23. September 2014

Schottland So geht die Demokratie und die Demokratie geht so

Senioren stimmten über die Zukunft der Jugend ab

„Denn wer begehrt, der fürchtet auch. Und wer in Furcht lebt, ist für mich nicht frei.“

Wusste schon der alte Horaz zu sagen. Furcht war auch ein gewichtiger Entscheidungsfaktor bei dem am letzten Donnerstag stattfindenden Unabhängigkeitsreferendum in Schottland. Dies lässt sich auch aus einer Umfrage von Lord Ashcroft Polls herauslesen. 2.047 Menschen, die abgestimmt haben, wurden am 18. und 19. September, also unmittelbar nach der Abstimmung, befragt, wie und warum sie abgestimmt haben.

Obgleich die Anhänger der Yes-Kampagne konstant bei 47 bis 48 Prozent, zwei Wochen vor der Abstimmung sogar vorne lagen, stimmten am Entscheidungstag nur 45 Prozent der Wähler für ein unabhängiges Schottland. Der wohl wichtigste Grund dafür war ökonomisch bedingt: „Entscheidend war, dass die Ja-Seite es nie geschafft hat, die Wähler davon zu überzeugen, dass die wirtschaftliche Situation eines unabhängigen Schottlands besser wäre. Zwar hat die Zahl der Menschen zugenommen, die an ein unabhängiges und ökonomisch florierendes Schottland glauben“, konstatiert der in Edinburgh lebende Politologe Jan Eichhorn. Am Ende waren es offensichtlich nicht genug und „genuin politische Fragen haben eher eine untergeordnete Rolle gespielt“, so der Politikwissenschaftler weiter.

Umso interessanter also, wenn man sich die Beweggründe der Wählerinnen und Wähler anschaut. 74 Prozent der Yes-Wähler sagten aus, eines der drei wichtigsten Motive für ihre Abstimmung sei die Unzufriedenheit mit der Politik in Westminster gewesen. Für 54 Prozent ebendieser Wähler war der National Health Service (staatliches Gesundheitssystem) ein Beweggrund für das Ja. Steuern und öffentliche Ausgaben lagen mit 33 Prozent an dritter Stelle.

Bezeichnender hingegen sind die Altersmerkmale. Je höher das Alter einer Person, desto sicherer stimmte sie gegen die Unabhängigkeit. Bei den 16- bis 17-Jährigen stimmten sogar 71 Prozent für die Unabhängigkeit. Bei den 25- bis 34-Jährigen immerhin noch 59 Prozent. Einen kleinen Ausreißer bildeten die 18- bis 24-Jährigen, von denen 52 Prozent gegen die Unabhängigkeit stimmten. Bei den weiteren Jahrgängen nahm der Anteil der Unabhängigkeitsbefürworter immer weiter ab. Bei den über 65-Jährigen waren gar nur noch 27 Prozent für eine Sezession Schottlands. Hinzu kommt, dass die Gegner einer schottischen Unabhängigkeit ihre Entscheidung schon seit Jahren gefällt haben. Während ein Großteil der Befürworter ihre Entscheidung erst in den letzten Monaten und Wochen fällten, wussten 62 Prozent der Gegner schon immer, wie sie abstimmen würden.

Die Senioren stimmten also über die Zukunft der Jugend ab, die es anscheinend zum größten Teil ablehnt, ihre politische und wirtschaftliche Zukunft weiterhin von London bestimmen zu lassen. Furcht vor Veränderungen war für die älteren Generationen das wichtigste Motiv. Für 57 Prozent der Unabhängigkeitsgegner war das Pfund einer der drei wichtigsten Beweggründe für ihre Wahl. An zweiter Stelle liegen mit 37 Prozent die Pensionen. Vielleicht bedarf es erst eines wirtschaftlichen Totalausfalls, bevor bei einem Großteil der Bevölkerung die Furcht vor Veränderungen der Angst vor einem Verbleib in einem zentral organisierten, politischen Gebilde weicht.


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