29. Oktober 2014

Russland Der Kreml frisst seine Kinder

Russische Medien machen aus der Hooligan-Demo einen neofaschistischen Pogrom

Viele europäische Konservative und Rechte lieben Russland. Doch während russische Neo-Eurasier Netzwerke knüpfen und neue europäische Anführer für ein gemeinsames eurasisches Imperium anwerben, bereitet sich der Kreml auf einen „Dolchstoß“ vor.

Es war die größte politische Demonstration deutscher Fußballhooligans. Mehrere Tausend Menschen versammelten sich am 26.10.2014 in Köln, um gegen die ultrakonservativen Salafisten zu protestieren. Der Natur der Hooligans gemäß kam es zu Ausschreitungen. Viele deutsche Medien fürchten sich bereits vor dem aufkommenden vierten Reich und weisen auf die Anwesenheit von Mitgliedern rechtsextremer und -populistischer Parteien und deren Beteiligung bei der Organisation dieser Kundgebung hin. Der Grad der Zerstörung geht jedoch nicht über die übliche Randale nach einem Fußballspiel hinaus und ist weit geringer als bei den linken „Mai-Krawallen“. Die meist russlandfreundliche rechte Szene fühlt sich mit ihren Vorwürfen an die deutschen Massenmedien bestätigt und beschuldigt diese mal wieder der antideutschen Hetze.

Zum Glück können sie kein Russisch, denn sie würden aus den Socken fallen. Auf allen Kanälen der russischen Mainstreammedien, welche sich unter der direkten oder indirekten Kontrolle des Kremls befinden und russische Regierungspositionen stets vorbehaltlos verbreiten, läuft wieder einmal eine eigene Version der Weltgeschichte.

Laut dem russischen Fernsehsender NTV wurde die Stadt Köln von einem „Pogrom deutscher Nationalisten“ erschüttert. Westi behauptet, die Teilnehmer bestünden aus „Ultrarechten und Neonazis“, die in der „blutigen dritten Halbzeit“ für massenhafte Zerstörung sorgten. Auch das Wort „Neofaschisten“ wurde verwendet, um den Protest zu diskreditieren. Perwy kanal stellt sich demonstrativ hinter die Polizei und die linke Gegendemonstration. Auch von einem Angriff auf verschleierte Frauen wurde ausführlich berichtet. Dieser Faden zieht sich durch die gesamte Berichterstattung. Das Medienspektakel erinnert an den Faschismusvorwurf gegen die ukrainische Zivilgesellschaft. Dort trugen die Fußballfans bei vielen Kundgebungen eine Schlüsselrolle. Sie sahen sich als Verteidiger ihres Landes. Ähnlich den deutschen Hooligans, welche sich als Kämpfer gegen Salafisten betrachten. Auffällig ruhig verlief es jedoch bei dem deutschsprachigen Auslandssender Stimme Russlands. Normalerweise kommentiert er die Ereignisse aus Deutschland fleißig. Doch diesmal wollte man die offizielle Haltung Moskaus verschweigen.

Dies mag verwundern, denn eigentlich unterstützt Moskau die Rechtsextremen in ganz Europa seit Jahren. Man findet im Internet eine ganze Reihe Videos zu Konferenzen Alexander Dugins mit europäischen Rechten, welcher offen von einer Eroberung Europas durch Moskau spricht. Vertreter von Lega Nord (Italien), Jobbik (Ungarn), Front National (Frankreich), Goldene Morgenröte (Griechenland) und viele mehr hatten bereits die Ehre, von Dugin in den Kreis der antiliberalen Eurasier aufgenommen zu werden. Auch Treffen in Europa fanden statt. Das letzte bekanntgewordene Treffen in Europa fand dieses Jahr in Wien statt. Unter den Teilnehmern waren Oligarchen, Unternehmer, Politiker, Rechtsextremisten, christliche Geistliche, Geisteswissenschaftler und Adlige. Im Gegenzug bieten sich die angeworbenen Neurechten als Wahlbeobachter bei dem Krimreferendum an und stimmen zusammen mit der Fraktion der Kommunisten gegen Russland-Sanktionen im Europäischen Parlament. Die Verbindungen zwischen europäischen Rechten und Moskau sind legendär. Sogar Anders Breivik war vor seinem Attentat mehrmals in Weißrussland und soll dort eine Ausbildung beim Komitee für Staatssicherheit (KGB) genossen haben. Sein Deckname war angeblich „Wikinger“, berichtet die österreichische „Neue Kronen Zeitung“.

