10. September 2014

Frauenmuseum Bonn Schock statt Stolz

Botschaften toter Bienen und das Schicksal der „Single Moms“

Dossierbild

Es war Sonntag. Die Sonne schien, und eigentlich hätte man sich an den Rhein setzen und grillen müssen, statt in ein Museum zu gehen. Von unglaublichem Aktionismus gepackt schnappte ich mir dennoch meine Kamera und mein Notizbuch und machte mich auf zum Frauenmuseum in der Bonner Altstadt.

Für diejenigen, die noch nie in Bonn waren, möchte ich kurz erklären, dass die wunderschöne Altstadt mit ihren Jahrhundertwende-Bauten bevorzugt von Linken, Autonomen und Gewerkschaftern der FAU („Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union“) mit Aufklebern und aussagekräftigen Graffitis verunstaltet wird. Auch die Rote Hilfe e. V. befindet sich in der Altstadt unweit des Museums, ich wusste also, worauf ich mich einließ, als ich den Weg zum Frauenmuseum einschlug.

Das Gebäude des Museums befindet sich in einem Hinterhof und ist ein ehemaliges Kaufhaus, das der Verein „frauen formen ihre stadt“ 1981 als Veranstaltungsort für die Ausstellung „Wo Außenseiterinnen wohnen“ nutzen durfte. Nach der Ausstellung nutzten die Frauen das Gebäude einfach weiter, was, wie das Museum selbst angibt, „einer Hausbesetzung gleichkam“. Heute wird das Gebäude rechtmäßig als Museum und Kunstausstellung genutzt und wird sogar durch die städtischen Wegweiser ausgeschildert.

An der Museumskasse, die sich direkt neben dem Café des Museums befand, wurde ich kühl von einer Frau begrüßt, die geschäftig in ihr Kassenbuch eintrug, dass ich eine Studentenkarte und einen Audioguide mit auf meinen Rundgang nehme. Danach wandte sie sich ab und überließ mich meinem Schicksal. Als ich nachfragte, ob ich auch fotografieren dürfe, änderte sich ihr Verhalten allerdings schlagartig, und mir wurde, wohl in der Hoffnung, eine Journalistin vor sich zu haben, das komplette Museum von oben bis unten erklärt. Dabei erfuhr ich, dass das Museum ausstellungsbegleitend Kataloge veröffentlicht, die man auch einsehen und käuflich erwerben könne. Auch von der St.-Gertrudis-Kapelle, die man vom Museumsladen aus einsehen kann, wurde mir erzählt. St. Gertrudis ist die Schutzpatronin der Bonner Altstadt.

Die Ausstellung, die ich dann betrat, hat den Namen „Single Moms“ und handelt vor allem von den Dingen, die alleinstehende Mütter erleiden müssen und mussten. Im Erdgeschoss wird die Rolle einer alleinstehenden Wöchnerin von der Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts bis 1946 skizziert. Große Informationsplakate wechseln sich hier mit Exponaten ab, wobei mich Letztere doch staunen ließen, wie mechanisch die Geburt um 1790 vonstattenging. Die metallische Geburtszange ist nur ein Beispiel dafür, wie kalt im wahrsten Sinne des Wortes mit Schwangeren umgegangen worden ist. Als unverheiratete Frau mit Kind war man bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gesellschaftlich nichts wert. Das galt vor allem für Frauen der unteren Gesellschaftsschichten, sie wurden, zumindest in den Städten, in denen es schwieriger war, ledige Mütter durchzufüttern, als auf dem Land, als unmoralische Menschen angesehen. Vermutlich hat die Gesellschaft so versucht, Frauen davon abzuhalten, sich, ihre Kinder und ihre Familien in den finanziellen Ruin zu treiben.

