01. September 2014

Humor Wie Ödland den deutschen Kabarettismus zerstört

Unfaire Konkurrenz aus der Zeitungsbranche

Düstere Aussichten für alle Humorberufler: Ihnen drohen Arbeitslosigkeit und totaler Bedeutungsverlust – dank der Kollegen aus der Zeitungsbranche. Diese sind einfach fleißiger und witziger, wenn auch oft unfreiwillig. Sie laufen Satirikern, Stand-Up-Komikern, Komödien-Drehbuchschreibern, Clowns und Kabarettisten momentan scheinbar mühelos den Rang ab. Muss eine ganze Branche um ihre Existenz fürchten?

Es sieht nicht gut aus für diejenigen, die mit Ironie, Satire und Sarkasmus, mit Spott und sprühendem Witz, mit Gags und Grinsebacken ihre Brötchen verdienen: Deutsche Humorberufler haben derzeit unter einem Konkurrenzdruck zu leiden, der sie bald den Job kosten, ja sie gänzlich überflüssig machen könnte. Denn einige ehemalige Qualitätsjournalisten haben sich nun gleichgeschaltet, Denklager bezogen und feuern mit atemberaubender Frequenz finanzpolitischen Nonsens, realsatirische Steilvorlagen, bewaffnend selbstironische Breitseiten, brillant blöde Einzeiler, Limericks in Form von Artikelüberschriften, burleske Bonmots und frivole geopolitische Farcen ab.

„Diesem Druck sind wir auf Dauer einfach nicht gewachsen“, beklagte sich der Sprecher des Verbandes Deutscher Spaßmacher gegenüber dieser Zeitschrift. „Kaum schreibt ein Humorist einen bissigen Gag über reale politische Entwicklungen, wird er von diesen auch schon weit übertroffen. Viele Kollegen beschweren sich bitterlich über die wachsende Tendenz der internationalen Politik sowie der nun als Comedians auftretenden Leitmedien, sich mit Hilfe ihre nepotistischen Seilschaften auf unlautere Weise Vorteile auf dem Markt für Spaß und Spott zu verschaffen“, so der durch tagespolitsatirischen Stress sichtlich ermüdete Gagschreiber, der laut eigenen Angaben kaum noch Schlaf findet, sondern von Termin zu Termin quer durch Deutschland eilt, um überhaupt noch etwas verdienen zu können.

„Unfair ist das vor allem deshalb, da die in nicht wenigen Fällen obendrein unfreiwilligen Possenreißer aus der Printbranche ja quasi an der Quelle sitzen“, schimpft er weiter. „Während meine Kollegen und ich kreativ sein und uns ständig irgendetwas Neues ausdenken müssen, brauchen ehemalige Journalisten einfach nur aus dem reichhaltigen Fundus tragikomischer Treppenwitze der Geschichte abzuschreiben oder sich aus dem reichhaltigen Angebot vorgefertigter Pointen der Organisation für nihilistisch-anthropophobes Totlachen, ONAT, abzuschreiben. Das ist eine länderübergreifende Vereinigung, deren Mitglieder sich bisher vor allem dadurch auszeichneten, sich gegenseitig Sahnetorten oder klingonische Blutpastete ins Gesicht zu werfen. Eigentlich ein furchtbares, bis auf den Stiel abgelutschtes Klischee, weshalb es uns wundert, dass sie damit immer noch solche Erfolge feiern können. Eine Art ‚west-östlicher Diwan‘ für Slam-Poesie, dessen größter Witz darin besteht, das Publikum selber als Versmaß einzusetzen. Hier werden wieder einmal Gewaltmonopole marktverzerrend eingesetzt, um beim Spaßen und Spotten das letzte Wort zu behalten, denn uns als Nicht-Eingeweihten steht dieser Pool ja nicht zur Verfügung“, klagt der Verbandssprecher, taucht seinen Kopf kurz in einen Eimer Espresso und schiebt sich mit mit zittriger Hand Streichhölzer unter die Augenlider. „Findet das Schaf keinen Schlaf, bleibt es dumm und brav, steht auf seiner Weide, schimpft den Nachbarn ‚Heide!‘, kniet vor seinem Gott aus altem Rüstungsschrott, die Hufe scharr'n im Trott“, schiebt er kryptisch und mit fiebrigem Blick hinterher, was in unserer Redaktion Anlass zur Sorge gab.

