13. November 2014

Willensfreiheit Gibt es!

Ein persönlicher Artikel zu 25 Jahren Mauerfall

Menschen haben nicht nur Gehirne, sondern auch Geist. Und so gibt es jede Menge Entitäten, die nicht à la Russells Teekanne in einem materiellen Sinne existieren, aber beobachtbare Auswirkungen auf unser Erleben und Leben haben – zum Beispiel Menschenrechte, Liebe, Recht, Gott, Wissenschaft oder (Willens-) Freiheit. Von deren Nichtexistenz wollen uns ja auch viele kluge Köpfe überzeugen, gerne mit Berufung auf ein nur halb verstandenes Zitat von Arthur Schopenhauer (1788-1860):

„Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

Immer wieder kommt es dann zu vollmundigen Ankündigungen von Forschern, beispielsweise von Gerhard Roth in der Oktober-Ausgabe 2008 von „Spektrum der Wissenschaft“:

„Ich glaube, spätestens in zehn Jahren hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass es Freiheit etwa im Sinne einer subjektiven Schuldfähigkeit nicht gibt.“

Nun, ich werde im folgenden Beitrag (wie zum Beispiel auch Prof. Wolfgang Achtner) dafür den Kopf hinhalten, dass es Willensfreiheit gibt!

Fünf Argumente, warum es Willensfreiheit gibt

Erstens: Freiheit kann man fühlen und sie kann vermisst werden, wo sie fehlt!

Wie „die Liebe“ wird auch „die Freiheit“ erfahren – meistens, aber durchaus nicht immer positiv. Zum Liebesrausch gehört der Liebesschmerz und neben dem erhebenden Freiheitsgefühl, viele Möglichkeiten im Leben zu haben, gibt es auch die Sorge, von den vielen Optionen überfordert („wie gelähmt“) zu sein. Deswegen kämpfen manche Menschen für ihre Freiheiten – und stürzten zum Beispiel vor 25 Jahren die Berliner Mauer –, und andere geben ihre Freiheiten an Drogen oder verführerisch einfache Weltbilder des politischen oder religiösen Extremismus auf. Freiheitsbestreitende müssten also erklären, warum die Evolution uns mit solchen Erfahrungen ausgestattet haben sollte, wenn diese doch „nur Illusionen“ seien.

„Ich erinnere mich noch an den Schauer, ein Jahrzehnt nach dem Mauerfall, als meine Frau – deren Eltern aus der Türkei zugewandert waren – und ich genau den Grenzübergang (Checkpoint Charlie) überschritten, den meine Eltern und Großeltern nicht hatten übertreten dürfen. Freiheit kann man erleben, fühlen, gerade auch in Berlin. Zugespitzt: Wer die Existenz von Freiheit leugnet, leugnet auch die Existenz von Liebe.“

Zweitens: Freiheit kann nicht mehr nur dualistisch verstanden werden, sondern auch naturalistisch-emergent!

Noch Schopenhauer kämpfte gegen die (zum Beispiel cartesianische) Vorstellung, dass eine von der Welt getrennte Seele ihren Willen in die Welt geben würde. Geschenkt. Heute können auch Naturalisten einräumen, dass Systeme immer neue Eigenschaften hervorbringen (Emergenz): Quarks haben zum Beispiel noch keine einklagbaren „Rechte“, Menschen in einem Rechtsstaat dagegen schon. Wer dagegen meint, mit den Mitteln der Physik juristische Sachverhalte bewerten zu können, begeht einfach einen peinlichen Kategorienfehler (über den die meisten Juristinnen und Juristen nur noch gelangweilt schmunzeln können).

„Physikalische Objekte haben (noch) keine unterscheidbare Individualität, sie sind gegeneinander völlig austauschbar. Erst indem sie immer komplexere Systeme (Zellen, Nervensysteme, Wissenschaftlerinnen und so weiter) bilden, entwickeln sie zunehmend individuelle Eigenschaften.“

Drittens: Das Universum ist nicht vollständig determiniert!

Sicher: Ohne Regelhaftigkeit gäbe es keine lebenserhaltende Ordnung. Aber der Glaube an ein „völlig determiniertes“ Universum ist seit der Entdeckung der Quantenphysik schlichtweg nicht mehr Stand der Wissenschaft.

