10. Januar 2015

Das war’s Ach, Abendland!

Diesmal mit: Mischpoke in Offenbach, Pegida am 05.01.

03. 01. 2015 — Besuch in der alten Heimat. Fahre mit meinem Vater in die Offenbacher Innenstadt.  Dort haben wir für anderthalb Stunden je unsere eigenen Gänge zu erledigen. Wir treffen uns am Mainufer mit dem uralten Familienwitz: Und, haste ein Wort Deutsch gehört unterwegs? – Nö. – Ich auch nicht.

Natürlich berichtigen wir uns sogleich beide. Stimmt nämlich gar nicht. In der Stadtbücherei waren nur Deutschsprecher, und auf dem Wochenmarkt, einem schönen alt-Offenbacher Relikt, zu mindestens 90 Prozent.

Ich: „Aber haste schon gesehen – wo  kaum noch ein Deutscher wohnt, sind die Silvestermüllberge am allergrößten.“ Er: „Na klar. (betont weinerlich:) Die haben doch sonst gar keine Freude.“

Wir machen mit den Kindern einen Schwenk über den Flohmarkt; auch hier sind wir deutlich eine ethnische Minderheit. Es ist ja auch interessant, drum liebt man solche Gänge. Ist wie Urlaub in der Ferne. Vom Papa hab ich geerbt, dass man doch gern ins Gespräch kommt. Es sind im Schnitt leicht verkommene, aber keineswegs unsympathische Gestalten, die sich in der Kälte mit ihrem Krempel die Beine in den Bauch stehen oder ausgelatschte Winterstiefel anprobieren und zu ein Euro fuffzisch kaufen. Ein dunkelbraunhäutiger Mitbummelant zu mir: „Das da sind dein Töschte? Hab isch sonst nie gesehen von Deutsche. Dass die tragen  Röcke. Is gutt! Is rischtisch! Mein Töschte auch nix mit Jeans und Hose, bah. Sagen: Sind wir doch Frauen, was brauche wir Hose. Und is rischtsisch! Hast du schöne Töschte!“

Eine meiner Töschte hat sich derweil ein paar Stände weiter in eine kitschige Zuckerdose verguckt. Ich schüttele missbilligend den Kopf. Der Standinhaber schenkt sie ihr. „Mama, der Ausländer hat mir die Dose geschenkt!“, ruft sie laut. Sie ist echt provinziell. Der Ausländer lacht und hebt den Daumen. Nix gegen Völkerfreundschaft!

04. 01. — Ein Kommentator hatte neulich hier (sinngemäß) geschrieben, man müsse sich vor dem Gottesdienstbesuch fragen, wie man reagiere, wenn es während der Messe gegen Pegida geht. Das fiel mir während der Feiertage jedesmal dann ein, wenn die Fürbitten anstanden. Was würde man tun? Nichts natürlich; wer heute noch in der Amtskirche ist, hat eh einen sehr langen Atem und schier unendliche Toleranz.

Der familiäre Fahrverkehr zwischen den Jahren bedingte Messebesuche an unterschiedlichen Orten. Und, uff, die bösen  Worte „Pegida“ und „Fremdenfeindlichkeit“ fielen nirgends. Dafür eine erstaunliche Überraschung: An gänzlich unerwarteter Stelle, also in Konzilskirchenräumlichkeit, ließ man das beliebte und gewöhnlich mit großer Inbrunst vorgetragene „Großer Gott wir loben Dich“ singen, und zwar allein die seltenst gesungene neunte Strophe.

Sieh dein Volk in Gnaden an.

Hilf uns, segne, Herr, dein Erbe;

leit es auf der rechten Bahn,

dass der Feind es nicht verderbe.

Führe es durch diese Zeit,

nimm es auf in Ewigkeit.

Man lässt sich ja nur schwer rühren, aber hier dann doch.

05.01. 2015 — In der Klosterschule, die ich besuchte, wurde uns gepredigt: Man muss nicht alles ausprobieren und kennenlernen, um es abzulehnen. Gemeint waren damals  Drogen, Sex ohne Liebe und solche Sachen. Heute rate ich jedem in Sachen Pegida: Wer sich kein eigenes Bild gemacht hat, sollte nicht urteilen. Es ist sehr anders, als „die da oben“ (und anders als auf der Klosterschule ist es ein sehr weltliches Daoben) denen da unten weismachen wollen. Ich habe schon etliche Skeptiker bekehrt, die sich die in ihren Augen halbseidene Sache „nur mal anschauen“ wollten und jetzt Montag für Montag fahren.

Es ist sehr friedlich und ziemlich bunt, es ist eigentlich viel mehr gesellig als wutschnaubend.

Der heutige Spaziergang im Regen war besonders schön. Man fühlte sich ein bisschen tapfer. Wir hatten alle Kinder dabei. Weil die Dreijährige mehr eine Rennerin als eine Geherin ist, überholten wir beide den Straßenspaziergang gleich zweimal auf dem Bürgersteig und ließen die Menge dann an uns vorbei passieren, staunend, Schilder lesend. So kam‘s, dass mich viele Pegida-Gänger für eine skeptische Bürgerin mit Kleinkind hielten: „Ja, gucken! Und dann einreihen!“, „Haben Sie keine Angst! Wir sind die Guten!“ – „Sie gucken so skeptisch! Dann passen sie zu uns!“ – „Ja, nur richtig  lesen! Wir führen Gutes im Schild!“ Lauter freundliche Leute.

Und dann liefen wir wieder mit. Bei den vorigen Spaziergängen hieß es gelegentlich, die Teilnehmer sollen Interviews abwehren. Klar, warum. Weil einem das Wort im Munde rumgedreht wird. Weil aus dem Satz: „Wer glaubt, wir hassen Ausländer, hat nicht richtig zugehört“ die zwei ersten und vier letzten Worte rausgeschnitten werden.

Mir persönlich fällt es habituell sehr schwer, einen Fragenden ohne Antwort stehen zu lassen. Darum antworte ich erst – während der Kundgebungsphase – einer schüchternen Schweizer Journalistin und später, beim Spaziergang, einem Kamerateam der BBC, radebrechend natürlich, im Filmchen zu sehen. Gleich sind mehrere Ordner bei mir, leicht skeptisch. Bitte um Übersetzung! Ich übersetze, nachdem die BBC-Leute weitergezogen sind, meinen kleinen Beitrag. Man bleibt freundlich-misstrauisch: „Aber komisch ist es doch. Du redest hier auf Englisch rum, und du siehst aus, als könntest du ein Fake sein.“ Ein was? „Naja. Ich mein nur, wegen dem Rock. Normal ist das ja nicht.“ Ach, Abendland!

Anschließend saßen wir in großer Runde in einer Lokalität und sahen eine Gegendemonstration vorbeiziehen, die unter dem Motto „Pegida wegfegen! Dresdner Neujahrsputz“ stand. Die wackeren Demonstranten trugen großenteils neonfarbene Warnwesten und hatten Besen in der Hand.

Die Saubermänner! Die Hygieniker! Die Reinhalter! Die Putztruppen! Wie verräterisch! Mir kam die „Eiserne-Besen“-Strophe aus dem Horst-Wessel-Lied in den Sinn, abgewandelt: „Die Straßen frei – den roten Bataillonen! Die Straßen frei – dem  rundfunkgläub’gen Mann!“

Dieser Artikel erschien zuerst auf Sezession.

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