26. August 2014

Ernst Niekisch Eine deutsche Revolutionärskarriere mit Opfer-Rentenanspruch

Verschlungene Frontlinien gegen Ernst Jünger

Ernst Jünger hat 1951 mit seiner Metapher vom Waldgang danach gefragt, wie jemand sich in katastrophaler staatlicher Umgebung von Sozialismus,  Nationalsozialismus, Demokratur oder sonstigem offenen oder verdeckten kollektivistischen Totalitarismus geistig unabhängig und widerstandsfähig erhalten kann. Im allgemeinen bilden die Institutionen und die mit ihnen verknüpften Vorschriften gangbaren Boden; es liegt in der Luft, was Recht und Sitte ist. Natürlich gibt es Verstöße, aber es gibt auch Gerichte und Polizei. Der Waldgänger aber bereitet sich auf die jederzeit mögliche Veränderung zu einem verbrecherischen System vor: Man kann sich jedoch nicht darauf beschränken, im oberen Stockwerk das Wahre und Gute zu erkennen, während im Keller den Mitmenschen die Haut abgezogen wird.

Jünger hat nach den KGB-Vorläufern, der Gestapo und während der Anfänge der Stasi die aktuell gebliebene Frage gestellt: Was ist dort zu tun, wo Wahlen abgehalten werden von einem alternativlosen Einheitsparteien-Block, wo offener Widerspruch nur noch in Isolation, sogar in Gefängnisse oder zur Ermordung führt? – Immerhin sorgt die Gleichschaltung für Aufmerksamkeit: Gerade auf eintönigen Unterlagen leuchten Symbole besonders auf. Ein Nein oder ein „W“ an den Hauswänden für „Waldgang“ oder „Widerstand“ wird verstanden und anti-universalistische Partisanen können selbst Heere lähmen, wie man es an der Napoleonischen Armee in Spanien gesehen hat.

Der zeitweise auch konservativen Revolutionären nicht allzu fern stehende Nationalbolschewist Ernst Nieckisch stellt die eher harmlose Variante kommunistischer Rechtfertigung dar: Wo gehobelt wird, fallen Späne – so nannte sein Chef, ein Tischler wie Ulbricht, die Menschen. Am tiefen, aber immer wieder überraschend schmalen, von vielen übersprungenen Spalt zwischen links und rechts fand sich so ein typischer Streuner, ein Staatsfetischist, einer, der vom verordneten Wir ausging. Dieser Niekisch nun hatte sich erlaubt, den Waldgang Ernst Jüngers ein Jahr nach seinem Erscheinen zu kommentieren – ausgerechnet aus der Sicht der DDR, einem jener Länder, für die Jünger den Klügeren unter den Ehrenwerten einen Waldgang angeraten hatte: Der Waldgänger, so Niekisch, sei ein Individualist und Beschirmer des Eigentlichen, der die kollektive Weltbewegung ablehne, wie sie in Russland ans Ziel gelangt und in Amerika auf dem Wege sei. Sein geistiges Partisanentum sei die Weigerung, vor einer Tatsache, eben dem Kollektivismus, zu kapitulieren. In Verwegenheit und Einsamkeit binde er sich an keinen Zustand und arbeite dem Untergang der Ordnungen in die Hände. Als Nihilist äffe er die Umwelt mit Masken. Sein Wald sei das Dunkle, Gefühlsmäßige, Instinktive, sei Wildnis, in welche kein gesellschaftliches Gesetz mehr hineinreiche, verwandt mit Rousseaus Rückkehr zur Natur. Oder handle es sich um die Freiheit einer Aristokratie, deren Opfer Knechte und Untertanen seien, die Freiheit des bürgerlichen Raubtiers, rücksichtslos gegen den arbeitenden Menschen, oder um die Freiheit einer Selbstbestimmung, die erstens unmöglich sei und dennoch zu befragen (sic), wer sie finanziere? Der Waldgänger schillere ins Licht, um auf Flucht zu sinnen – natürlich im scharfen Protest gegen das Kollektiv. Nur in gesellschaftlicher Kommunikation bleibe der Geist lebendig. Deswegen habe Sokrates anstelle der angebotenen Flucht in den Wald lieber den Schierlingsbecher getrunken. Verständlicherweise erwähnt ein Niekisch nicht den erfüllten Wunsch des wegen Links- und Rechtsabweichung angeklagten Sowjetführers Bucharin, nach Folterung und falschem Geständnis zum Nutzen der Partei als Verräter am Kollektiv erschossen zu werden.

