07. November 2014

Medien Die Bröselkruste der „FAZ“

Herr Dollase muss bleiben

Kann gutes Essen auf die Dauer ein bisschen gaga machen? Beziehungsweise den Esser gaga schreiben lassen? Kosten Sie mal: „Hartwig beginnt mit ein paar Kleinigkeiten vorab, die erst einmal versichernd wirken. Es gibt Caprese, Sushi, einen Chorizo-Stick, dann eine sensorisch aufgeschlüsselte, geradezu feinmechanisch deklinierte Variation von Pilzen und Haselnuss.“ Oder das hier? „Hartwig nutzt die ausgeweitete Sensorik in erster Linie für die Erzielung eines hochinteressanten Aromenspektrums. Man registriert die Details und die Texturkontraste, die Cremigkeit der rohen Garnele und ihr Verhältnis zu Jus und Saucen, auch die Unabhängigkeit der Garnele von den roh angesäuerten Kohlrabistreifen.“

Der einen da sensorisch zutexturiert, hört auf den Namen Jürgen Dollase. Er schreibt ausgeweiteten Gastrokritikerschmus, vor allem für „FAZ“ und „FAS“. Der Meister der feinmechanischen Genussbetrachtung, Vorstandsmitglied der „Deutschen Akademie für Kulinaristik“, hat mein Kaufverhältnis zur den erwähnten Druckerzeugnissen gelegentlich strapaziert. Fast jedes Dollase-Stück weckt in mir das Bedürfnis, Dank und Anerkennung zu entrichten. Und zwar an die Adresse gewesener Fressjuroren. Deren Geschmacksknospen waren sensorisch vielleicht nicht so entwickelt wie die von Dollase. Dafür konnten sich die Herren aber ganz gut artikulieren. Merci an Wolfram Siebeck, Gert von Paczensky, Hans Heinrich Ziemann und andere.

Dollase, Jahrgang 1948, hat eine interessante Vita. Er war Gründer der Artrock-Combo „Wallenstein“, manch älterem Zeitgenossen noch ein Begriff. Später habe er auch gemalt, meldet Wikipedia, „zeigte seine Ölgemälde aber keinem Galeristen“. Es gibt Leute, die ihm „die absolute Zunge“ bescheinigen, so was wie ein Pendant zum absoluten Gehör. Seine Zunge verhilft Dollase zu interdisziplinären Erkenntnissen wie dieser: „Trotz aller Präsenz des Hauptprodukts und des Primat des Aromas ist das (gemeint ist ein Beilagenensemble, WR) wie eine Fuge strukturiert, mit Stimmen, die ihre Linien verfolgen und an unterschiedlichen Stellen und nie statisch zu Interaktionen finden.“ Auch seine Ode an die „sagenhafte Bröselkruste für das Bries, die abermals so schmeckt, als hätte man das alles noch einmal neu gedacht“, ist sprachlich auf den Punkt gegart.

Anfangs hegte ich den Verdacht, es handele sich bei Dollases Texten um eine Art Jux nach Art von „Verstehen Sie Spaß?“ Wenn man der Redaktion mitteilte, man hielte diese Kolumnen für Megastuss, für prätentiöses Turbogeschwafel, ja für den größtmöglich verschwurbelten Angeberquatsch, der es je in die „FAZ“ geschafft hat – würde man dann eine Antwort aus Frankfurt kriegen, die sich ungefähr so läse? „Bei unserem Autor handelt es sich um einen Undercover-Satiriker, der die Zurechnungsfähigkeit der Feuilleton-Leserschaft testet. Glückwunsch, Sie haben den Test bestanden!“

Erst beim Erwägen dieser Möglichkeit dämmerte mir, weshalb „FAZ“ und „FAS“ schon ziemlich lange nicht mehr so recht nach meinem Gusto sind. Mit Dollase hat das gar nichts zu tun. Sondern mit einem Mann, unter dem auch einer wie Dollase sich entfalten durfte: Frank Schirrmacher, der bis zu seinem Tod im Juni für die Feuilletons zuständige Herausgeber. Dessen hochtourig ratternde Debattenproduktionsmaschine und sein irrlichterndes Agenda-Setting – mal Methusalem-Komplott, mal Internet-Schimpfe, mal Gentechnik-Alarm, dann wieder Big-Data-Suaden – hatten mich irgendwie vergrämt. Alles war ja offenkundig darauf angelegt, das postwendende Gewieher konkurrierender Schreibstubenhengste bei „SZ“, „Zeit“ und „Spiegel“ zu erzeugen. Was im Ergebnis die berüchtigte, sich wechselseitig hochschaukelnde deutsche Debattenkultur ergibt, das Hochamt der Mahner, Warner und Bedenkenkulis.

