen tauscht.

Nun lautet der übliche Einwand an dieser Stelle, daß es keinen Sinn hat, von Eigentum und Rechten zu sprechen, ohne die Existenz eines Staates anzunehmen, der Eigentum und Rechte schafft. Diese Auffassung ist allerdings gänzlich unbegründet und befangen in Vorurteilen. Erstens wird wohl kaum jemand (außer den unverbesserlichen Bewunderern staatlicher Gewalt) ernsthaft behaupten, daß der Staat Rechte schafft. Denn das würde bedeuten, daß der Staat auch “Rechte” schaffen könnte, die ganz offensichtlich Unrecht sind. Zum Beispiel könnte der Bundestag dann erlassen, daß jeder das Recht hat, Rothaarige zu köpfen, oder daß alle Deutschen den Belgiern die Autoreifen aufstechen dürfen, oder daß der Kanzler sich jede Frau zu Willen machen darf, die er begehrt. Offensichtlich sind dies allesamt Fälle von Unrecht, selbst wenn ein Parlament oder ein König etwas anderes darüber erläßt. Und so wie hier können wir auch in anderen Tatbeständen Recht und Unrecht durch Gebrauch unseres gesunden Menschenverstandes scheiden. Der Staat kann das in der Natur der Sache liegende Recht und Unrecht bestenfalls anerkennen, nicht aber beliebig setzen. Zweitens können sich diejenigen Institutionen, die sich mit der Rechtspflege befassen (Gerichte und Polizei), auch ohne den Staat erhalten. Wie jede andere Art von nützlichen Unternehmen können sie nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen geführt werden, und wie in allen anderen Fällen sind ihre Leistungen dann besser, als wenn sie vom Staat gefüttert und gegängelt werden. Drittens ist es eine Tatsache, daß Gerichts- und Polizeidienste von Privatleuten erbracht werden und erbracht worden sind. Insbesondere sind Gerichte jahrhundertelang privat geführt worden, und auch heute noch werden Schiedsgerichte so geführt. Es ist ferner eine Tatsache, daß ein zivilisierter Umgang mit Bürgern anderer Staaten möglich ist, obwohl es keine Weltregierung gibt. Wie ist das möglich, wenn angeblich nur staatliches Eingreifen Ordnung schafft? Aus all dem wird deutlich, daß Eigentum und Rechte keine staatlichen Geschöpfe sind. Sie werden nicht durch Willkür definiert, sondern durch objektive Tatbestände, die der Erkenntnis durch den menschlichen Verstand offenstehen.

Kehren wir also zurück zu den typischen Eigenschaften einer freien Gesellschaft. Es ist klar, daß jeder sein Eigentum in der Weise verwendet, die für ihn persönlich am wichtigsten ist. Die bösen Schacherer und Pfennigpfuchser wollen Berge von Geld anhäufen, und daher investieren sie ihre Zeit und ihr Geld an der Börse oder in anderen vermeintlich gewinnträchtigen Unternehmungen. Die lieben Freunde der Armen und Benachteiligten erteilen kostenlosen Unterricht, sorgen für Kleidung, Speise und Trank und bemühen sich, möglichst viel Spenden einzutreiben. Die Gelehrten schreiben Pamphlete gegen die Schwachköpfe dieser Welt und rennen dann ihren Honoraren hinterher, damit sie die Bücher der Schwachköpfe kaufen können. Die armen Maler gehen zum Arbeiten in die Fabrik, damit sie die Farbe für das Bild der Bilder kaufen können. Die Sportsfreunde verbringen Freizeit und Geld auf dem Tennisplatz oder im Stadion. Väter und Mütter beaufsichtigen die Kinder bei den Schularbeiten und beglücken sie mit Mozartkonzerten und klassischer Literatur, damit aus ihnen was wird. Und so weiter und so fort. Eine freie Gesellschaft ist eben wie jede Gesellschaft auch ist. Sie besteht aus Menschen wie Du und ich – die ihre Träume haben oder resigniert sind, die faul sind oder fleißig, die sich irren, die krank sind oder arm und schwach, die reich und glücklich sind. Sie besteht aus Kommunisten, Individualisten, Nationalisten, Rassisten, Kosmopoliten, Katholiken, Teufelsanbetern usw. Die Besonderheit einer freien Gesellschaft besteht darin, daß in ihr alle (bis auf die üblichen kriminellen Elemente) das Eigentum anderer anerkennen. Der liberale Rassist z.B. wird mit seinem Eigentum alles tun, um den Untermenschen das Leben schwer zu machen – aber er wird weder das Eigentum der Untermenschen noch das Eigentum der Nicht-Rassisten antasten. Der liberale Kommunist wird mit seinem Eigentum die Irrtümer des Individualismus öffentlich anprangern und alles tun, um der individualistischen Pest entgegenzuwirken – aber auch er wird die Finger vom Eigentum der Fürsprecher des Individualismus und ihrer Sympathisanten lassen.

