13. Dezember 2014

Burka, Niqab und Shal Sorge, wenn Frauen das Gesicht verlieren

Ein Aufruf zum Dialog

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Als vor vielen Jahren die ersten „Kopftuchverbote“ in Deutschland beschlossen wurden, war ich (auch als Christdemokrat) dagegen: Meines Erachtens gehört es zu den Grundwerten unseres Grundgesetzes und unserer Gesellschaft, dass niemand aufgrund seiner Herkunft oder seines Glaubens diskriminiert werden darf. Einem Rechtsstaat auf Basis der Menschenrechte stünde es daher meines Erachtens zwar frei, generell religiöse Kleidung etwa bei staatlichen Lehrerinnen und Lehrern zu verbieten – aber nicht, dabei Religionen unterschiedlich zu behandeln. Ich kenne als Religionswissenschaftler auch keinen Fall, in dem die dauerhafte Diskriminierung bestimmter Religionen irgendwelche Gräben überwunden hätte – normalerweise hat sie sie verschärft.

In Kenntnis meiner Haltung haben mich nun einige Leute gefragt, was ich denn von der religiösen Gesichtsverschleierung wie der Burka oder dem Niqab halten würde.

Und einige sind dann überrascht, wenn ich klar sage: Die Gesichtsverschleierung sehe ich mit Sorge – und zwar nicht nur im Islam.

Lassen Sie mich begründen, warum...

Dialogerfahrung: Das Gesicht muss man sehen!

In der Debatte um das „Kopftuchverbot“ hatte der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel meines Erachtens das Richtige gesagt: „Es ist nicht wichtig, was jemand auf dem Kopf trägt, sondern nur, was in diesem Kopf vor sich geht.“ Und ich kann nach Jahrzehnten der Dialogerfahrung im In- und Ausland sicher sagen: Es gibt auch verbohrte und extreme Menschen ohne Kopfbedeckung (oder ganz ohne Haare, wie zum Beispiel rechte Skinheads) – und es gibt tief in ihrer Religion verwurzelte und zugleich friedfertige, tolerante und dialogoffene Menschen mit Ordenstrachten, Kopftüchern, Kippoth (Mehrzahl von Kippa), Turbanen (zum Beispiel der Sikhs) und Hüten. (Und weil es immer mal wieder gefragt wird: Nein, meine Frau trägt als Muslimin bewusst kein Kopftuch.)

Der Unterschied zwischen Kopftuch und Niqab aber ist nach meiner Erfahrung: Wenn man sich gegenseitig nicht „ins Gesicht schauen kann“, ist kein Dialog möglich. Wenn ich in all den Jahren Gelegenheit hatte, mit vollverschleierten Menschen zu reden, entwickelte sich nie ein respektvoller Austausch – die Abgrenzung war viel zu stark. Mit der Gesichtsverschleierung endet das gleichberechtigte Gespräch zwischen Bürgerinnen und Bürgern – und das ist meines Erachtens ein unverzichtbarer Bestandteil einer freien und demokratischen Gesellschaft. Nicht „trotz“, sondern „wegen“ des Engagements im interkulturellen und interreligiösen Dialog stehe ich der Gesichtsverschleierung ablehnend gegenüber.

Und eine zweite, religionswissenschaftliche Beobachtung kommt hinzu...

Der „Shal“ im Judentum – Wenn religiöse Gebote eskalieren

Als ich nach dem Buch über die Old Order Amish jenes über die Haredim – das ultraorthodoxe Judentum – schrieb, hatte ich durchaus eine Haltung des Respekts: Schließlich waren es die rabbinisch geprägten Jüdinnen und Juden, die sich gegen die Israel gewalttätig in den Abgrund stürzenden Zeloten gewandt und nach der Zerstörung Jerusalems um 70 nach Christus konsequent Waffendienst und Nationalismus entsagt hatten. Nicht durch Macht und Schwerter, sondern durch ihre religiösen Traditionen und kinderreichen Familien trugen sie das Judentum – gegen oft entsetzliche Verfolgungen einschließlich der Schoah – bis in unsere Zeit. Ich finde, jeder und jede an Religion(en) interessierte Mensch sollte die Geschichte dieser religiösen Minderheit kennen!