Weder Gemeinschaft noch Eigenes werden von Niekisch genannt, nur Kollektiv, Gesellschaft und Staat, gegen welche die vornehmste Elite auserlesener Aristokraten sich wende, Leistungen für die Gesellschaft mit trotzigem Abbruch verweigernd. – Dem folgt Selbstbeweihräucherung durch Aufzählung der Opfer und Leiden, die der Kollektivist durch den Terror seines Kollektivs habe auf sich nehmen müssen, während der Waldgänger partout nicht unter sein Niveau gehen wolle, um der Sowjetunion oder wenigstens den USA zu huldigen. Waldgängerei werde gegen unabwendbare Notwendigkeiten in Mode kommen bei eigenbrötlerischen Eliten, trotz der Situationen, die zur Totalität drängen. Wer nicht im Machtbereich die Grundsubstanz verteidige, schlage sich zum verlorenen Haufen.

Noch als Nationalbolschewist war Ernst Niekisch, der Marxens fest in russischer Hand gelandeten Internationalismus nicht teilen mochte, mit erheblichem Einfluss auf Hitlers Parteigenossen der ersten Stunde gesegnet, vor allem auf Gregor Strasser, der die Funktion eines Generalsekretärs der NSDAP innehatte. Wie alle nationalen Sozialisten teilte Strasser Niekischs antikapitalistische Sehnsucht. – Als Strasser dann neben Hitler zu mächtig geworden war, wurde er 1934 zusammen mit SA-Führer Ernst Röhm endgültig abgeschaltet. Niekisch und die seinen wurden wie andere Apartheiten lediglich ins Zuchthaus weggesäubert, denn ihre Bedrohlichkeit hielt sich in Grenzen. Auch im Zuchthaus war er von Ernst Jünger, der zu helfen versuchte, nie verleugnet worden. Auf seinem Weg von der SPD über die USPD war Niekisch zur Konservativen Revolution gestoßen, der sich die Brüder Jünger zurechneten, wie vor allem auch Arthur Moeller van den Bruck, der 1923 in seinem programmatischen Buch „Das III. Reich“ Sozialismus und Nationalismus verbinden wollte. – Entgegen dem Anschein des Titels lehnte diese Spenglers Preußischem Sozialismus verwandte Elite den rassistischen Nazi-Pöbel grundsätzlich ab, dem ein Antisemit wie Niekisch via Strasser durchaus nahestehen wollte, auch wenn er 1939 wegen Hochverrats zu Zuchthaus verurteilt und aus diesem von der Roten Armee befreit werden würde. Diese Befreiung führte ihn zeitgemäß in die KPD/SED und in der DDR aufs Altenteil als Volkskammerabgeordneter. Nach Niederschlagung der Arbeiter am 17. Juni 1953 etwas fremdelnd, übersiedelte Niekisch 1963, zwei Jahre nach dem Mauerbau, legal und für die DDR Rentenkosten sparend, in den Westen.

Wer als Streuner nie eine selbstauferlegte politische Quarantäne in Erwägung gezogen hat, wie dieser Niekisch, kannte auch keinerlei Hemmung, vom aufnehmenden Westdeutschland eine Entschädigung als Verfolgter des Naziregimes zu verlangen! Via Bundesverfassungsgericht landete jenes peinliche Ansinnen auf dem Schreibtisch des Regierenden Berliner Bürgermeisters Willi Brandt. Es kam zu einem Vergleich. Niekisch erhielt rückwirkend ab Januar 1966 monatlich 1.500 D-Mark und einmalig 35.000 D-Mark und der Senat übernahm seine Krankenkosten: Eine deutsche Revolutionärskarriere mit Opfer-Rentenanspruch wegen ausgesprochen geringfügiger  Differenzen zwischen Braun-links und Rot-links.


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