Das wesentliche Kennzeichen der freien Gesellschaft ist somit, daß jede Art gesellschaftlichen Verkehrs freiwilliger Natur ist. Jeder hat es selber in der Hand, sich mit anderen Menschen zusammenzutun oder seine Mitwirkung abzulehnen. Jeder muß auch selber die Konsequenzen seines Handelns tragen. Der fanatische Rassist läuft Gefahr, daß niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben möchte, und der notorische Bankrotteur wird früher oder später niemanden mehr finden, der ihm noch Geld leiht. Hier begegnen wir der ordnungsschaffenden Kraft des Privateigentums: Es zwingt uns zu verantwortlichem Handeln. In allen denkbaren Formen des Zusammenlebens ist der Mensch mit der universellen Tatsache der Knappheit konfrontiert. Knappheit bedeutet, daß auch der mächtigste Mensch nur unzureichende Mittel hat, um seine Ziele zu verfolgen. Menschen müssen daher unter ihren Zielen auswählen. Sie müssen sich für die Verfolgung einiger Ziele entscheiden und andere zurückstellen. Für den Umgang mit anderen Menschen bedeutet Knappheit immer zweierlei: daß wir diejenigen, mit denen wir etwas unternehmen, bevorzugen oder auswählen, und daß wir alle anderen, mit denen wir auch hätten verkehren können, benachteiligen oder diskriminieren. Die ordnungsschaffende Kraft des Liberalismus beruht nun darauf, daß der Einzelne für sein Auswahlverhalten verantwortlich gemacht wird. Führen wir uns ein paar Beispiele vor Augen.

Im Bereich der Familie ist die Sache besonders offensichtlich. Wer heiratet und eine Familie gründet, sucht sich dafür den besten Partner aus, den er finden kann. Die Gesichtspunkte, nach denen sich dieses Optimum bestimmt, werden natürlich von Person zu Person andere sein. Doch was auch immer die Kriterien sind – romantische Liebe, Charakter, Alter, Rasse, Erbanlage, politische Anschauungen usw. – die Wahl des Partners bedeutet gleichzeitig, daß gegen alle anderen Menschen diskriminiert wird. Dem Partner widmen wir die Zeit und Aufmerksamkeit, die wir anderen verwehren. Ähnlich verhält es sich bei der Kindererziehung, bei der wir unsere Kinder bevorzugen. Wir könnten unsere Zeit und Mittel auch auf die Erziehung anderer Kinder verwenden, aber wir tun es nicht, weil jede Minute und jeder Pfennig, der uns zur Verfügung steht, schon für wichtigere Zwecke reserviert ist. Der Liberalismus macht nun den Einzelnen für seine Diskriminierungen verantwortlich. Wer den falschen Partner wählt, hat Jahre der Entbehrung vor sich und verliert dabei die Zeit, die er bräuchte, um den richtigen Partner zu finden. Wer die Kinder falsch erzieht, verdirbt sich die Zukunft und setzt seine heutigen Energien in den Sand. Natürlich kommt es auch in freien Gesellschaften zu solchen Irrtümern. Doch die Verantwortung, die jeder für sein Eigentum trägt, zwingt ihn, sein Bestes zu tun, um solchen Irrtümern vorzubeugen.