„Natürlich haben Freiheitsbestreitende später versucht, dieses ungehörige Verhalten der Quarks wieder abzudichten. Das dafür derzeit gängige Lieblingsargument lautet – beispielsweise bei dem Philosophen Bernulf Kanitscheider – die Quanteneffekte ‚mittelten‘ sich eben wieder aus und spielten schon auf Ebene von Gehirnprozessen keinerlei Rolle mehr. Physiker wie Winfried Schmitt widersprechen im Hinblick auf grundlegende Prozesse der Exozytose (Signalübertragung). Noch gewichtiger erscheint mir jedoch der Einwand, dass menschliche Gehirne nicht isoliert von der Umwelt bestehen. Wenn teilweise indeterminierte Quanteneffekte an der Planetenentstehung oder dem Gewitter beteiligt waren, das den jungen Martin Luther zum Mönchsgelübde führte, dann waren dessen Gedanken, Lebensweg und Auswirkungen eben nicht mehr schon vom Urknall her völlig determiniert.“

Viertens: Freiheit ist aber auch mehr als Zufall!

In einem völlig determinierten Universum gäbe es keine „echte“ Freiheit, in einem völlig chaotischen Universum ebenso wenig.

„Tatsächlich sprechen wir ja sogar Menschen den eigenen Willen ab, die von einem völligen Kontrollverlust – etwa durch einen epileptischen Anfall oder den Konsum von Rauschmitteln – betroffen sind. Eigen ist mir ein Wille nicht durch konturlosen Zufall, sondern erst dann, wenn er Gründe in mir selbst hat.“

Das Universum, in dem wir leben, bietet eine Mischung aus Regelhaftigkeit und Unbestimmtheit, die individuelle Freiheit ermöglicht!

Fünftens: Willensfreiheit besteht dann, wenn der Wille im Betreffenden selbst begründet ist!

Schopenhauers Argument – das in der Auseinandersetzung mit dem damaligen Dualismus seine Berechtigung hatte – besteht ja darin, dass „der Wille“ sich nicht selbst schöpfen könnte. Das ist aber nach heutigem Kenntnisstand ebenso wahr wie banal: Auch Sie selbst sind entstanden, weil sich Mutter und Vater vereinigt haben – nicht, weil Sie selbst sich schufen. Daraus zu schließen, es gebe Sie gar nicht, wäre offenkundig Schwachsinn – ebenso, wie sich aus der Tatsache Ihrer Zeugung nicht ableiten lässt, dass Sie ein Leben lang nur von Ihren Eltern beherrscht werden. Sie sind eine unreduzierbare und unwiederbringliche Person – mit einem eigenen, nicht einmal von Ihnen selbst völlig vorhersagbaren Willen!

„Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sind schon genetisch ‚einzigartig‘ (und sogar von möglichen Zwillingsgeschwistern durch Mutationen und epigenetische Effekte geringfügig unterschieden) und werden noch mehr durch Ihren ebenfalls einzigartigen Lebensweg zu einem völlig individuellen Wesen. Dass Sie mit allen anderen Menschen engstens und mit Tieren etwas weiter verwandt sind und nicht zuletzt auf dieser Basis versuchen, Ihren eigenen Willen zu verstehen, zu formen und zu begründen, unterstreicht nur, dass Sie genau Sie sind – und eben kein replizierbarer Roboter oder nur chaotischer Zufall. Es ist in der maximal überhaupt denkbaren Form genau ‚Ihr‘ von Ihrem körperlichen und historischen Werden unablösbarer Wille, da es Sie nur einmal gibt und geben wird – auch wenn Sie selbst, ebenso wie jeder andere innerweltliche Beobachtende, nie alle Einflussfaktoren dieses Willens werden bewusst überblicken können.“

Fazit

Ich denke, dass die Freiheitsbestreitenden Unrecht haben – Willensfreiheit „gibt“ es ebenso wie es Liebe, Recht und Wissenschaft gibt – nicht schon auf der Ebene der Physik, aber sehr wohl auf den Ebenen menschlichen Erlebens und beobachtbarer Auswirkungen. Und ich gehe gerne jede Wette ein, dass auch Gerhard Roths eingangs zitierte Vorhersage danebengehen wird – und die allermeisten Menschen auch noch 2019 an Freiheit, Verantwortungs- und Schuldfähigkeit glauben werden. Zu Recht.

Wir stellen also schon hier fest, dass das Bestreiten von Individualität durch „die Wissenschaften“ auf veralteter Physik, auf Ignoranz gegenüber Evolutionsprozessen und auf plumpen Kategorienfehlern beruht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Natur des Glaubens.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Michael Blume

Über Michael Blume

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige