30. Oktober 2014

Staatsfunk Der Hitler-Code

Geht’s noch?

Wer es bislang noch nicht wusste: Hoffmann von Fallersleben muss der erste Nazi gewesen sein. „Liebe in allen Farben“ heißt das alte Volkslied, das er gemeinsam mit Ernst Richter 1842 veröffentlichte. Darunter auch diese Strophe:

„Braun, braun, braun sind alle meine Kleider,

braun, braun, braun ist alles, was ich hab’.

Darum lieb’ ich alles, was so braun ist,

weil mein Schatz ein Landwirt ist.“

Eine Ode an die braune Farbe. Geht’s noch? Man sagt, diese verdächtigen Zeilen aus altem Liedgut werden heute noch in Kindergärten als Sing- und Tanzlied aufgeführt. Das setzen die unseren Kindern vor, haben die denn gar kein Gewissen? Sehen die denn alle kein Morgenmagazin im ZDF? Gestern veröffentlichte die Redaktion der Sendung auf Facebook eine Entschuldigung an ihre Zuschauer mit folgendem Wortlaut:

„Aufgrund einiger Zuschauer-Hinweise zur Kleidungswahl unseres Moderators Jochen Breyer möchten wir kurz aufklären, dass sein olivgrünes Hemd auf dem Bildschirm tatsächlich braun wirkte, dies aber von Jochen Breyer natürlich keinesfalls beabsichtigt war. Wir entschuldigen uns für den entstandenen Eindruck.“

Was ist mit Nutella-Essern?

Ja, liebes ZDF, das war wirklich fällig. Ich hoffe auch sehr, dass es fortan bei den Zuschauern im Studio keinen braunen Kaffee mehr gibt, nicht dass eine der Kameras aus Versehen in eine Tasse schwenkt und das auch noch im Bild festhält. Ab sofort aus Sicherheitsgründen nur noch grünen Tee. Denn das weiß man doch: braun gleich Nazi. Und damit stehen wir alle mit einem Bein im rechtsradikalen Sumpf, auch diejenigen, die es gar nicht ahnten.

„Braun, braun, braun, sind alle meine Kleider, weil mein Schatz ein Landwirt ist.“ Ist das vielleicht ein subtiler Code? Alle Landwirte auch Nazis? Was ist mit Nutella-Essern? Unser Glas ist vor Verfassen dieses Textes entsorgt worden. Ich werde das den Kindern sicher erklären können. Braune Haare, oh Mann, das sind ganz schön viele. Auch Nazis? Wenn man sich einmal auf die Suche macht, ist die trügerische braune Farbe überall.

Nazifreie Zone im ZDF, das sollte unbedingt Schule machen auch bei den anderen Sendern. Gut, RTL muss dann ab sofort „Bauer sucht Frau“ einstellen, denn vermeintliche Nazis auf Partnersuche will doch wirklich keiner sehen. Die Bratensauce am Sonntag: Weg damit! Braune Sauce geht gar nicht! Außerdem ist vegan sowieso gesünder und das ist hauptsächlich grün, also eine politisch korrekte Farbe.

Die verräterische Farbe ist ja längst nicht alles, was uns eindeutig als Rechtsradikale entlarvt. Unsere ganze Mathematik steht auf dem Spiel! Hatte nicht erst im Mai der Waschmittelhersteller Procter & Gamble die Auslieferung der Ariel-Sonderedition „88“ stoppen müssen? Hatte mal wieder keiner nachgedacht bei den Amis, aber auf den antifaschistischen Widerstand im Netz war wie immer Verlass. Die Werbung mit dem WM-Nationaltrikot, auf dem „Ariel“ und die Zahl „88“ stand, wurde ebenfalls sofort eingedampft. „Ariel“, das klingt doch schon wie „Arier“, und der Hinweis auf „neue Konzentration“ beim Waschen kann nur als bewusste Provokation gewertet werden. „88“, weiß doch jeder, außer Procter & Gamble, das ist der Hitler-Code.

Zweimal der achte Buchstabe im Alphabet, „HH“ für „Heil Hitler“. 88 geht also auch nicht mehr, wir rechnen nur noch mit politisch korrekten Zahlen. Alle Rechenaufgaben in Grundschulbüchern mit der Zahl 88 müssen nun eliminiert werden. Es ist allerdings gut zu wissen, dass das OLG Brandenburg bereits im Jahr 2005 festgestellt hatte, dass die Verwendung der Zahl 88 „nicht unbedingt strafbar“ sei. Damit sind die Hausaufgaben meiner Kinder gerettet, sollte sich doch mal aus Versehen die unaussprechliche Zahl einschleichen.

Wasserstoffblond kann auch schön sein

Vielleicht könnten wir es auch wie die Franzosen machen, bei denen ist die Zahl 88 bereits eine Matheaufgabe in sich: „quatre-vingt-huit“, alias „vier mal 20 plus acht“, geht doch! Allerdings ist auch hier das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Was ist mit SS? Zweimal der neunzehnte Buchstabe: „1919“. Muss das Jahr 1919 jetzt aus den Geschichtsbüchern? Wäre ein bisschen schade, zumal wir Frauen am 19. (sic!) Januar 1919 das volle Wahlrecht erhalten haben, und das wollen wir ja nicht zurückgeben. Aber man kann nicht vorsichtig genug sein, und Vorbeugen ist besser als das Nachsehen haben.

Kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit dem unschuldigen Argument, es ist ja nicht alles schlecht, was braun ist. Das kennen wir doch schon als alten Trick mit den Autobahnen und um die DDR mit Spreewaldgurken und Rotkäppchensekt schönzureden. Wenn, dann müssen wir konsequent sein. Man munkelt, Claus Kleber sei heute schon beim Friseur gesichtet worden. Wasserstoffblond kann ja auch schön sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von „The European“.


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