Auf dem Markt gestaltet sich der Prozeß von Auslese und Verantwortung ganz entsprechend. Tatsache ist, daß wir jede Mark aus unserem Geldbeutel nur einmal ausgeben können. Indem wir DM 3.000 für ein Sofa bezahlen, können wir dieses Geld nicht mehr für Autos und Steaks, für Spenden oder Trinkgelder, für den Kindergarten oder Theaterabende usw. ausgeben. Dadurch machen wir die Produktion von Sofas rentabler und den Betrieb von Kindergärten und die Produktion von Autos, Steaks usw. unrentabler als sie es sonst gewesen wären. Wir kooperieren mit dem Sofa-Verkäufer, weil dies für uns unter den gegebenen Umständen am wichtigsten ist. Und wir verweigern unsere Kooperation allen anderen. In dieser Demokratie des Marktes ist jeder veräußerliche Bestandteil des Eigentums eine Stimme, die im Wettbewerb der Unternehmen um die knappen Ressourcen zum Tragen kommt. Als Kapitalist stehe ich vor der Entscheidung, wie ich mein Eigentum investiere. Soll ich mein Geld unterm Kopfkissen lassen oder es anderen Menschen anvertrauen, d.h. Aktien kaufen oder Kredite erteilen? Oder soll ich selber eine Firma eröffnen und versuchen, andere Menschen als Mitarbeiter und Kunden zu gewinnen? Wie auch immer ich mich entscheide – in einer freien Gesellschaft bin ich allein für meine Wahl verantwortlich. Ich streiche die Früchte ein, aber ich trage auch die Verluste. Diese Verantwortung ist der größtmögliche Anreiz, Verschwendungen zu vermeiden und produktive Ideen zu verwirklichen. Der Marktprozeß ist somit ein Auswahlverfahren, das durch diskriminierende Zusammenarbeit gesteuert wird. Als Konsumenten lenken wir diesen Prozeß durch unsere diskriminierende Kooperation, als Kapitalisten und Produzenten sind wir auf die diskriminierende Kooperation anderer Menschen angewiesen. Nichts in diesem zivilisierten Vorgang erinnert an das Gesetz des Dschungels. Im Dschungel herrscht das Gesetz des Stärkeren, und der Schwächere verliert all sein Eigentum und auch sein Leben. In der freien Gesellschaft dagegen sind auch die Schwächeren geschätzte Kooperationspartner. Nur sind sie eben nicht so geschätzt wie die Besseren, und ihre Einkommen aus dem gesellschaftlichen Verkehr sind daher geringer.

Das typische Merkmal des Ausleseprozesses in einer freien Gesellschaft ist also, daß nur die jeweils besten Produktionsideen zu dauerhaften Unternehmen führen können. Alle anderen Ideen müssen früher oder später aufgegeben werden, und die erfolglosen Unternehmer treten zurück in die Reihen der Lohnarbeiter. Nur die besten Unternehmer schaffen es, eine ausreichende Kooperation ihrer Mitmenschen auf sich zu lenken, weil sie die besten Kooperationsbedingungen anbieten. Die höchsten Einkommen wiederum werden von den besten der besten Produzenten erzielt, d.h. von denjenigen, die die unter den gegebenen Umständen wichtigsten Güter und Dienste anbieten. Daraus erkennt man leicht, daß die typische Ordnung der Eigentümergesellschaft eine aristokratische ist. Denn natürlich beschränkt sich der Ausleseprozeß nicht nur auf den Fall der auf dem Markt erzielten Geldeinkommen. Auch Ruhm und Ansehen unterliegen der Auslese, und dies ist meist nicht vom Einkommen oder Vermögen des betreffenden Menschen abhängig. Wissenschaftler und Künstler rühmen wir für ihre Leistungen, aber wir geben ihnen nicht unbedingt unser Geld. Dennoch erbauen wir uns nur an den Werken der Besten, und mit denen der anderen machen wir uns nur ab und zu vertraut. Menschen mit Geschmack und wenig Zeit lesen eher Rilke als sich auf ein Abenteuer mit der mit der neurotischen Gegenwartslyrik einzulassen, und Leute von Verstand befassen sich eher mit Mises als abendelang in Marx zu blättern.

