27. November 2014

Studium Der umgekehrte Generationenvertrag

Warum Kritik an Privatuniversitäten unsolidarisch ist

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Das Konzept der „Solidarität“ ist ein vieldiskutiertes. Auch Studenten der nordrhein-westfälischen Privatuniversität Witten-Herdecke werden es kennen und in ihren Uni-Seminaren diskutieren.

Im Gegensatz zu ihren Kommilitonen an öffentlichen Universitäten leben sie es jedoch auch in der Praxis. Als so beschriebene „zukünftige Elite“ werden sie die öffentlichen Universitäten ganz solidarisch über ihre Steuern weiter finanzieren, ohne sie je in Anspruch genommen zu haben.

Für Ingrid Remmers von der Linkspartei Nordrhein-Westfalens ist dies jedoch „unsolidarisch“.

„Um ihre elitäre Ausbildung an der Privatuni zu sichern, sind sie sich nun auch für risikoreiche Finanzgeschäfte nicht zu schade“, kritisiert die stellvertretende NRW-Landessprecherin. Bereits vor 20 Jahren hätten die „Elite“-Studierenden eine eigene Gesellschaft gegründet und so die Möglichkeit geschaffen, die hohen Gebühren der Privatuniversität erst nach dem Studium zu bezahlen. Nach dem weiteren Anstieg der Studierendenzahlen legten sie mit der Ausgabe des neuen Wertpapiers zur Erhöhung des Kapitals nun noch eins drauf.

Der umgekehrte Generationenvertrag

Tatsächlich gehen die Studierenden der Universität Witten-Herdecke völlig freiwillig ein gewisses Risiko ein. Obwohl Dutzende von angeblichen „Exzellenz“-Universitäten mit kostenlosem Studium locken, bezahlen sie, sofern sie sofort zahlen, Studiengebühren von knapp über 15.000 Euro in Geisteswissenschaften über knapp 30.000 Euro für einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften bis zu 65.000 Euro für ein fünfjähriges Studium in Zahnmedizin.

Im Vergleich betragen allein die summierten Sozial- und Verwaltungsbeiträge für ein Studium an einer öffentlichen Universität über den gesamten Studienzeitraum hinweg oft weniger als 1.000 Euro.

Das Risiko für sie ist freilich begrenzt, weil sie diese Summen eben nicht zwingend sofort oder während ihres Studiums bezahlen müssen. Witten-Herdecke arbeitet seit Jahren mit dem innovativen Modell eines „umgekehrten Generationenvertrages“, das mittlerweile auch von anderen Privatuniversitäten kopiert wurde.

Beiträge erst später bezahlen

Dies bedeutet, dass die Studierenden ihr Studium frei gestalten können, ohne zunächst Beiträge zu leisten, sofern sie es nicht ausdrücklich wollen. Erst wenn sie als Absolventen einen Job haben, der ihnen ein Einkommen von über 27.000 Euro brutto einbringt, leisten sie ihren Beitrag in Abhängigkeit von ihrem Einkommen über einen fest definierten Zeitraum.

Grundlage der Berechnung ist das Bruttoeinkommen abzüglich Werbungskosten und Vorsorgepauschalen gemäß BAföG. Gezahlt wird maximal bis zu einer vertraglich festgelegten Höchstgrenze.

Ein Jahreseinkommen von bis zu 21.000 Euro wird nicht zur Rückzahlung herangezogen. Auch Studierende, die für ihren Abschluss mehr oder weniger als die Regelstudienzeit benötigen, leisten ihren Rückzahlungsbeitrag ausnahmslos über den definierten Zeitraum.

Studenten müssen also nur zahlen, wenn ihr Studium erfolgreich war und sie einen gut vergüteten Arbeitsplatz gefunden haben. Dort zahlen sie dann über einen gewissen Zeitraum ihre Beiträge ab, die ihnen ihr Studium und ihren Job erst ermöglicht haben.

Im extremen Falle des Zahnmediziners, der bei einer Sofortzahlung 65.100 Euro berappen müsste, belaufen sich die Rückzahlungsmodalitäten auf 14 Prozent des Bruttogehalts über einen Zeitraum von zehn Jahren.

Das Durchschnittsgehalt eines Zahnarztes von 130.000 Euro minimiert sich allein durch Steuern und Sozialabgaben auf knapp 70.000 Euro verfügbares Einkommen.

Viel Geld, von dem jedoch bis zu maximal 19.800 Euro zurück an die Uni fließen, um der nächsten Generation an Studenten ihr Studium zu sichern. Freilich wird es im Regelfall nie ganz so viel sein, weil die Berechnung Höchstsätze und diverse Werbekostenfreibeträge mit einschließt.