Thematisiert wurden auch die Geburtshäuser, in denen ledige Wöchnerinnen anonym ihre Kinder gebären und, falls erwünscht, zur Adoption freigeben beziehungsweise ins staatliche Waisenhaus geben konnten. Diese Häuser entwickelten sich mit der Zeit allerdings zu Versuchslaboren, in denen die Schwangeren jederzeit zu Versuchs- und Untersuchungszwecken zur Verfügung stehen mussten, und das nicht nur für die Ärzte, sondern auch zu Anschauungszwecken für Studenten. Man kann sich vorstellen, dass das eine äußerst unangenehme Prozedur für die Frauen gewesen sein muss.

Bevor mit dem 19. Jahrhundert abgeschlossen wird, wird man als Besucher an drei merkwürdig aussehenden Kunstwerken vorbeigeführt, bei denen man erst auf den zweiten Blick erkennt, worum es sich handelt. Die Kunstwerke aus Holz zeigen drei verschiedene Ausführungen des weiblichen Intimbereichs. Was diese Schnitzereien mit dem geschichtlichen Weg alleinerziehender Mütter zu tun haben sollen, bleibt mir zwar schleierhaft, allerdings wurden hinter den Werken die Geschichten allein stehender Göttinnen und vertriebener Stammesmütter verbildlicht. Das erste Bild zeigt Hagar, eine verstoßene Sklavin, und ihren Sohn, auf dem zweiten Bild ist Demeter mit ihrer Tochter Persephone zu sehen, und im dritten Bild erkennt man die griechische Göttin Leto mit ihren Zwillingen. Die Bilder stammen von Julitta Franke und zeigen auch die Feinde der Frauen als schwarze Figuren.

In einem angrenzenden Raum wird man von einem Plenum knallorangener Figuren erwartet, die von der Museumsleiterin, Marianne Pitzen, in ihrem Atelier geformt werden. Sie stellen Aufanische Matronen dar, die zur Römerzeit in Bonn am Münster verehrt wurden. Die Hauben, die die Figuren auf dem Kopf tragen, sollen Weisheit, Speicher von Wissen und Kreativität darstellen.

Im nächsten Raum geht es dann mit der Geschichte der „Single Moms“ zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und 1946 weiter. Hier werden auf den Informationstafeln die zumeist von SPD-Mitgliedern unternommenen Anstrengungen, alleinstehende Mütter gesellschaftlich besserzustellen, thematisiert. Ein Vorschlag, wie dieses Ziel erreicht werden könne, war eine „gesetzliche Mutterschaftsversicherung“. Diese Versicherung sollte es Müttern erlauben, nach der Geburt einige Wochen nicht zu arbeiten und trotzdem Lohn zu beziehen.

Auch in der Weimarer Republik versuchten sich Frauen an Reformbewegungen, die wohl aber zumeist scheiterten, weil die Frauen im Parlament nicht ernstgenommen wurden. Interessant ist, dass Marie-Elisabeth Lüders (DDP, später FDP) selbst ein uneheliches Kind hatte, dass sie adoptieren musste, um das Sorgerecht zu erhalten. Marie-Elisabeth Lüders war die erste Frau, der an einer deutschen Universität die Doktorwürde in Politikwissenschaften (Dr. rer. pol.) verliehen wurde.

Zu Zeiten des Nationalsozialismus wurden uneheliche Kinder gebilligt, sofern die Eltern „erbgesund“ und der richtigen „Rasse“ zugehörig waren. War das nicht der Fall, wurden die ledigen Mütter als „schwachsinnig“ diagnostiziert und konnten mit dieser Diagnose auch ohne ihre Zustimmung „legal“ sterilisiert werden. Auch Zwangsabtreibungen aus „rassehygienischen Gründen“ waren möglich und bis zum sechsten Schwangerschaftsmonat gestattet.

Nach diesen schrecklichen Informationen aus der Vergangenheit gelangt man in die Kunstausstellung des Museums im ersten Obergeschoss, die sich mit den „Single Moms“ in der Moderne beschäftigt. Besonders ins Auge gefallen ist mir ein im Raum schwebendes Kleid von der Künstlerin Petra Genster. Im ersten Augenblick meint man, einem Geist gegenüberzustehen. Auf den zweiten Blick kann man dann auf das Kleid gestickte Namen sehen, die laut der Beschreibung an der Wand Teil der weiblichen Linie des Stammbaums der Künstlerin sind. Unter diesen Vorfahren befinden sich auch mehrere „Bastarde“ (Zitat aus der Beschreibung), Petra Genster ist selbst ein solcher „Bastard“. Das Kleid soll Ausdruck der Achtung und Wertschätzung gegenüber ihren Vorfahrinnen und deren Leben sein.