Die Aristokratie der freien Gesellschaft wird ständig erneuert. Sie bildet sich unter dem demokratischen Urteil aller Eigentümer, und dieses Urteil hängt von Bedingungen ab, die sich laufend ändern. Was die „besten“ Leistungen sind, wird durch das Handeln der Menschen jeden Tag neu definiert. Zudem drängen Tag für Tag junge Unternehmer, Wissenschaftler und Künstler nach und machen den Etablierten das Leben schwer. In der freien Gesellschaft gibt es daher keine ewigen Adelstitel. Ihr Adel ist eine Klasse, in die man ebenso schnell gelangt wie man aus ihr auch wieder entfernt wird. Die einzige Möglichkeit, die „Revolution der Eliten“ (Pareto) zu überstehen, sind dauerhaft hervorragende Leistungen.

Diese Bemerkungen sollten zur Beschreibung der charakteristischen Merkmale einer freiheitlichen Ordnung reichen. Es ist ein Fabelmärchen, daß der Liberalismus zu einer Gesellschaft des anything goes führt. Privates Eigentum ermöglicht zwar einen weit größeren Pluralismus als wir ihn im Moment kennen, doch es zwingt jeden Einzelnen auch zu weitaus größerer Umsicht, Vorausschau, Vorsicht und Disziplin. Die Ordnung, die der Liberalismus schafft, ist zwar nicht starr, aber sie ist streng. Sehen wir nun, welchen Einfluß der Staat auf diese gesellschaftliche Ordnung hat.

Um diesen Einfluß zu verstehen, müssen wir uns zunächst vor Augen führen, wodurch sich staatliche Betätigungen auszeichnen. Die Sache ist relativ einfach: Das Wesen des Staates besteht darin, daß einem Menschen oder einer Gruppe von Menschen das Recht zugestanden wird, privates Eigentum zu verletzen. Der Staat hat zwar die Aufgabe, das Eigentum seiner Untertanen vor Zugriffen Dritter zu schützen. Aber zur Erfüllung dieses Zwecks wird in seinem Fall eine Ausnahme gemacht: Er darf ungestraft auf privates Eigentum anderer Menschen zugreifen. Er darf den einen etwas wegnehmen, um es anderen zu geben. Er darf Menschen vorschreiben, wie, wann, wo, und zu welchen Zwecken sie „ihr Eigentum“ gebrauchen dürfen. Offensichtlich ist er bei diesen Betätigungen nicht weniger diskriminierend als jeder Privateigentümer auch. Worin besteht also der Unterschied? Darin, daß die Verantwortung, die mit dem Privateigentum einhergeht, systematisch unterhöhlt wird.