Aber bei allem Respekt wollte ich – wie schon bei den Amish – auch die Schattenseiten nicht verschweigen, zu denen selbst verordnete Armut, die Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen und ein demografisch schnell wachsender, fundamentalistischer Einfluss in der israelischen Politik und Gesellschaft gehören. Besonders bedrückte mich die „Eskalation religiöser Gebote“, die sich dadurch erklärt, dass sich Religionsgemeinschaften ja gegenüber ihrer Umwelt auch abgrenzen müssen, um als Gemeinschaft zu bestehen. Wo aber das Essen bereits koscher war, wurde noch strengeres „glatt koscher“ eingeführt. Wo das Thora-Studium von Männern als wünschenswert galt, wurde es auf Kosten der Frauen, Familien und Gesellschaft immer weiter ausgeweitet. Und wo die traditionelle, jüdische Kleidung „Zurückhaltung“ empfahl, tauchten in den letzten Jahren Shalim auf: Ganzkörperverschleierungen für Jüdinnen!

Lassen Sie mich festhalten: Der „Shal“ findet im klassischen Judentum genau so wenig eine Begründung wie die „Burqa“ im Islam! Und in beiden Religionen lehnen die meisten Gläubigen diese Kleidungsstücke auch als „zu extrem“ ab. Zugleich aber sehen wir, dass religiöse Gebote immer weiter eskalieren können, wenn sich innerhalb von religiösen Parallelgesellschaften wiederum kleinere Gruppen weiter radikalisieren. Längst machen sich auch viele meiner jüdischen Freundinnen und Freunde ernste Sorgen über die Entwicklung (oder besser: den Abbau) der israelischen Demokratie. Wenn sich etwas aus dem internationalen Vergleich extremistischer Bewegungen lernen lässt, dann dies: Wer sich mit religiösen Fundamentalisten – und seien es Buddhisten! – für politische Zwecke verbündet, läuft Gefahr, die Kontrolle zu verlieren!

Aufruf zum Dialog – jetzt!

Es wird wohl niemanden geben, der mir vorwerfen könnte, ich würde Religion(en) zu negativ sehen – oft wird mir von Religionskritikern eher das Gegenteil vorgehalten. Doch schon vor über fünf Jahren schrieb ich im Fazit meines Beitrags „Homo religiosus“, dass das enorme Potential von Religiosität auch gefährliche Seiten habe. Zu beobachten sei eben auch, „dass in besonders engen Gemeinschaften nicht nur Vertrauen und Kooperation zunehmen, son­dern genauso die Abgrenzung gegenüber An­dersgläubigen und Atheisten, die Ablehnung von Toleranz und Humor und teilweise sogar die Bereitschaft, eigene Interessen gewaltsam durchzusetzen. Auch extremistische und kriminelle Gemein­schaften nutzen religiöse Lehren und Rituale, um den inneren Zusammenhalt gegen die Au­ßenwelt zu stärken. Bisweilen werden die Ungleichbehandlung von Frauen und Kindern so­ wie Freiheitsberaubung, Gewalt, Genitalverstüm­melungen und sogar Mord mit dem Hinweis auf religiöse Gebote gerechtfertigt. Und der Repro­duktionserfolg religiöser Gemeinschaften kann in Regionen, die unter Überbevölkerung leiden, die Lebensbedingungen noch verschlimmern. Statt erbitterte, letztlich fruchtlose Diskus­sionen darüber zu führen, ob religiöser Glaube insgesamt eher ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ für die Menschheit ist, sollten wir besser nach den rich­tigen Weichenstellungen fragen, die die posi­tiven Wirkungen von Religionen entfalten und negative Entwicklungen zu überwinden helfen.“

Gerade „weil“ ich sehr genau um das positive wie auch negative Potential von Religion(en) weiß, werbe ich seit Jahren dafür, dass die nicht-extremen Menschen aller Religionen und Weltanschauungen sich endlich informieren und das Gespräch miteinander suchen! Ich sehe sonst die konkrete Gefahr, dass unsere freiheitlichen Gesellschaften zwischen intoleranten, kinderarmen „Säkularisten“ einerseits und ebenso intoleranten, kinderreichen „religiösen Fundamentalisten“ andererseits zerrieben werden. Die „vernünftige Mitte“ religiöser und nichtreligiöser Menschen sollte dieser Entwicklung nicht mehr hilflos und schweigend zuschauen, sondern gemeinsam für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte einstehen. Religionsfreiheit ist ein zentrales Menschen- und Freiheitsrecht – und zugleich brauchen wir einen möglichst breiten Konsens darüber, wo sie enden muss. Deswegen sage ich ebenso klar „nein!“ zur Gesichtsverschleierung, wie ich „ja!“ zum Recht sage, eine religiöse Kopfbedeckung zu tragen. Und hoffe – mit wachsender Sorge – dass die Debatten in unserer Gesellschaft, den Medien und Parlamenten endlich differenzierter werden...

Dieser Artikel erschien zuerst auf Natur des Glaubens.

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