05. Januar 2015

Migration Droht eine Islamisierung des Abendlandes?

Mit welchen Tricks gezielt Ängste geschürt werden

Dossierbild

Sie behaupten, „die Werte des Abendlandes verteidigen“ zu wollen, für „die Aufklärung“ oder gar „das Christentum“ zu stehen und „unbequeme Wahrheiten“ auszusprechen. Doch sie verdrehen bewusst Tatsachen und lügen, um Ängste zu schüren und Mitläufer zu gewinnen. Zeit für einen Faktencheck.

Erste Behauptung: Die Muslime werden in Deutschland bald die Mehrheit stellen.

Die Antwort darauf ist: Nein, werden sie nicht. Derzeit sind rund vier Millionen Menschen, also rund fünf Prozent der deutschen Wohnbevölkerung islamischen Glaubens – und auch unter den Zuwanderern überwiegen Nichtmuslime wie zum Beispiel Christen aus Osteuropa und Afrika.

Aber haben „die Muslime“ denn nicht „mehr Kinder“? Nein, haben sie nicht – und das sage ich als Religionswissenschaftler, der sich auf die Erforschung der Zusammenhänge von Religion und Demographie spezialisiert hat. Wie auch Hans Rosling gezeigt hat, bekommen weltweit nicht „die Juden“, „die Christen“ oder „die Muslime“ mehr Kinder, sondern (immer im Durchschnitt) religiöse Juden mehr Kinder als säkulare Juden, religiöse Christen mehr Kinder als säkulare Christen und religiöse Muslime mehr Kinder als säkulare Muslime. Die Amish oder die Mormonen berufen sich beispielsweise auf Jesus Christus und sind aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen zugleich kinderreich (die Mormonen übrigens zudem überdurchschnittlich wohlhabend und gebildet). Da ist es von Möchtegern-Abendländern doch ein bisschen mies, religiösen Minderheiten vorzuwerfen, was man doch selbst ändern könnte, oder!?

Entsprechend sinken auch die Geburtenraten in allen einigermaßen stabilen, auch islamischen Gesellschaften, etwa im Iran und der Türkei, zuletzt sogar unter die so genannte Bestandserhaltungsgrenze von 2,1 Kindern pro Frau. Sowohl der ehemalige iranische Präsident Mahmut Ahmadinedschad wie auch der türkische Präsident Tayyip Erdoğan forderten daher ebenso wie ihre „christlichen“ Kollegen Wladimir Putin (Russland) und Viktor Orbán (Ungarn) von ihren Bürgerinnen und Bürgern längst mehr Kinder. Aber es hilft kaum etwas: Auch sie tappen dabei durch die Verweigerung einer modernen Familienpolitik in die demographische Traditionalismusfalle, in der auch Länder wie Italien, Polen, Griechenland und, ja, Deutschland feststecken.

Zweite Behauptung: Wegen der Muslime werden schon Weihnachtsmärkte in „Wintermärkte“ umbenannt!

Auch hierzu die klare Antwort: Nein, werden sie nicht. Es handelt sich hier um gezielt gestreute „Bild“-Falschmeldungen!

Zwar hat das Kreuzberger Bezirksparlament einen meines Erachtens dummen Beschluss gefasst, der öffentliche Werbeveranstaltungen von Religionen untersagt – aber mit Winter- und Weihnachtsmärkten hat dieser nichts zu tun. Und so gibt es in Kreuzberg und Friedrichshain auch weiterhin den „Weihnachtsmarkt in der Neuen Heimat“, den „Kiezweihnachtsmarkt am Café Eule“, den „Finnischen Weihnachtsmarkt“, den „Stralauer Weihnachtsmarkt“...

Dritte Behauptung: Muslime fordern das Singen muslimischer Lieder in Kirchen!

Und wieder der klare Befund: Nein, tun sie nicht! Das Ganze war wiederum eine Idee und Falschmeldung der „Bild“-Zeitung, die damit pünktlich zur Pegida-Demo in Dresden gezündelt hat.

Frage: Aber warum lassen sich so viele Menschen Angst einjagen – und verbreiten die Lügen sogar gezielt weiter?

Tatsächlich haben sich die Islamophoben über meine Befunde zu Religion und Demographie nicht etwa gefreut („Juhu, das Abendland geht doch nicht unter!“) – sondern mir stattdessen auf der rechtsextremen Prangerplattform „Nürnberg 2.0“ mit einer „Verurteilung“ wegen „Leugnung des Geburtendschihad“ (sic!) gedroht!

Denn: Angst ist eine evolutionär uralte und starke Emotion. Wer sich langweilt, sich vor verschiedenen Dingen (zum Beispiel dem sozialen Abstieg oder der Einsamkeit) fürchtet oder auch einfach keinen Sinn mehr im eigenen Leben findet – fühlt sich durch klare Feindbilder beflügelt! Diese regen auf, „bereichern“ den tristen Alltag und verschaffen das erhebende Gefühl, sich mit anderen „Aufrechten“ gemeinsam „gegen die Feinde im Inneren und Äußeren“ zu stellen!

Zwischen Parolen wie „die Juden sind unser Unglück“, dem Hass auf Christen zum Beispiel in der Türkei, Anti-Amerikanismus oder eben „gegen die Islamisierung des Abendlandes!“ bestehen dann je nur graduelle Unterschiede – die Psychologie ist die gleiche. Und tatsächlich gehen die Anti-Verschwörungstheorien zum Beispiel auf den Pegida-Demonstrationen wild durcheinander...

Insofern muss auch klar sein, dass Menschen sich in ihre jeweiligen Ängste und Feindbilder so hineinsteigern können, dass sie anderslautende Argumente gar nicht mehr hören „wollen“. Die Islamophoben, die auch manchmal auf meinem Blog trollen, „wollen“ nicht wirklich etwas über Religion(en) beziehungsweise den Islam erfahren, sondern in ihrer Abneigung und ihren Verschwörungstheorien weiter bestätigt werden. Sie sehnen sich nach dem „Clash“, der „Endschlacht“, durch die sie Sinn und Status auf Kosten der „heutigen Eliten“ zu erlangen hoffen.

Der Mensch ist nur zu einem kleinen Teil rational – und wer nicht oder nicht mehr an ein Gutes glauben kann, der wird manchmal versuchen, die eigene Identität durch den Glauben an ein Böses zu stabilisieren.

Armes Abendland.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Natur des Glaubens.

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