15. Oktober 2014

Ökonomie Der Wirtschaftsnobelpreis geht an einen weiteren Staatseingriffs-Verteidiger

Und nicht etwa an jemanden, der wirtschaftliche Phänomene wirklich erklären kann

Hier ist ein echter Schocker: Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2014 wurde – nicht –  an Israel Kirzner vergeben, wie viele Anhänger der Österreichischen Schule inständig gehofft hatten. Stattdessen ging der Preis an Jean Tirole, einen französischen Ingenieur, Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler, für die Förderung der „Wissenschaft der Zähmung leistungsstarker Firmen“. Trotz all seiner Brillanz ist Tirole eine Feld-Wald-und-Wiesen-Version eines neoklassischen Ökonomen, dessen Ansichten über Wettbewerb, Effizienz und wirtschaftliche Wohlfahrt Welten entfernt von denen Kirzners sind.

Je mehr sich verändert, desto mehr bleibt sich gleich.

Tirole gewann den Preis für seine Arbeit an der Entwicklung neuer Methoden zur verbesserten Regulierung der Industriezweige, die von einigen wenigen großen Unternehmen mit „Marktmacht“ dominiert werden. Tirole akzeptiert kritiklos die seit langem etablierte neoklassische Ansicht, dass „oligopolistische“ Unternehmen die unverzeihliche Sünde gegen die wirtschaftliche Effizienz begehen, indem sie in der Lage sind, „die Preise, das Produktionsvolumen und die Qualität“ der Produkte auf den Märkten, in denen sie tätig sind, zu beeinflussen, während sie ihre Produktion auf der Basis der Erwartungen der Entscheidungen der jeweils anderen planen. Mit anderen Worten, sie arbeiten nicht entsprechend den Annahmen einer vollkommenen Konkurrenz, unter denen jedes Unternehmen verschwindend klein und nicht in der Lage ist, den Preis oder die Qualität seiner Produkte ein Jota im Vergleich zu denen seiner ebenso winzig kleinen Wettbewerber zu variieren, deren Handeln es in seinen eigenen Produktionsentscheidungen nicht berücksichtigt.

Erschwerend zum „Marktversagen“ des Oligopols tritt die Tatsache hinzu, dass marktbeherrschende Unternehmen mehr über das von ihnen verkaufte Produkt wissen als die Regulierungsbehörde. Dies ist eine Unterform des Problems der „asymmetrischen Information“, in dem jeder Unternehmer – um Himmels willen! – enger mit den Attributen des Produkts vertraut ist, das er produziert und vertreibt, als der Verbraucher seines Produkts.

Jedenfalls war Tirole mit Hilfe von Spiel- und Vertragstheorien in der Lage, „eine intelligente Reihe von Produktionsverträgen“ zwischen dem Regulierer und marktbeherrschenden Unternehmen zu entwerfen, die das Problem der asymmetrischen Information lösen, während den Unternehmen ein Anreiz zur Produktion und Kostensenkung  gegeben werde, während „übermäßige Gewinne – eine schlechte Sache für die Gesellschaft –“ abgezogen würden.

Also, Tirole bekam den Nobelpreis dafür, komplexe technische Lösungen entwickelt zu haben für etwas, das „Österreicher“ seit langem als Pseudo-Probleme kennen und lehren – Pseudo-Probleme für eine dynamische, durch Wettbewerb zwischen rivalisierenden Unternehmern angetriebene Marktwirtschaft, die eifrig dabei sind, durch Antizipation und Bedienung sich ständig ändernder Anforderungen der Verbraucher Gewinne zu erzielen.