Ein erstes Beispiel sind die staatlichen Eingriffe ins Familienleben. Es ist heutzutage in Deutschland unmöglich, in einem Ehevertrag materielle Vereinbarungen zu machen, die vor irgendeinem staatlichen Gericht Bestand haben. Was die Eheleute auch immer vereinbaren mögen – wenn es hart auf hart geht, schreibt der Staat eine bestimmte Mindestversorgung vor, die in aller Regel der Mann zu tragen hat. Richtig zur Ader gelassen wird der Mann in den Fällen, in denen kein Ehevertrag geschlossen wurde. Was ist die unvermeidliche Folge? Die Kosten einer falschen Partnerwahl werden insbesondere für die Frau stark verringert, und daher erfolgt die Wahl nicht mehr mit der gebotenen Umsicht. Es spielt keine Rolle, ob man sich „mal vertut“, da zur Not der starke Arm des Staates für einen sorgt. In die gleiche Richtung wirkt die staatliche Sozialhilfe. Sie untergräbt die Notwendigkeit, sich in einen stabilen Familienverbund einzufügen, und überhaupt die Notwendigkeit, anderen Menschen in irgendeiner Form entgegenzukommen. Wer Aussicht auf Sozialhilfe hat, hat einen geringeren Anreiz, etwas aus sich zu machen, einen Ehepartner zur Erziehung der Kinder zu finden oder wenigstens seine schlechten Manieren zu bessern – denn er „kriegt die Kohle sowieso“. Diese Folgen sind heute nur allzu offensichtlich in den ständig steigenden Scheidungsraten und den Heerschaaren von alleinerziehenden Müttern und Asozialen. Weit davon entfernt, die Zahl der Notdürftigen zu verringern, schafft der Staat erst die Misere – und fordert dann immer mehr Steuern, um den selbstgemachten Schlamassel zu beheben (sprich: zu verschlimmern).

Ähnlich steht es um die Folgen staatlicher Eingriffe in die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Eltern sind heute nur noch Treuhänder des Staates, d.h. sie dürfen sich um ihre Kinder kümmern, solange der Staat keinen Grund findet, sie ihnen wegzunehmen. Der Staat schreibt den Eltern vor, daß und mit welchen Methoden sie sich um ihre Kinder kümmern sollen. Er schreibt ihnen vor, daß, wann und wie lange die Kinder zu welcher Art staatlicher oder staatlich anerkannter Schule geschickt werden müssen. Und weil es keine wirklich privaten Universitäten in Deutschland geben darf, zwingt der Staat die Kinder faktisch auf staatliche oder staatlich anerkannte Gymnasien, in denen sie dann mit den für alle Bürokratien typischen starren Methoden überfordert oder gelangweilt, in fast jedem Fall aber gequält werden. Die Erziehung des Nachwuchses ist keine Sache elterlicher Autorität mehr, sondern eine gewaltige staatliche Maschine. Auch hier sind die Folgen eindeutig. Zum einen verlieren die Eltern das Interesse an der Erziehung. Wenn sie über die wichtigsten Fragen sowieso nicht entscheiden dürfen, warum sollten sie sich dann den Kopf darüber zerbrechen? Der Staat wird‘s schon richten. Zum anderen verlieren die Kinder den Respekt vor allen Erwachsenen, mit denen sie zu tun haben. Sie merken, daß die Eltern keine wirkliche Autorität über sie haben, sondern sich nach Regeln richten müssen, die von irgendwelchen unsichtbaren Mächten (dem geheimnisvollen Staat) erlassen werden. Und auch die Lehrer dürfen es sich kaum noch erlauben, ihnen schlechte Noten zu erteilen, sie öffentlich für ihre Leistungen zu kritisieren oder ihnen den Zugang zum Gymnasium oder zur Universität zu verwehren. Denn das ist rassistisch, sexistisch oder beeinträchtigt ihre „Persönlichkeitsrechte“ oder ihr „Recht auf Chancengleichheit“, und außerdem schadet es der Karriere des Lehrers auf der staatlichen Schule. All das hat mehrere fatale Folgen. Erstens wird den Kindern der Anreiz genommen, sich höfliche Umgangsformen anzugewöhnen. Denn Eltern und Lehrer haben letztlich keine einschneidenden Sanktionsmöglichkeiten, sondern müssen auch die unflätigste Brut durchfüttern und auf der Schule lassen. Zweitens wird den Kindern der Anreiz genommen, frühzeitig erwachsen zu werden. Aus ihrem „Abhängigenstatus“ ergeben sich für sie nur Vorteile, aber keine Nachteile. Sie bleiben daher auch als Jugendliche infantile Parasiten, die keine Konsequenzen eines schlechten Betragens fürchten müssen. Drittens erlahmt ihr Unternehmungsgeist. Wenn einem bereits in der Grundschule die Vorzüge des staatlichen Sozialsystems gepriesen werden, wenn klar ist, daß von der Krippe bis in den Sarg für einen gesorgt ist – welch ein heroischer Charakter ist dann erforderlich, um dennoch etwas aus sich zu machen? Viertens lernen die Kinder immer weniger, sich wirklich gegen Autoritäten zu behaupten. Das ist vielleicht die schwerwiegendste Folge staatlicher Eingriffe in diesem Bereich. Der Staat räumt den Kindern alle Autoritäten (außer seiner selbst) systematisch aus dem Weg. Wenn diese Menschen dann als „Erwachsene“ ins Leben treten, haben sie mitunter noch niemandem Nein gesagt und die Folgen dafür getragen. Sie haben kein wirkliches Selbstbewußtsein und kein Rückgrat, denn das kann nur aus selbstverantwortetem Handeln entstehen. Fünftens entwickeln die lieben Kleinen ein Disneyland-Verhältnis zum Staat und zum Recht. „Recht“ wird für sie alles, was sie sich mit Hilfe staatlicher Gewalt verschaffen können, und der Staat besteht nicht aus Menschen, sondern er ist die große Maschine, die Stipendien, Förderungen und Sozialhilfe spuckt. Die Liste ließe sich noch um einiges fortsetzen, aber wir wollen es hierbei belassen. Selbst dem verbissensten Staatsfan kann nicht entgehen, daß dies keine graue Theorie ist, sondern die Erklärung für die traurigen Tendenzen der Wirklichkeit. Das Chaos an unseren Schulen und die Infantilisierung der jungen Bürger sind ein Produkt des Staates, der die Ordnung des Eigentums stört.