Ein weiteres, meines Erachtens sehr verstörendes, Kunstwerk, das mir ins Auge fiel, war eine gelbe Matratze mit Wabenmuster, wie in einem Bienenstock. Darüber gespannt war ein Insektennetz, das durch einen Strahler von der Decke beleuchtet wurde. Bei genauerer Betrachtung der dunklen Punkte auf der halbdunklen Matratze konnte man erkennen, dass dort tote Bienen lagen. Auf Nachfrage wurde mir bestätigt, dass diese Bienen tatsächlich echt sind.

Auf meinem leisen Weg nach draußen, im ersten Obergeschoss wurde gerade eine Lesung abgehalten, kam ich auch noch an Figuren vorbei, die den Matronen aus dem Eingangsbereich sehr ähnlich sahen. Diesmal allerdings komplett in blaues Licht getaucht und offenbar auf einer Prozession. Und wohl um mir noch einmal zu verdeutlichen, wie gut wir modernen Frauen es eigentlich haben, entdeckte ich im Erdgeschoss noch einen Gynäkologenstuhl, der mir am Anfang meines Rundgangs wohl entgangen sein musste. Würde mir dieses Untersuchungsgerät in einer modernen Frauenarztpraxis begegnen, würde ich vermutlich auf dem Absatz kehrt machen und mir einen anderen Arzt suchen.

Alles in allem ist das Museum eine interessante Sache, die nicht so ganz alltäglich daherkommt. Mit den wenigen finanziellen Mitteln, die dem Museum zur Verfügung stehen, wurde hier eine informationsreiche Sammlung zusammengestellt.

Wenn man das Ganze allerdings von einer eher emotionaleren Seite betrachtet, bleibt ein eher fader Nachgeschmack zurück. Das Museum hat sich zur Aufgabe gemacht, Frauen und Mädchen Vorbilder zu geben, an denen sie sich orientieren können. Leider ist die Ausstellung vor allem negativ gehalten worden. Die schlimmen Maßnahmen in der Vergangenheit gepaart mit den modernen Kunstwerken, die eigentlich nie eine aufrecht gehende, sich allen Hindernissen entgegenstellende Frau zeigen, sondern immer Frauen, auf die eingeprügelt wird und denen man helfen muss, vermitteln nicht den Eindruck, dass man als alleinerziehende Mutter ein schönes Leben mit seinem Kind verbringen kann. Diese Darstellung der Frauen steht dem Bild, das ich von meiner Mutter habe, diametral entgegen. Diese Ausstellung motiviert nicht, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen, sondern lässt ein schockiertes Häufchen Elend zurück, das alles dafür tun würde, niemals als „Single Mom“ zu enden.

Männer kamen übrigens, wenn überhaupt, hauptsächlich als „Unterhaltsverweigerer“ in dieser Ausstellung vor. Dass es durchaus auch „Single Dads“ gibt, wird nicht im Mindesten thematisiert, wenn nicht gar totgeschwiegen.

Wenn man in der Situation ist, sein Kind alleine großzuziehen, dann muss man sich einfach den Herausforderungen des Lebens stellen und sich nicht als Opfer eines Systems hinter seinem Schicksal verstecken. Man sollte stolz auf sich und sein Kind sein!

Das wäre meiner Meinung nach eine bessere Botschaft für diese Ausstellung und auch eine bessere Botschaft für die unzähligen alleinerziehenden Mütter da draußen gewesen.

Frauen geben einer Gesellschaft eine Zukunft. Doch wie sieht diese Zukunft aus, wenn sich die Frauen nur noch als Opfer wahrnehmen?

Dieser Artikel erschien zuerst auf Töchter der Freiheit.


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