15. Oktober 2014

Gold „Barbarischer Rohstoff“

Über eine abstruse Mär

In allen politischen und ökonomischen Bereichen gibt es manchmal Spätberufene. Auch oftmals System-Prominente, die ihre Meinung um 180 Grad gedreht haben. Und manche stehen auch ganz offen dazu, vom Saulus zum Paulus geworden zu sein. Das muss nicht schlimm sein. Warum sollte man auch nicht im reiferen Alter zur ökonomischen Wahrheit finden? Und manchmal sind gerade Konvertiten die besten und überzeugtesten und schärfsten Kritiker ihres ehemaligen Tuns. Und damit kompetent und glaubwürdig.

Leider ist bei Thomas Mayer, ehemaligem Chefvolkswirt und Berater der Deutschen Bank noch bis 2012 beziehungsweise 2014, nur ein Teil der obengenannten Wandlung überzeugend gelungen. Und da er sich neuerdings immer mehr als Vertreter der Österreichischen Schule gibt, muss ich heute leider (begrenzte, denn vieles, was Thomas Mayer heute sagt, ist richtig und unsere österreichische Rede seit langem) Kritik üben. Unnötige Nestbeschmutzung ist es meines Erachtens nicht, denn gerade ein Neuankömmling in unserer Wahrheitswelt freien Geldes und freier Märkte ohne planwirtschaftlichen Zentralbankeinfluss sollte nicht gleich zu Beginn seiner neuen Mission die Terminologie ausgerechnet eines Keynes verwenden und sich ausgerechnet vom „Spiegel“ instrumentalisieren lassen, nur um in die Medien zu kommen.

Ein Kernsatz von Thomas Mayer in einem aktuellen „Spiegel“-Interview, das ansonsten eine Menge Verteidigung der eigenen Vergangenheit enthält, ist dieser:

„Gold ist für (Mayer) ein ‚barbarischer Rohstoff‘, der im Modell der Österreichischen Schule eigentlich nur als Ersatz für das nötige Vertrauen der Bürger in eine Währung fungiere.“

Mon dieu, Herr Mayer. Ich bitte Sie... Natürlich kann es sein, dass der „Spiegel“ Sie hier reingelegt und aus dem Kontext gerissen hat. Aber als langjähriger Medienprofi muss man schon wissen, dass man sich bei Interviews in der Feindpresse das Endlektorat vorbehalten muss – bei Androhung von Nichtfreigabe und/oder Gegendarstellung. Wir sind schließlich in einem knallharten ideologischen Wahrheitskrieg mit dem Mainstream! Und falls das im Zitat wirklich Ihre Meinung sein sollte, dann stellen wir hierzu Folgendes fest:

Das Wort vom „barbarischen“ Rohstoff-Relikt stammt von Lord Keynes himself, einem der opportunistischsten und käuflichsten Systemlinge (1923) und war seitdem natürlich immer Kampfrhetorik gegen alle, die hartes Geld propagieren und für frei wählende Bürger eintreten, neuerdings doch eigentlich auch Thomas Mayer.

Staatlich verfügtes Goldgeld ist kein Lehrelement der Österreichischen Schule (auch das stellt der „Spiegel“-Artikel bewusst falsch dar)!

Ganz im Gegenteil verlangt die Österreichische Schule den völlig freien Währungswettbewerb (Hayek 1976: „Entstaatlichung des Geldes“), den „irgendwie“ doch eigentlich auch Thomas Mayer mitträgt mit dem Postulat eines „Aktivwährungssystems“ ohne Banken und Staaten als Geldschöpfer.

Das „nur“ im obigen Zitat („Gold nur wegen Vertrauen“) ist eine absurde Untertreibung, bei jedwedem Geldsystem geht es immer und vorrangig um das „Vertrauen der Bürger“, ohne dieses kann kein Geldsystem jemals funktionieren!

Eine faktische (nicht staatliche) Golddeckung war und ist seit Jahrtausenden neben Silber die von den Bürgern präferierte Fundierung guten Geldes, was Ludwig von Mises schon vor mehr als 100 Jahren auch wissenschaftlich begründet hat, ebenso Murray Rothbard in „Das Scheingeldsystem“ oder viele andere Autoren mit zahlreichen guten, praktisch-empirisch-historisch-physikalisch-chemischen Argumenten.

Falls Thomas Mayer also tatsächlich im Interview die Keynessche Kampfrhetorik vom „barbarischen“ Relikt verwendet haben sollte, steht er damit nicht auf dem Boden von Gutgeldlern und auch nicht auf dem Boden der Österreichischen Schule.

Ein bisschen Wettbewerbsgeld ist wie ein bisschen schwanger. Man muss sich schon entscheiden, ob man die Geldfreiheit zulässt oder nicht. Tut man es, lässt man also den Menschen ihre aus ihrer persönlichen Freiheit resultierenden Wahlrechte, dann darf man diesen Wettbewerb nicht mit der Totschlagkeule der keynesianischen totalitären Welt-Makroklempner einseitig steuern und Gold oder Silber mal eben nonchalant als „barbarisch“ bezeichnen. Diese Haltung ist sowohl wahl- und damit freiheitsfeindlich als auch angesichts der 2.500-jährigen Geschichte von Gold als natürlichem, da von den Menschen freiwillig gewähltem Geld abstrus und ahistorisch. Vertrauen ins Geldsystem kam bei den Menschen fast immer aus dem Vertrauen in die (vollständige, teilweise, vermutete, ehemalige) Deckung durch Gold zustande. Man muss diese Haltung der Menschen gegenüber für sie als vertrauenswürdig empfundenem Geld intellektuell nicht mögen. Aber als historische und massenpsychologische Tatsache zur Kenntnis nehmen sollte man sie schon!