Ökonomen ist seit langem bekannt, daß der Staat auch in der Wirtschaft nur für Unordnung sorgt. Zur Steigerung der Produktivität hatten die Marxisten eine staatliche Leitung der Wirtschaft empfohlen. Die „Anarchie der Märkte“ sollte durch eine allumfassende Planung ersetzt werden. Doch sie hatten übersehen, daß die Effizienz einer Produktion nur durch ein Kalkül in Geldpreisen bemessen werden kann, und Geldpreise entstehen nur dort, wo es privates Eigentum an den Produktionsmitteln gibt. Indem die staatliche Planung dieses Privateigentum abschafft, zerstört sie die Bedingung der Möglichkeit einer rationalen Verwendung der Produktionsfaktoren. Sie verdrängt die Ordnung des Marktes durch das Chaos der Gewalt. Die staatliche Planung der Gesamtwirtschaft ist ein „geplantes Chaos“ (Mises). Doch auch einzelne staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zeitigen Ergebnisse dieser Art. Staatliche Subventionen und Zölle belohnen die unfähigen Produzenten, die es nicht schaffen, genügend freiwillige Käufer auf sich zu ziehen. Die anderen Mitglieder der Gesellschaft – die die Subventionen in Form von Steuern bezahlen müssen und denen die Zölle die Preise verderben – werden an der für sie fruchtbarsten Zusammenarbeit mit anderen Menschen gehindert. In dem Maße, in dem staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zur Regel werden, konzentrieren die Unternehmen ihre Anstrengungen immer weniger auf die eigentliche Produktion und immer mehr darauf, sich staatliches Wohlwollen zu sichern. Lobbys und Public-Relations-Abteilungen werden wichtiger als die Qualität der Arbeiter und eine sorgfältige Planung der Produktion. Am schlimmsten ist vielleicht die Wirkung des Steuersystems. Jede Mark, die an den Staat abgeführt werden muß, verringert den Anreiz, etwas für seine Mitmenschen zu produzieren. Jungen Unternehmern werden bei einem Grenzsteuersatz von 50% auf Gewinne große Steine in den Weg gelegt, bis sie ein ansehnliches Kapital angehäuft haben. Die Nutznießer sind die etablierten Unternehmen, die typischerweise geringere Gewinne, dafür aber bereits ein höheres Kapital haben. Das staatliche Bremsen der Jungen läßt den ineffizienten Alten Zeit, sich auf den Wettbewerb einzustellen.

