09. Januar 2015

Journalismus Rinn in den Mustopf, raus aus dem Mustopf

Politischen Phrasen ist zu misstrauen

Dossierbild

Einige Götter des Feuilletons mögen das zwar anders sehen, aber das journalistische Gewerbe ist auch nur Menschenwerk. Auch hier sitzt man im Mustopf, nämlich bei den Kollegen, und mit denen ist man schneller einig als mit den fernen Lesern, denen man eh nicht über den Weg traut. Kurz: Journalisten schreiben, insbesondere in Zeiten wie diesen, in denen das Zeitungsgeschäft kriselt, für jene, deren Wohlwollen sie benötigen: für ihresgleichen. Für ein Milieu also, das eher städtisch und intellektuell orientiert ist und wo man, wie bekannt ist, politisch eher zu Rot-Grün neigt.

Doch woanders kennt man das auch, diesen Gruppendruck, der Teamarbeit so fruchtlos macht: Ein Konsens ist schnell erreicht, und alle, die anders und anderes denken, halten sich lieber zurück, damit sie beim Kantinenessen nicht allein sitzen. Das mag für manch einen fürchterlicher sein als der Zorn der Leser.

Von dem gibt es derzeit reichlich: „Lügenpresse, halt die Fresse“ wird nicht nur in Dresden skandiert, auch die Leserkommentare sind selten zimperlich. Das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Presse scheint tief erschüttert zu sein.

Doch dass sie eben nicht „gleichgeschaltet“ sind, die Medien, zeigt sich gerade jetzt, in den Wochen, in denen es um Pegida geht. Der Mechanismus ist nicht unvertraut: Im ersten Affekt hörte sich das Urteil in den Medien tatsächlich irgendwie ähnlich an, die meisten folgten den lautesten Vorbetern, man sah in den Demonstranten Pöbel und Nazipack oder, nicht weniger verächtlich, zukurzgekommene Ossis mit „Ängsten“. Dann kamen die Clowns und mischten die festgefahrenen Fronten auf. Und endlich begann das Nachdenken und Einlenken, wagten sich die ersten aus dem Mustopf heraus, hinein in die unergründliche Masse der Demonstranten, um sie zu erforschen. Und siehe da: Man entdeckte Probleme, die unsere politischen Floskeldrechsler gern überspielen.

Wer möchte, dass Gesetze eingehalten werden wie das Asylrecht, das für Menschen, denen kein Asyl zuerkannt wird, Abschiebung vorsieht; wer Flüchtlingen Hilfsbereitschaft anbietet, aber in seiner kleinen Gemeinde nicht 50, sondern nur zehn glaubt verkraften zu können; wer zwischen „Ausländern“ unterscheidet, mit denen sich bestens zusammenleben lässt, und jenen, die mit Anmaßung und Anspruchshaltung das Klima vergiften, ist weder rechts noch Ausländerfeind, sondern hat zumindest ein Gespür für das Drama, das sich in Europa abspielt und noch auf uns zukommen dürfte.

Wer sich vor einer „Islamisierung“ fürchtet, liest über Gründe dafür jeden Tag in der Zeitung. Islamistische Terroristen schlachten, wer nicht des rechten Glaubens ist. Und muslimische Lobbyisten befinden unter dem Beifall toleranter Gutwilliger, welche Gepflogenheiten hierzulande zu unterlassen sind, weil sie die Rechtgläubigen beleidigen könnten.

Das Flüchtlingsproblem ist in seinem Ausmaß nur schwerlich zu unterschätzen. Hilfsbereitschaft ist in Deutschland eine respektable Größe, aber sie braucht Rahmenbedingungen, sonst werden Helfende ausgenutzt. Am institutionellen Rahmen aber fehlt es, und daran ändert eine „Willkommenskultur“, die Politiker den Einheimischen verschreiben wollen, rein gar nichts. Hier ein Problem zu erkennen, hat mit „diffusen“ oder „dumpfen“ Ängsten nichts zu tun. Was schon in Bezug auf den Euro nicht existiert, gibt es auch in puncto Flüchtlingsströme nicht: eine funktionierende Solidargemeinschaft. Den Staaten an Europas Außengrenzen, die dem Dublin-Abkommen gemäß als erstes für Flüchtlinge zuständig sind, gelingt es nicht, ein funktionierendes Asylsystem aufzubauen. Sie lassen Flüchtlinge durchreisen, und die gehen logischerweise dorthin, wo sie gut behandelt werden und bereits Verwandte haben: nach Deutschland.

Wer über diese Probleme nicht reden will, sind jene Wutpolitiker, die sofort mit der Nazikeule hantieren, sobald jemand sein Ungenügen an der Floskel von der „Bereicherung“ äußert, die Zuwanderung bedeute. Auch der Kanzlerin Machtwort war alles andere als hilfreich, die ihre Bürger (die sie aus unerfindlichen Gründen „Mitbürger“ nennt) aufforderte, nicht auf „solche Demonstrationen“ wie die in Dresden zu gehen, denn dazu riefen Menschen auf, die „Vorurteile, Kälte, ja, sogar Hass“ in ihren Herzen trügen.

Wir wollen Angela Merkel gar nicht vorhalten, dass sie einigen Bürgern das „mit“ entzieht, sie also ausgrenzt. Vor allem kann sie nicht nur gar nicht wissen, was in den „Herzen“ der Menschen vor sich geht, es geht sie auch nichts an. Wir haben hierzulande keine Gedankenpolizei. Menschen sind nicht an dem zu messen, was sie denken und fühlen, sondern an dem, was sie tun – und die in Dresden sind, im Unterschied zum Antifa-Mob, friedlich bei der Ausübung ihres Demonstrationsrechts. Misstrauisch aber macht vor allem der Zuspruch, den die Kanzlerin dafür von fast allen Parteien erhalten hat. Sie scheint schon weit fortgeschritten zu sein, unsere Konsensdemokratie, seit vor drei Jahren jede Opposition zum Euro-Kurs der Regierung im Parlament unterbunden worden ist.

Doch „Freiheit ist alles, was Konkurrenz aktiviert“ (Peter Sloterdijk), und wenn Politiker etwas „nicht hilfreich“ oder gar „alternativlos“ nennen, weckt das Widerspruchsgeist. In Deutschland gibt es nicht nur eine freie Presse,  sondern mittlerweile eine gefestigte „Blogosphäre“, eine Art Gegenöffentlichkeit, die, wenn auch das eine oder andere von unterschiedlicher Güte sein mag, jede unterbliebene Nachricht nachliefert. Das, sowie die online allen zugänglichen Leserreaktionen in den Kommentarspalten, dürfte einige in den etablierten Medien in der Vorstellung bestärken, es mit unmanierlichem Mob zu tun zu haben. Manchmal stimmt das sogar. Aber insgesamt befördert all das den Prozess, den Meinungsfreiheit möglich macht: Man lernt voneinander. Vor allem, allen politischen Phrasen zu misstrauen, jenen Nebelwerfern, die die klare Sicht verstellen sollen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Wirtschaftswoche“.

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