„Schauen Sie sich nur mal die brüllend komischen Meldungen der letzten drei, vier Tage an. Und jetzt frage ich Sie: Wie soll man als Comedian da noch hinterherkommen? Ich möchte das anhand eines kleinen Beispiels – es ist nur eines von unzähligen, die täglich auf uns einprasseln – erläutern. Ein Leitkomiker einer überregionalen deutschen Zeitung für sarkastische Selbstdemontage, seinen Lesern unter dem originellen Künstlernamen ‚Japser aus dem letzten Staatenlochum‘ bekannt, schrieb am 29. August in einem realsatirischen Artikel: ‚Jetzt überträgt die russische Führung diese Kunst auf die Propaganda ihrer Außenpolitik und die der Separatisten in der Ukraine. Hier eine Übersetzung neuer Putinome: ‚Humanitärer Korridor‘ bedeutet Kapitulation; ‚humanitäre Hilfe‘ meint militärischer Nachschub; eine ‚friedliche Lösung‘ ist in Wirklichkeit die Annexion; bei ‚Kiews Aggression‘ handelt es sich um Landesverteidigung; die Soldaten, die ihren ‚Urlaub‘ in der Ukraine verbringen, sind ein Invasionsheer; Putins ‚Neurussland‘ ist das alte (Sowjet-) Russland; die ‚Volkswehr‘ sind Insurgenten, ‚Milizen‘ mitunter Artillerieeinheiten, und hat sich jemand in die Ukraine ‚verirrt‘, ist er in Wahrheit einmarschiert.‘ Erkennen Sie die uralte Melodie? Verstehen Sie, was ich meine? Der komische Effekt besteht hier natürlich darin, jemandem etwas vorzuwerfen, das man seit Jahrzehnten selber praktiziert. Stellen Sie sich zum Vergleich einfach einen Feuerwehrmann in voller Montur vor, der ein Bad in Super-Benzin nimmt und gleichzeitig eine brennende Zigarette zwischen den Fingern hält, die den hochentzündlichen Treibstoff jederzeit zur Explosion bringen kann, um mit dieser wild herumfuchtelnd sein Gegenüber empört zu ermahnen, doch bitte das Rauchen einzustellen, denn das sei zu gefährlich.

Der Clou an Komikern wie Staatenlochum besteht nun darin, dass sie eigentlich gar nicht witzig sein wollen, ganz im Gegenteil. Sie tragen das alles in einem völlig ernstgemeinten Brustton der Überzeugung vor, mit bierernster Miene – und gerade deshalb liegen die Leute unter den Tischen und tragen ihre Lachtränen in großen Eimern raus. Brächten wir sowas, würden die Leute sagen, das seien doch ganz abgegriffene Witzchen, ein reichlich eingestaubtes Spiel mit Klischees aus der Zeit des Kalten Krieges, was ja auch stimmt. Wird sowas aber von Leuten vorgetragen, die es todernst meinen und sich ihrer eigenen Aberwitzigkeit gar nicht bewusst sind, zerhaut es einem das Zwerchfell. Als der große US-Komiker Woody Allen einmal gefragt wurde, warum seine Filme so lustig seien, antwortete er: ‚Ich weiß auch nicht, was ich falsch mache‘. So ähnlich verhält es sich mit den journalistischen Komikern unserer Breiten, nur dass sie eben – im Gegensatz zu einem Allen – keine große Arbeit in ihre Pointen stecken müssen, sondern einfach von ihrer ganz natürlichen Lächerlichkeit profitieren, einer Eigenschaft, die, sofern nicht angeboren, sich schon nach wenigen Jahren hochqualitativen Agitprop-Kabaretts ganz automatisch einstellt.

