08. Januar 2015

Pegida Auch wenn man nichts davon hält

An den Umgang mit Protestformen muss die Kirche andere Maßstäbe anlegen als andere Organisationen

Dossierbild

In ein paar Beiträgen habe ich mich bereits mit dem Thema Pegida beschäftigt, und ich bin persönlich immer noch nicht sicher, was ich davon halten soll. Patriotismus an sich hat bei mir immer ein Stein im Brett, wenn er die Vorliebe für das eigene Land ohne Herabsetzung anderer Staaten bedeutet. Auch der Liste der „offiziellen“ Positionen der Pegida kann ich durchaus etwas abgewinnen. Bei den Initiatoren kann man da schon aufgrund ihrer mittlerweile bekannten Vergangenheit durchaus differenzierter Meinung sein, und besonders bei den Teilnehmern kann wohl niemand so genau sagen, was sie zu den montäglichen Demonstrationen treibt.

Das macht sowohl die Aktion als auch die Reaktionen darauf schwer einschätzbar. Sind das in der Mehrzahl Nationalisten und Rassisten, die sich dort artikulieren, oder kann man bei den meisten von einer Differenzierung der Positionen ausgehen, wie sie die Pegida-Initiatoren selbst artikuliert haben? Ist das offizielle Positionspapier nur ein Feigenblatt, mit dem man über den eigentlich vorherrschenden dumpfen Fremdenhass hinwegzutäuschen versucht, oder werden die dort beschriebenen Positionen bewusst in den Medienberichten unterbewertet, was dem Vorwurf der „Lügenpresse“ nur neue Nahrung geben würde?

Bei mehr als 15.000 Teilnehmern bei den Demos in Dresden, Hunderten bis Tausenden an anderen Standorten, bei nach Umfragen mindestens einem Drittel bis zu zwei Dritteln Verständnis, dass diese Bewegung in der Bevölkerung hervorruft, verbietet sich eigentlich jede Pauschalierung, sei sie nun positiv oder negativ. Und trotzdem schlagen die Reaktionen bei der Beurteilung meist alles über einen Leisten: Für die einen wird dort die berechtigte Sorge von Bürgern vor Überfremdung und das Ignorieren der eigenen Belange in Politik und Medien artikuliert, für die anderen sind Pegida & Co lediglich die Artikulation von Rassismus und Fremdenhass. Beides geht sicher an der Realität vorbei.

Nun leben die meisten Medien von Auflage und Zuschauern und Politiker davon, gewählt zu werden. Dauerhaft wird sich insofern niemand gegen seine Leser- und Wählerschaft wenden können, ohne die entsprechenden Konsequenzen wie Auflagenrückgang oder Wahleinbußen beziehungsweise das Erstarken anderer Parteien zu riskieren. Das ist der Lauf der Dinge in der Welt und niemand kann einem Politiker übel nehmen, wenn er sein Misstrauen bestimmten Entwicklungen gegenüber artikuliert. Ob man die Aussage für richtig oder falsch hält, bleibt jedem selbst überlassen, genauso wie es jedem selbst überlassen bleibt, ob er sich mit den Forderungen oder den Aktionen von Pegida gemein macht oder nicht.

Ich selbst jedenfalls werte das bisweilen wilde Um-sich-Schlagen der Politik nicht so sehr als eine Reaktion auf potentiellen Fremdenhass, sondern auf die Kritik an der eigenen Amtsausübung. Hätte nämlich Pegida mit den Forderungen und Positionen Recht, dann wäre das auch der Nachweis, dass die Politik an den Belangen der Bevölkerung vorbei regieren würde. Dass man dies nicht im Raum stehen lassen möchte: geschenkt!

Eine etwas andere Erwartungshaltung habe ich allerdings gegenüber offiziellen Vertretern der Kirche, besonders „meiner“ katholischen Kirche. Natürlich kann man auch auf dieser Seite den Standpunkt vertreten, dass die aktuelle Asyl- und Einwanderungspraxis gar kein Problem darstelle, oder – da widerspricht nicht mal Pegida im offiziellen Positionspapier – Flüchtlinge in Deutschland aus christlicher Nächstenliebe Hilfe finden müssten. Auch die Befürchtung, die Sorgen der teilnehmenden Bürger könnten instrumentalisiert werden von rechtsextremen und rassistischen Kräften, die genau diesen Konsens aufkündigen wollen, ist nachvollziehbar und sollte Inhalt von Diskussionen sein.

Dagegen bergen Aussagen wie „Christen dürfen bei so was nicht mitmachen“ oder die heiß diskutierte Aktion des Kölner Dompropstes, zur Kögida-Demonstration in Köln die Beleuchtung des Doms abzuschalten, um dem Marsch keine Kulisse zu liefern, unkalkulierbare Risiken. Da sind einerseits die Sorgen eben auch von Christen und Katholiken vor einer Islamisierung. Sollte sich die Kirche nicht dieser Sorgen annehmen, statt sie als reine Fremdenfeindlichkeit zu diffamieren? Auch wenn man die Sorgen nicht teilt, kann man doch nicht umhin, diese zumindest zur Kenntnis und ernst zu nehmen.

Andererseits aber ist auch die „umgekehrte Symbolwirkung“ nicht zu unterschätzen. Will man Pegida keine symbolträchtige Kulisse bieten, schließt sich direkt die Frage nach anderen Aktionen an, die ebenfalls umstritten sind. Anders gefragt: Unterstützt das Kölner Domkapitel alle Aktionen, bei denen der Dom abends beleuchtet bleibt? Oder muss beziehungsweise darf man damit rechnen, dass in Zukunft der Dom jeden zweiten Tag unbeleuchtet bleibt, weil irgendwo in der Stadt eine Aktion läuft, die die Kirche nicht unterstützen möchte? Dass das nicht praktikabel ist, erscheint klar, die Frage allerdings, warum man sich ausgerechnet Pegida ausgesucht hat, um ein Exempel zu statuieren, wird dadurch nur umso drängender.

So wie die Dinge liegen, kommt der Verdacht auf, dass man seitens des Domkapitels einen „billigen Punkt“ machen wollte, indem man sich durch diese Aktion gegen die Demonstration abzugrenzen versucht. Ob dabei die Entscheidungsträger über jede Konsequenz nachgedacht haben, darf man wohl ebenso bezweifeln. Ein Kirchengebäude auf diese Weise zu einem Instrument der Tagespolitik zu machen, wird aber weder dem Haus noch der Politik gerecht. Wenn jetzt, wie berichtet wird, Katholiken aufgrund der Aktion mit Austritt drohen, ist diese Reaktion ebenso wenig rational, aber eine weitere nachvollziehbare Eskalationsstufe. „Licht aus!“ bedeutet eben auch „Kommunikation aus!“, wundern muss einen die innerkirchliche Kritik daher nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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