In Bezug auf das Oligopol stellte Murray Rothbard 1962 das Phänomen auf prägnante Weise klar und zeigte, dass es in die allgemeine wirtschaftliche Analyse passte – was Oligopol-Theoretiker lange abgestritten hatten. Außerdem zeigte Rothbard in einer Zeit, als die Spieltheorie noch eine obskure Disziplin in den Kinderschuhen und ein Spielball einer Handvoll mathematischer Ökonomen war, dass die Spieltheorie auf das Oligopol nicht anwendbar sei. So argumentiert Rothbard in seinem Buch „Man, Economy and State“ (Seiten 725-726):

„Der entscheidende Punkt ist nicht die geringe Zahl der Unternehmen oder inwiefern  Feindschaft oder Freundschaft zwischen den Unternehmen besteht. Jene Autoren, die das Oligopol mit Begriffen diskutieren, die zu Pokerspielen oder militärischer Kriegsführung gehören, sind völlig im Irrtum. Die grundlegende Aufgabe der Produktion ist Dienst am Verbraucher für finanziellen Gewinn, und nicht eine Art von ‚Spiel‘ oder ‚Kriegsführung‘ oder eine andere Art von Kampf zwischen den Herstellern. Das Gerangel und Heben und Senken der Preise, das in ‚oligopolistischen‘ Branchen stattfindet, ist nicht irgendeine geheimnisvolle Form der Kriegsführung, sondern der sichtbare Prozess des Versuchs, ein Marktgleichgewicht zu finden. Der gleiche Prozess findet tatsächlich auf jedem Markt statt, wie zum Beispiel auf den ‚nichtoligopolistischen‘ Weizen- oder Erdbeermärkten. In den letztgenannten Märkten scheint der Prozess dem Betrachter mehr ‚unpersönlich‘ zu sein, weil die Handlungen eines Individuums oder Unternehmens nicht so ins Gewicht fallen oder so auffällig sind wie in den mehr ‚oligopolistischen‘ Branchen. Und in Oligopolsituationen mögen die Rivalitäten, die Gefühle eines Produzenten gegenüber seinen Konkurrenten, historisch dramatisch sein, aber diese sind für die ökonomische Analyse unwesentlich.“

Und was die „asymmetrische Information“ angeht, zeigten Ludwig von Mises und F. A. von Hayek vor langer Zeit, dass dieses Phänomen weit entfernt davon ist, ein „Marktversagen“ zu sein, sondern dass es eine der Grundbedingungen für die Existenz von Märkten ist. Dieser Punkt von Mises und Hayek wurde in einem kürzlich erschienenen Artikel mit beredten Worten von Tom DiLorenzo zum Ausdruck gebracht:

„Betrachten Sie diese Fragen: Wer weiß mehr über Hausbau – Bauherren oder Hauskäufer? Wer weiß mehr über die Versorgung von Lebensmittelgeschäften mit frischem Fleisch – Viehzüchter und Bauern oder die durchschnittlichen Verbraucher? Wer weiß mehr über die Herstellung von Automobilen – Fahrzeugingenieure, die bei Automobilherstellern beschäftigt sind,  oder Autokäufer? Wer weiß mehr über die Herstellung und Vermarktung von Kleidungsstücken – Bekleidungshersteller und -händler oder Kleidungskäufer?

Der entscheidende Punkt ist, dass in erfolgreichen kapitalistischen Volkswirtschaften wegen der Teilung von Wissen (und Arbeit) in der Gesellschaft alle Informationen über alle Produkte und Dienstleistungen asymmetrisch sind. Wenn wir alle über alle der oben genannten Aufgaben symmetrische Informationen hätten, gäbe es keine der oben genannten Unternehmen und Berufe. Es ist weder wünschenswert noch möglich für jeden, symmetrische Informationen zu haben. Mises sagte ungefähr: Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist die Einsicht in die Vorteile, die aus der Zusammenarbeit im Rahmen der Existenz asymmetrischer Information und der Teilung von Wissen in der Gesellschaft gezogen werden können. In der Tat, individuelle Unterschiede der Informiertheit – und individuell verschiedene Interpretationen der Bedeutung und Wichtigkeit der Informationen – sind die einzige Ursache für Handel und Austausch.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 13.10.2014 in englischer Sprache unter dem Titel „Bizarro-World Kirzner Awarded the 2014 Nobel Prize in Economics“ auf dem Mises Economics Blog.

Übersetzung von Robert Grözinger.


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Autor

Joseph Salerno

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