Die Beispiele ließen sich auch hier beliebig weit fortsetzen, aber das Ergebnis sollte klar sein. Die Folge all dieser Eingriffe ist, daß die Revolution der Eliten zugunsten der Faulen und Unfähigen behindert wird. Die von der staatlichen Gewalt Bevorteilten bleiben länger am Ruder der Wirtschaft, als sie es nach dem Willen der anderen Eigentümer sollten. Es kommt zur Erstarrung des gesellschaftlichen Gefüges. Aus der aristokratischen Ordnung der freien Gesellschaft macht der Staat die merkantilistische Herrschaft der Bonzen. Im Zusammenspiel von staatlicher Gewalt und individuellen Interessen bildet sich das typische Kartell von Staat, Wirtschaft, Medien und Intellektuellen. Die Arbeitsteilung sieht etwa so aus: Die durch die Gesetzgebung privilegierte Industrie erzielt höhere Einkommen und teilt diese mit den anderen Kartellmitgliedern. Die Intellektuellen in den Amtsstuben und Universitäten erfinden immer neue Rechtfertigungen für dieses Geschacher, und die Lehrer an den Schulen und Universitäten sowie die Medien verbreiten diesen Unsinn. Die Angehörigen des Staatsapparats wiederum sorgen dafür, daß geistige und materielle Konkurrenz nach Möglichkeit unterbunden wird: durch Steuern, Zölle, Subventionen, durch die Verweigerung von Sendelizenzen, durch die Auswahl der Universitätsprofessoren und Lehrer usw. Was ist der “Sinn” dieses Kartells, wenn nicht geistloses Geschacher und Bereicherung auf Kosten anderer? Gibt es ein asozialeres und chaotischeres Milieu? Derweil spielt sich im Hintergrund ein erbarmungsloser Kampf um die Herrschaft im Staatsapparat ab. Wenn für irgendeine Form menschlichen Zusammenwirkens das Gesetz des Dschungels gelten sollte, dann hier. Das sollte nicht verwundern angesichts der Tatsache, daß der Staat die Möglichkeit bietet, sich auf Kosten anderer Leute zu bereichern, während in einer Gesellschaft von Eigentümern nur eine beiderseitige Bereicherung möglich ist – sonst würde niemand tauschen.

Die Schlußfolgerung ist klar. Die Vorstellung, daß der Staat Ordnung schafft, ist ein Mythos, von dem man sich so schnell wie möglich befreien muß. Der Staat zerstört die Ordnung, die die liberale Gesellschaft schafft. Er setzt Chaos und Unordnung an die Stelle einer Gesellschaft, in der die friedliche Kooperation von Eigentümern zur ständig erneuerten Auslese der besten Kooperationsformen führt. Dieser Gegensatz ist unüberbrückbar. Entweder man respektiert das Privateigentum oder man verletzt es. Entweder man will die demokratische Diskriminierung von Besseren und Schlechteren oder man will das Gesetz des Dschungels. Insofern gibt es auch keinen Pluralismus der politischen Ordnungen für gesellschaftliches Zusammenleben. Eine Gesellschaft ist entweder liberal oder sie ist keine.


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