Seinen Wunschberuf mit einem immer noch komfortablen Gehalt ausübend, handelt der Muster-Zahnmediziner-Alumnus der Privatuniversität Witten-Herdecke also nun laut Frau Remmers „unsolidarisch“.

Studium für Menschen aus armen Verhältnissen

Er stellt sich als Mediziner ganz in den Dienst des Gemeinwohls, trägt über seine Berufslaufbahn hinweg mehrere Millionen an Steuern unter anderem zur Finanzierung der öffentlichen Hochschulen bei und sichert mit seinen Rückzahlungen an seine Alma Mater, dass jeder, der entsprechend begabt ist, auch weiterhin Zahnmedizin studieren kann, obwohl er aus ärmsten Verhältnissen stammt.

Gleiches gilt mit entsprechenden anderen Zahlen für jeden anderen Studenten an dieser Privatuniversität. Nach den Worten von Ingrid Remmers kann man ihnen nur raten, tatsächlich so „unsolidarisch“ zu sein, die Bundesrepublik zu verlassen. In letzter Linie sind sie es nämlich, die für Frau Remmers und ihre angestrebte „Solidarität“ tief in die Tasche greifen.

Mit ihrer Kritik an einer Anleihenfinanzierung begibt sich Remmers nämlich auf dünnes Eis und gefährdet das Erfolgsmodell des umgekehrten Generationenvertrags. Da eben nicht die reiche Elite, sondern zunehmend begabte Studenten aus armen Elternhäusern an der Uni studieren, nimmt fast jeder Zweite mittlerweile den Generationenvertrag in Anspruch.

Die Zahl der Studierenden, momentan bei 2.000, wird erwartungsgemäß bis 2020 auf 2.500 ansteigen. Da diese Studenten größtenteils ihre Studienbeiträge erst nach dem Studium zurückzahlen werden, besteht offensichtlich die zwingende Notwendigkeit, mit einer Anleihe diesen Zeitraum zu überbrücken. Da diese komplett mit Forderungen gegenüber den Studierenden gedeckt ist, handelt es sich wohl kaum um ein „riskantes Finanzgeschäft“.

Das einzige „Risiko“ liegt dabei darin, dass die Studenten ihre Generationenverträge nicht erfüllen können. Dieses Szenario ist aber denkbar unwahrscheinlich, da sonst ohnehin die Existenzberechtigung einer Privatuniversität gefährdet wäre.

Schließlich entscheiden sich nicht ohne Grund immer mehr junge Menschen für ein Studium abseits immer schlechter werdender Studienbedingungen an öffentlichen Massenuniversitäten. Privatuniversitäten, die ihre Studenten nicht bestmöglich auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, verfehlen ihre Aufgabe und ihr Ziel.

Ohne diese Reputation werden sie schließlich kaum Studenten für horrende Kosten für sich gewinnen können, wenn diese kostenfrei an öffentlichen Universitäten mit besserer Qualität studieren können.

Attacken von links gehen ins Leere

Letztlich ist das Attackieren privater Universitäten von linker Seite völlig unlogisch aus solidarischer Hinsicht, es entspringt einzig und allein Gleichmachungsbestrebungen.

Auf der einen Seite stemmen Privatuniversitäten wie Witten-Herdecke zusätzlich die enormen Kosten etwa für ein Medizinstudium, das am Ende dem Gemeinwohl zugutekommt. In Zeiten großen Ärztemangels stellt private Initiative zusätzliche Kapazitäten bereit und ermöglicht jedem begabten jungen Menschen, seinen Berufswunsch zu verwirklichen, dem er an hoffnungslos überlasteten öffentlichen Universitäten nicht nachgehen kann.

Auf der anderen Seite sind die Absolventen von Privatuniversitäten oft einer der Garanten, dass Umverteilung in der Größenordnung völlig kostenfreier Universitäten in Deutschland überhaupt betrieben werden kann. Ohne Privatuniversitäten wäre der Kuchen, an dem auch Frau Remmers sich labt, ein ganzes Stückchen kleiner.

Ihre Kritik an erfolgreichen Privatuniversitäten ist zweifellos niedereren Motiven geschuldet als deren angeblicher „Unsolidarität“. Vielmehr handelt sie selbst unsolidarisch, wenn sie diese trotz der aufgezählten Solidaritätsmerkmale kritisiert.

Frau Remmers sollte dringend eine Vorlesung zum Thema „Solidarität“ besuchen – am besten gar mit der bedürftigen „Elite“ aus Witten-Herdecke...


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