Der Deal zwischen Moskau und europäischen Rechten war bis jetzt lukrativ für beide Seiten. Doch der Kreml kann sich eigentlich keine Rechtsradikalen leisten. Denn die Eurasische Union ist ein Multi-Kulti-Projekt, in welchem auch der Islam integrationsfähig gemacht werden soll. Vor allem jetzt, da ihre Ausbreitung nach Westen vorerst gestoppt ist, wird die angekündigte Integration von Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan sicherlich noch beschleunigt. Diese kaukasischen Ex-Sowjetrepubliken sind überwiegend muslimisch. Sollten sie mit Russland fusionieren, läge der muslimische Teil der eurasischen Bevölkerung auf einen Schlag bei über 40 Prozent.

Zwar wird Russland im Westen gerne als die Bastion des frommen Christentums und konservativer Werte gesehen, doch bereits jetzt bevölkern 19 bis 22 Millionen Moslems (13 bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung) die russischen Städte, und die demographische Entwicklung ist noch katastrophaler als in Europa. Es gibt zur Zeit sechs Gebiete mit einer muslimischen Mehrheit. Sollte die Erweiterung der Eurasischen Union also planmäßig ablaufen, wird Russland in nur wenigen Jahren zu einem mehrheitlich muslimischen Land. Das ahnen auch die russischen Rechtsextremen. Auf dem alljährlichen „Russki-Marsch“ versammeln sich Tausende von Neonazis, die offen nationalsozialistische Symbolik präsentieren. Bis Anfang 2014 gehörten sie zu der Opposition gegen Putin. Doch mit dem Einmarsch in der Ukraine hat der russische Präsident es geschafft, diese Kreise für sich zu gewinnen. Mit dieser Unterstützung befindet sich Wladimir Putin seit der Krim-Annexion dauerhaft auf einem Umfragehoch.

Hierzu passt die Gratwanderung der Eurasierpropagandisten, die darum bemüht sind, extrem linke, rechte und religiöse Strömungen in einem gemeinsamen Kampf gegen die Moderne und den Westen zu vereinen. Nazis, Kommunisten und christliche sowie muslimische Fanatiker sollen nicht nur ihre menschlichen individuellen Bedürfnisse zurückschrauben, sondern auch ihre alte kollektive Identität aufgeben. Sie erhalten dafür das Gefühl, zu einem Imperium zu gehören, das in der Lage ist, im Geschichtsbuch erwähnt zu werden, egal in welchem Ton. Genau das ist der psychologische Deal des Kremls mit all den verschiedenen Kollektivisten.

Der patriotische Rausch, in dem sich die russische Bevölkerung zur Zeit befindet, ist jedoch temporär. Die Anzeichen für eine Ernüchterung mehren sich. TV Rain berichtet unter Berufung auf das Umfrageinstitut Lewada Zentrum erstmalig seit Monaten einen deutlichen Einbruch in Putins Popularität. Sollte der russischen Rechten endgültig bewusst werden, dass die Russen in wenigen Jahren in einem muslimischen Staat leben, werden seine Umfragewerte drastisch sinken. Der Versuch, dieser Entwicklung vorherzukommen, manifestiert sich in der neuen Flut der autoritärenGesetze, welche beinahe täglich von der Duma im Eilverfahren durchgewunken werden.

Die europäischen Rechten haben mit der neuesten Berichterstattung über die HoGeSa-Demonstration (Hooligans gegen Salafisten) einen kleinen Vorgeschmack bekommen, was Russland wirklich von „Rechten“ hält. Der Kreml benutzt die Konservativen, um die EU zu zerschlagen und später die einzelnen europäischen Länder des Faschismus zu bezichtigen. Auf einem Besuch in Belgrad warnte der russische Präsident kürzlich vor dem aufkeimenden Nationalismus in Europa.

Die Frage, die bleibt, lautet, wann in Russland behauptet wird, die russische Minderheit in Europa fühle sich bedroht. Vergessen wir nicht, dass die offizielle russische Militärdoktrin den Schutz der russischsprachigen Bevölkerung in jedem Land der Erde beinhaltet.


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