Ist der Quark in den Feuilletons breit genug getreten, strickt der Initiator der Debatte schnell noch ein Buch draus. Das wird dann von sämtlichen Feuilletonisten rezensiert, weil die ja mittenmang der Debatte waren. Das Buch wird folgerichtig ein Seller, und seinen Autor feiert man als einen der „anregendsten Autoren, eine markante Stimme“ (die „Neue Zürcher Zeitung“ zum Ableben von Frank Schirrmacher).

Schirrmacher war ein Großmeister dieser inszenierten Aufgeregtheiten. Dabei verschob er seinen Beritt peu à peu nach links. Dass der Markenkern einer konservativen Publikation erodiert, lässt man darin immer mehr Leute schreiben und machen und tun, die dem linksliberalen bis linksradikalen Spektrum angehören, versteht sich von selbst. War Schirrmacher aber wurscht. Er glaubte wohl wirklich, dass seinem Blatt eine „intellektuelle Öffnung“ wohltäte.

Es stimmt natürlich, dass die „FAZ“ in ihrem Salonwagen schon Jahrzehnte vor Schirrmacher immer mal wieder Linke zu Wort kommen ließ. Etwa den keinem guten Honorar aus dem Weg gehenden Lyriker Peter Rühmkorf, der das Lyrische allerdings stets über sein Linkssein stellte. Aber ein Slavoj-Žižek-Aufguss wie Dietmar Dath, der es unter Schirrmachers Ägide zur roten Laterne des Bürgerblattes brachte, was hat der in der „FAZ“ zu suchen? Und eine Hummer-Kommunistin wie Sahra Wagenknecht, die jede zweite Talkshow agitiert – wer möchte denn dieser Dame begegnen, in diesem Blatt?

Bezeichnend, dass im Strom euphorischer Kondolenzen nach Schirrmachers Tod auch das „Neue Deutschland“ mitschwamm. Zitat: „Schirrmacher machte im Feuilleton der ‚FAZ‘, die gerne auch mal als das Hausblatt des deutschen Kapitals bezeichnet wird, etwas, das die politische und schreibende Linke in diesem Land kaum vermocht hatte – eine breite Debatte in Gang zu setzen, die als kapitalismuskritisch rezipiert werden konnte. Schirrmachers Text über den britischen Konservativen Charles Moore, der der Linken konstatierte (sic!), eben doch recht behalten zu haben mit ihrer Kritik am Kapitalismus, folgten Texte, die auch und gerade einer Szene Stoff zum Nachdenken boten, die doch eher außerhalb der ‚FAZ‘ verortet werden müsste.“

Wer neue Leser von dieser Couleur ins Boot zieht, darf sich nicht wundern, wenn die alten über Bord springen. Nein, Schirrmacher war alles andere als ein Glücksfall für die „FAZ“. Das haben inzwischen wohl auch die meisten Blattverantwortlichen kapiert. Der „FAZ“ geht es nicht gut, aus unterschiedlichen Gründen. Nicht nur, gewiss aber auch wegen Schirrmachers Linksdrall. Wenn das Mündel Vormund sein will, das Feuilleton also immerzu großmäulig konterkariert, was im Brotteil des Blattes steht, bemerkt der Leser das irgendwann. Und rächt sich durch Konsumverzicht. Die „taz“ druckt ja auch nicht Akif Pirinçci.

Nach einem halben Trauerjahr werden Schirrmachers Hinterlassenschaften nun offenbar scheibchenweise entsorgt. Der von ihm vor drei Jahren inthronisierte Feuilletonchef Nils Minkmar („Stellt endlich die Systemfrage!“) wurde just zum „Europa-Kulturkorrespondenten“ des Blattes verändert. Sein Nachfolger steht noch nicht fest. Ist aber unwahrscheinlich, dass er in Kreisen von Systeminfragestellern gesucht wird. Der tägliche Comic (oder die „Graphic Novel“), einer von Schirrmachers teuren Spleens, wird eingestellt. Comics gehören nicht wirklich zur Kernkompetenz der „FAZ“. Anything goes war gestern, auch bei der Zeitung für Deutschland.

Darf man also annehmen, dass aus der Bröselkruste des „FAZ“-Feuilletons künftig mehr Lesbares, Vernunftgetriebenes aufscheint? Abwarten. Kleiner Wunsch: Sofort, aber subito!, die „Kilroy was here“-Rubrik kegeln (Nr. 253: „Das Glück war dir hold. Du hast gewonnen. Aber wozu? Wohin mit dem dicken Teddybär?“). Dagegen wirkt ein Dobelli nachgerade geistreich.

Es gäbe so einiges auszumisten bei der „FAZ“. Aber Jürgen Dollase muss bleiben. Bitte! „Eine Zeitung ohne Witzecke ist gar keine richtige Zeitung“, soll der frühe Henri Nannen mal gesagt haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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