03. November 2014

EZB Die Stadt, die Burg und der Euro

Europa wächst in die Höhe

Europa wächst, und wie. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Zahl der Beschäftigten der Europäischen Zentralbank auf nunmehr 1.600 verdreifacht. Irgendwann einmal soll die ihr unterstehende Bankenaufsicht 1.000 Mitarbeiter bekommen – sie hat jetzt schon, zum Start, 900. Dazu die Vervielfachung der europäischen Versicherungsaufsicht. Europas Bürokratie wächst. Und sie braucht Gebäude. Frankfurt ist in nur wenigen Jahren zu einer der Hauptstädte der europäischen Bürokratie geworden.

Und leidet darunter, worunter alle Bürokratien leiden. Würden Sie Ihr Geld jemandem anvertrauen, der sich beim Bau seines Wohnhauses um den Faktor drei verkalkuliert? Gut, die Frage ist unfair. Schließlich werden wir als Steuerzahler jeden Tag gezwungen, den Berliner Flughafen, die Elbphilharmonie Hamburg, das Berliner Stadtschloss oder sonst irgendein Bauwerk zu finanzieren, das wenige Jahre nach der geplanten Eröffnung fertig wird – und dafür das Drei- oder Fünffache kostet. Und das soll beim Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt anders sein – auch wenn ein Zentralbau eigentlich mehr Vertrauen und nicht so sehr Beton braucht? Ursprünglich sollte der Neubau 500 Millionen Euro kosten, dann waren die von einem Bauträger kalkulierten 850 Millionen zu viel, weswegen die EZB Planung und Bau selbst übernahm, sich alles Weitere erst mal verzögerte und dann wegen der mittlerweile wirkenden Inflation die Kosten auf nun 1,3 Milliarden gestiegen sind, wenn im November die ersten von insgesamt 2.900 Mitarbeitern einziehen. Sollten Sie die Zusammenhänge nicht nachvollziehen können, dann liegt das nicht an Ihnen, keine Sorge. Während der Süden Europas zur Sparsamkeit gemahnt wird – die Mahner sind jene, die gerne Wasser predigen und gar nicht heimlich Wein trinken. Aber der neue Tower der EZB mit 45 Stockwerken ist mehr als eine Geldverbrennungsmaschine, viel mehr. Europa wächst auch in die Höhe, und der Neubau der EZB demonstriert das.

Der Bau demonstriert ein ungeheures Selbstbewusstsein und einen gigantomanischen Machtanspruch – der den der demokratisch-bescheidenen Länder übertrumpft. Als hätten die Planer vorausgesehen, dass die EZB in die Rolle des europäischen Herrschers schlüpft, weil die nationalen Regierungen und die Kommission in Brüssel zahnlos geworden sind, haben sie ihr einen wahren Kaisermantel in der Kaiserkrönungsstadt Frankfurt geschneidert.

Wie bescheiden nehmen sich dagegen die Neubauten der Bundesrepublik in Berlin aus; der Reichstag mit seiner gläsernen Kuppel, die so zerbrechlich wirkt wie ein Hühnerei; das Kanzleramt, ein hingepurzelter, belangloser Betonwürfel wie ein Kinderholzspielstein mit runden Öffnungen, die der Volksmund „Waschmaschine“ taufte, und die diversen Ministerien wirken wie frisch renovierte Arbeitsämter – mit Ausnahme des Finanzministeriums.

Aber selbst Hermann Görings riesiges Reichsluftfahrtministerium, das später als „Haus der Ministerien“ der DDR diente, gibt sich bescheiden dagegen. Wie ein monströser, kalter Glaskeil ist der EZB-Tower, von einer außerirdischen, unantastbaren Macht in den Frankfurter Osten gerammt wie eine moderne Feldstandarte.

Die 185-Meter-Monstrosität stellt die Proportionen auf den Kopf: Jahrzehntelang galt die aus den 20er Jahren stammende Großmarkthalle, die neben dem Turm steht, als Riesenbau; tatsächlich galt sie jahrzehntelang als die größte und höchste freitragende Halle, zu ihrer Zeit ein Fanal des Modernismus. Jetzt wirkt sie wie ein kleiner, flacher Hühnerstall neben dem EZB-Turm. Was groß war, wird klein, das ist die Botschaft der EZB-Architektur. Alte Größe wird zum Anhängsel; ein Fitnessstudio für die Mitarbeiter kommt hinein und ein Kongresszentrum. Die EZB harmoniert nicht mit der Umgebung, sie zitiert nicht, sie fügt sich nicht ein und hat keinerlei Anbindung, Gegenstück oder auch Gegengewicht: Ich bin das Geld, dein Gott, gebietet sie.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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