25. August 2014

Herrschaft Augustus ist nicht gestorben

Das Virus lebt weiter

Vor 2000 Jahren sei Kaiser Augustus gestorben, liest man dieser Tage in den Medien. Doch genau gesehen stimmt das gar nicht. Gestorben ist damals bloß die Person, die diesen Titel trug, mit bürgerlichem Namen aber Gaius Octavius hieß und eigentlich gar nicht so wichtig war. Wichtig waren hingegen der Titel des Kaisers und vor allem dessen Eigenschaft als Erhabener, als Emporgehobener, als über allen anderen im Reich Schwebender, oder auf Lateinisch: als Augustus. Und der starb damals überhaupt nicht.

Im Gegenteil. Er strotzte nur so vor Leben und konnte es kaum erwarten, sich nach dem Tod Octavians einen nächsten Trägerwirt auszusuchen. Schwierig war das nicht. Ehrgeizige Männer, die sich für die Rolle des Erhabenen geeignet halten, gab es schon damals gar nicht so wenige. Seien dies nun Söhne oder Vettern des Verstorbenen, Gardekommandanten oder Feldherren, reiche Magnaten oder raffinierte Philosophen. Und so hüpfte Augustus nach dem Tode Octavians nahtlos zum nächsten Wirt, nach dessen Tod zum Übernächsten, dann zum Überübernächsten und so immer weiter.

Und bei all dem gedieh er prächtig. Seine Alleinherrschaft, die er sich mit Hilfe von Octavian rings um das Mittelmeer herum eingerichtet hatte, war erst der Anfang. Mit Hilfe der Nachfolger Octavians baute er sein Reich zielstrebig weiter, ließ seine Heerscharen immer unbesiegbarer werden, seine Verwaltung immer professioneller und sein Marketing immer raffinierter. Seinen cleversten Werbeschachzug machte er nach etwa 400 Jahren, als er sich mit dem jüdisch-christlichen Monotheismus zusammentat, womit seine Erhabenheit einen gewaltigen Zusatzschub erfuhr. Zudem eröffnete dies ein ganzes Reservoir an neuen Erhabenheits-Trägern, die noch so gerne zur Verfügung standen, um die Augustusrolle dann später als Päpste einer katholischen, das heißt weltumspannenden, Kirche wahrzunehmen.

Damit hatte Augustus sein Fernziel, nämlich die ganze Welt von einer einzigen Person beherrschen zu lassen, schon fast in Griffnähe. Und er hätte es gepackt, wäre da nicht plötzlich ein grundlegendes Problem aufgetaucht. Die aufkommende Neuzeit ließ nämlich so etwas wie eine basisdemokratische Skepsis gegenüber allzu starken Herrschern aufkommen. Das war natürlich Gift für Augustus, aber gleichzeitig Anlass zu dem, was man ohne Übertreibung als seinen ultimativen Geniestreich bezeichnen kann: Er verzichtete kurzerhand auf kaiserliche Rollenträger und zog sich in die Abstraktheit zurück. Den Erhabenen aus Fleisch und Blut switchte er um in ein Prinzip der Erhabenheit. Dies in dem Sinn, dass jede Gesellschaft einen institutionell erhabenen Fixpunkt brauche, von dem aus sie zu steuern sei. Das gab Augustus die Möglichkeit, seine Erhabenheit auch mit sogenannt demokratisch gewählten Trägerwirten auszuleben.

Und es wurde dies zum vollen Erfolg. Weltauf und weltab scheint es heute kaum mehr andere politische Denkweisen als die augusteische zu geben. Kein Land, in dem es nicht eine Herrschaftsorganisation gäbe, die in monopolistischer Erhabenheit ihre Untertanen regiert. Und derzeit sind diese Herrschaftsorganisationen munter daran, über internationale Macht- und Hochsteuerkartelle so etwas wie einen Weltstaat herzurichten.

Bemerkenswert rüstig, dieser Augustus, mit seinen 2000 Jahren!

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Basler Zeitung“.


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