Darum meine Bitte an den neuen Chef des neugegründeten Flossbach-von-Storch-Thinktanks: Wer sich „Österreicher“ nennt, künftig ein wirtschaftsliberales, der Freiheit verpflichtetes Denkinstitut leitet und Mitglied der Hayek-Gesellschaft ist, der darf nicht in der hier im „Spiegel“ gewählten Form ausgerechnet gegen Gold sprechen. Ich weiß, dass das vermutlich auch keine Absicht war – und dass der „Spiegel“ entweder falsch oder zugespitzt zitiert hat; und dass das Mayersche „Aktivgeldsystem“ wohl eine Art entstaatlichten Geldwettbewerb goutiert. Doch es gibt eben die feine Linie zwischen Wettbewerbsargumentation und Agitationsschreibe. Schon 2010/12 mussten wir den „alten“ Saulus-Mayer des DB-Research kritisieren (übrigens noch viel öfter bis 2010 Vorgänger Nobby Walter!). Der Paulus-Mayer distanziert sich nun von dieser seiner intellektuellen Vergangenheit – und das ist gut so. Bitte aufpassen, dass nicht heute wieder Aussagen stehen bleiben („Gold ist barbarisch und dient nur dem Vertrauen“), von denen man sich in Köln dann in zwei Jahren ebenfalls wieder distanzieren muss! 2010 glaubten uns die von mir kritisierten Leute nicht, dass diese kranke Welt dauerrettender und geldtotalitärer Zentralbanken nur zwei Jahre später 2012 Realität sein würde – und noch heute 2014 blubbern dieselben Leute noch immer den Uralt-Spruch vom „barbarischen“ Relikt namens Gold. Wer nicht hören will, muss fühlen!

Vielleicht wird es wirklich Zeit, dass das „barbarische Relikt“ und „Gewaltmetall“ Gold endlich einmal seinem (falschen) Ruf gerecht wird – und die Falschgeld-Lügner in der Währungsreform nach einigen Jahrzehnten Ruhe mal wieder barbarisch niederkeult. Manchmal sollen ja Schläge auf den Hinterkopf die Denkfähigkeit erhöhen. Ein wenig Barbarei im Sinne von reaktiver Verteidigungsfähigkeit im feindlich-betrügerischen Dschungel hat die Menschheit in Krisenzeiten immer wieder überleben lassen. Genau aus dieser potentiellen Kraft als ultimatives, da kraftvoll-barbarisches und als unbestechliches, da totes Metall schöpft das Gold letztlich seinen heutigen Nimbus als vertrauenswürdiges Geld! Ungedecktes Papiergeld ist nur ein Versprechen – es kann ebenso wie Gesetzesversprechen gebrochen werden. Gold dagegen ist „barbarisch“ im Sinne von natürlich urgewaltig. Unbesiegbar durch Falschgeld-Bürokraten ebenso wie durch Aktivgeld-Theoretiker. Auch das „Aktivgeld“ ist nicht der von so vielen Geldtheoretikern jeder Couleur gesuchte dritte Weg zwischen ungedecktem Zentralbank-Kreditgeld und hartem Warengeld.

Historisch bewanderte Geldforscher müssen angesichts der Geldgeschichte und bei ehrlicher Betrachtung der menschlichen Geldpräferenzen zum Ergebnis kommen, dass freiwillig akzeptiertes Geld bei den allermeisten Menschen eben noch immer Warengeld, potentielles Warengeld oder teilweise physisch-materiell gedecktes und einlösungsfähiges Geld ist. Auch der Bitcoin hat bislang den Gegenbeweis zu dieser nach 2.500 Jahren verdammt bewährten These nicht angetreten. Und natürlich auch nicht die inzwischen seit 43 Jahren erzwungene Loslösung des Papiergelds vom Gold. Dieser totalitäre Zeitraum ist ein Zwinkern im Lauf der Geldgeschichte.

Der homo fiat monetarius wird von diesem Planeten verschwinden wie ein durch Absterben des ausgelaugten Wirtes ausgerottetes Virus, nachdem er das globale Falschgeldprojekt noch bis auf die ultimative Spitze und bis zu Babelschen Geldturmhöhen getrieben haben wird. Übrig bleiben dann nach dem Einsturz des gigantischen Betrugsvehikels neben Kakerlaken in jedem Fall die Geldbarbaren und die Vorsorge-Eremiten. Und von diesen kann dann immerhin nach dem Tag X über die segensreichen Institutionen der Arbeitsteilung und des dafür notwendigen guten (Gold-) Geldes wieder eine auf Wahrheit, Natürlichkeit, Freiwilligkeit und gutes gedecktes Marktgeld begründete Hochkultur aufgebaut werden. Besser wäre es allerdings, wir würden uns den ultimativen Schlag auf den Hinterkopf und die globale Geld- und Anpassungskrise ersparen – und heute schon für freiwilliges Goldgeld plädieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Goldseitenblog.


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