08. Dezember 2014

Steuern Geld geschenkt vom Staat

Über das Neusprech der Gauner

Die Weihnachtsfeiertage sowie die freien Tage zwischen Weihnachten und Silvester werden von vielen Bürgern dazu genutzt, die Steuererklärung des aktuellen Jahres anzufertigen oder zumindest damit zu beginnen. Kein Wunder also, dass derzeit nahezu überall Tipps für diese abgedruckt werden. So auch in einer Tageszeitung aus Unterfranken, die mit ihrer Wortwahl jedoch gleichzeitig ungewollt aufzeigt, wie hartnäckig sich doch eine gewisse irrsinnige Vorstellung in den Köpfen der deutschen Bürger hält. Der Artikel, der einige Tipps für die jährliche Steuererklärung aufzählt, ist zwar als durchaus sinnvoll anzusehen. Allerdings lässt sowohl die Bildunterschrift „Geld geschenkt vom Staat“ als auch die Überschrift des Artikels „Spartipps zum Jahresende“ erkennen, dass weder der Autor noch die Bürger, die den Artikel im Gros so hinnehmen, die Umstände begriffen haben.

Folgend sei ein Fallbeispiel gebracht, das diesen Sachverhalt auf verständliche Art und Weise beschreibt. In der Ladenschublade eines Juweliers liegen zehn äußerst wertvolle Halsketten. Eines Morgens bemerkt der Ladeninhaber, dass infolge eines nächtlichen Einbruchs sieben dieser Halsketten gestohlen wurden. Der Juwelier, am Boden zerstört, verständigt natürlich die Polizei, die aber nichts ausrichten kann. Am Tag darauf berichtet die Lokalpresse von dem Einbruch und veröffentlicht einen Leserbrief des Juweliers, in dem dieser den Gauner bittet, ihm doch wenigstens eine der gestohlenen Halsketten zurückzugeben. Wenige Stunden später betritt der Einbrecher, von schweren Gewissensbissen geplagt, den Juwelierladen und gibt dem Juwelier mit den Worten „War nicht so gemeint“ eine der sieben gestohlenen Halsketten zurück. Eine etwas andere Geschichte spielt sich im Juwelierladen gegenüber ab. Dessen Juwelier hatte von dem bereits geschädigten Kollegen den Tipp erhalten, sich doch einen Tresor für seine Halsketten anzuschaffen. Nach dessen Kauf bemerkte er dann aber, dass derer nur vier hineinpassen. Eines Nachts bricht der Gauner auch hier ein und kann die sechs Halsketten, die sich nicht im Tresor befinden, stehlen. Hier allerdings plagen diesen keine Gewissensbisse, hat der Juwelier doch mit vier Halsketten seiner Meinung nach noch wahrlich mehr als genug davon.

Wie verhält man sich nun in der Position des ersten Juweliers? Ist man wütend auf den Gauner, der ja noch immer sechs der gestohlenen Halsketten behält, oder freut man sich über das freundliche „Geschenk“ eines Wohltäters zur Weihnachtszeit, also das „Geschenk vom Gauner“? Und wie verhält man sich in der Position des Juweliers gegenüber? Ärgert man sich über den Einbruch, oder freut man sich, dass wenigstens vier der Halsketten im Tresor liegen? Ist es gerechtfertigt, hier von einem „sparsamen“ Juwelier zu sprechen, der mit dem Kauf eines Tresors einen „Spartipp“ des Kollegen befolgte? Nun ersetze man die Juweliere mit deutschen Bürgern und den Gauner mit dem deutschen Staat. Ist es gerechtfertigt, von „Geld geschenkt vom Staat“ zu sprechen, wenn man einen Bruchteil des selbst erwirtschafteten Geldes, das dieser einem zuvor wegnahm, zurückbekommt? Oder: Ist es angemessen, von „Spartipps“ zu reden, wenn man Bürgern erklärt, wie diese zumindest einen kleinen Teil ihres Geldes vor der Enteignung schützen können?

Abschließend sei noch der einzige Unterschied zwischen Fallbeispiel und Realität erwähnt: Im Gegensatz zum Gauner plagen den deutschen Staat bei der Enteignung seiner Bürger keinerlei Gewissensbisse.


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Autor

Christoph Menrath

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