Man könnte in Abwandlung des Allen-Zitats auch sagen: Die wissen gar nicht, was sie richtig machen. Kein Wunder also, dass sie sich über das laute Gelächter ihrer Kundschaft auch noch beschweren – was die Sache ja nur noch lustiger macht – und ihren Lesern und Zuhörern Humorlosigkeit vorwerfen! Zum Schreien! Es fliegt ihnen einfach zu. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe im Prinzip ja nichts dagegen. Wenn jemand von Natur aus eben witziger ist als ein anderer – bitte. Man kann schließlich nie genug lachen, gerade heutzutage. Aber wie soll es dann mit dem bisherigen Berufshumor weitergehen? Ich fürchte, und da bin ich nicht der einzige, dass der ehemalige Journalismus unsere Branche schon bald obsolet machen und den ‚klassischen Humor‘ durch eine neue Art von, sagen wir mal, unfreiwillig komischer Dauer-Selbstentblößung ersetzen wird. Ich halte das deshalb für bedenklich, da man über Lernbe ... Andersbegabte doch angeblich nicht lachen soll, da politisch unkorrekt. Im Falle eines Staatenlochum und vieler seiner Kollegen bleibt einem aber gar nichts anderes übrig. Man sieht förmlich die geistigen Rollstühle durch ihre Artikel eiern und eine irrwitzige Kapriole nach der anderen schlagen, um bloß nie mit der Wirklichkeit zusammenzustoßen, und das alles wird wie gesagt mit einem Gesichtsausdruck vorgetragen, den man sonst nur beim großartigen Buster Keaton genießen konnte.

Man kennt das Grundprinzip solcher Gags vom wohl berühmtesten Silvestersketch der Welt: ‚Same procedure as every year?‘, fragt der Butler, bringt der Gräfin dann ein Glas Fusel nach dem anderen, den diese aber jedesmal ablehnt, woraufhin sich der arme Kerl am Hochprozentigen gleich selber besäuft. Genauso macht es unsere Konkurrenz: Bietet ihren Lesern mit einem hicksenden ‚Dieselbe Prozedur wie jeden Tag?‘ tagtäglich dasselbe Gebräu an, holt sich damit einen Korb, kippt es selber runter und fragt dann vorwurfsvoll, warum die anderen denn noch immer nicht sternhagelvoll seien. Sie kennen doch sicher auch den berühmten Spruch, klugen Leuten falle es leicht, Dummheit vorzutäuschen, umgekehrt aber sei dies schon sehr viel schwieriger. Genau daran geht unser Gewerbe gerade zugrunde. An der urkomischen Tolpatschigkeit dieser Leute, wie Bill Murray in ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ immer in dieselbe Pfütze zu tapsen. Ich muss allerdings neidlos anerkennen, dass es ihnen gelang, das Subgenre der Zombie-Witze mainstreamfähig zu machen. Das ist schon eine Leistung. Schafft ja auch nicht jeder. Sowas kann man niemandem beibringen, man kann es nicht einstudieren – sowas muss man im Blut haben.“

Und mit einem seltsam unverstellten Blick, als habe er sich kurz abgelegt wie ein Kostüm, schenkte er uns zum Abschied noch einen wirren Reim:

„In diesem Ödland sollst du weilen, solang die Uhr dich mit sich dreht
die Zeitmechanik zwischen allen Zeilen, sie liest dich mit, sie trägt dich spät
zum Aufzugsmechanismus. Doch hüte dich, die Uhrenmacher früh zu stellen. Sonst bleibst du in der Zeit befangen, die große Zeiger in dir sät, und als Sekunde fremder Stunde verstreichst du nur als Zeitgebet. Dein Selbstmoment befreit dich von dem Zeitmaß machtvoll aufgezog‘nen Tickens, das dich mit Scheinzeit stets umstellt. Doch deine Seinzeit wird sich erst befreien, wenn deine Uhr sich selbst gefällt.“


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