13. Januar 2015

Legida, zum Ersten Die Schlacht von Leipzig

Wir kommen wieder, hier und dort

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So gelassen wie zur Pegida in den vergangenen Wochen haben wir uns heute abend nicht zur Legida begeben. Wie aggressiv die Leipziger Antifa habituell auftritt, ist vielleicht nicht bundesweit bekannt. Es sind recht harte und skrupellose Typen.

Wir wollten unser Auto ein wenig abseits des Treffpunkts parken. Als wir das Auto abgestellt hatten und uns auf den Weg machen wollten, rollten mehrere übergroße, fensterlose Wagen auf den Parkplatz. Wir lachten noch: Praktisch, da drin müssen mindestens 100 Polizisten sitzen, also kann uns auf dem Hinweg keine unangenehme Überraschung drohen. Komisch nur: Bis auf den ersten, grünen Wagen sahen die anderen Großfahrzeuge seltsam neutral aus.

Es war auch keine Polizei, es waren „Einsatzkräfte“ der Gegenseite – wir gaben erst mal Gas. Kurz vor sechs hatten wir dann den Vorplatz des Sportstadions erreicht. Da konnte man noch gut zählen – rund 1.500 Legida-Anhänger waren bereits dort. Wir standen auf den Treppen zum Stadion und konnten beobachten, wie der Platz sich füllte. Waren es 3.000, zu Beginn der Kundgebung?

Über Telephon bekamen wir Nachricht von verschiedenen Freunden, dass sie seit längerem aufgrund von Antifa-Blockaden nicht durchkämen. Von zwei Seiten waren die Gegendemonstranten ganz dicht an Legida herangerückt; aufgehalten durch eine Polizeikette spielten sie ihre Musik, zündeten Bengalos und riefen ihre Parolen, „Alerta, alerta, Antifascista“ und so weiter, und einen besonders denkwürdigen Spruch: „Weg mit dem Volk, wir sind die Bauern!“ Mein Nebenmann klärte mich auf: Das sind Sachsen, die meinen: „Wir sind die Power [Bauer].“

Dann ertönten Trompetentöne: Ein (dem Augenschein nach männlicher) Mensch stimmte: „Freude schöner Götterfunken“ an und hob dann an, ein Pamphlet gegen Hass und Nationalismus („Ihr mit eurem Abendland!“) und für Mitmenschlichkeit und „offene Tore“ zu verlesen. Er schrie, fast verzweifelt, seine Stimme kippte, er hatte hier anscheinend eine gefühlt todesmutige Wette mit sich selbst laufen.

Und das Seltsame war: Niemand rief „buh“, alle gingen auf Abstand und lächelten fein. Unterdessen wurden die „Haut ab!“ und „Verpisst Euch!“-Rufe immer lauter, der Trompetentyp las seine Manuskripte bis zur Erschöpfung vor. Er/sie tat mir so leid. Ich unterbrach ihn und fragte, ob er nicht mitbekommen habe, wo hier Hassparolen gegrölt würden, und ob er nicht dorthin gehen wolle. – „Hm, ja, merk ich auch, aber die lassen mich nicht zu Wort kommen, und ich hab kein Mikro…“

Vorne verlas Legida-Mitorganisator Rösler die amtlichen Anweisungen. Welche Fahnenmastmaterialien erlaubt sind, wie lang Transparente sein dürfen und so weiter. Anschließend las die Ultramarathonläuferin und Ex-Afd-Mitglied Tatjana Festerling eine Rede vor. Sie war auf den oberen Rängen (entlang des äußeren Stadionrings) nicht gut zu hören, aber sie erntete Jubelstürme.

Wir konnten aber schön beobachten, wie aus zwei antifafreien Seitensträngen immer mehr Demonstranten, flankiert von Polizei, auf den Platz strömten; bald war der Stadionvorplatz voller Menschen, dicht an dicht. Aggressiven Antifas gelang es immer wieder, sich durch Nadelöhre auf eine Tribüne oberhalb der Menge und später auch hinter uns durchzudrängen.

Die fünf Polizeiwagen, die auf unserer Platzseite standen, waren menschenleer, man konnte im Umkreis von 100 Metern  keine Einsatzkräfte finden und alarmieren, dass von der unabgesicherten Seite übergegriffen wurde. Legida-Ordnern gelang es, die versprengten Angreifer zu bannen.

Kurz nach sieben Beginn des Spaziergangs, flankiert von Beethovens Neunter, die aus manchen geöffneten Fenstern drang. Legida-Gegner hatten dazu aufgerufen: Die Bewohner des Waldstraßenviertels sollten ihre Wohnungen verdunkeln und die Ode an die Freiheit laut abspielen. Wasser auf die Mühlen der Demonstranten! Wo das erhebende Lied (hübsch durch Fahnenschwenken begleitet) je verklang, ertönte der Ruf „Zugabe! Zugabe!“  Auch neu: der wieder und wieder durch die recht engen Straßen des Viertels donnernde, gewinnende Ruf: „Schließt euch an!“

Für die Zuschauer an Fenstern gab es ein freundliches Winken. Es ging insgesamt ein wenig flotter voran als bei den Dresdner Spaziergängen, und es war ein schöner Weg. Vereinzelt sah man kleine Brände, flogen Böller, immer verursacht durch die Gegenseite. An den Seitenstraßen immer wieder Gegendemonstranten, nie „bürgerlicher“ Protest, immer Gegröle und Wutgeschrei. Ihnen schallten zuverlässig Legida-Parolen zurück: „Ihr seid Faschisten!“, und immer wieder, einhellig per Spiegelung: „Nazis raus! Nazis raus!“, und natürlich der bekannte „Wir sind das Volk!“-Ruf.

Als wir zum Kundgebungsplatz zurückkehrten, sprach eine Frau einen Polizisten an, ob man Teilnehmerzahlen habe: „Also, wir haben 5.600“ gezählt, gab der zurück. Zeitgleich guckt einer neben mir auf sein Smartphone: „Der MDR-Ticker ist noch bei 800 bis 1.200.“

Dann die Abschlusskundgebung, Götz Kubitschek verliest ein Grußwort des französischen Publizisten Richard Millet. Kurze Unterbrechung, als ein Trupp von drei, vier Dutzend Antifaschisten eine Balustrade direkt oberhalb der Rednerbühne besetzte und Fahnen und Steine warf. Zuverlässiger Gegenruf der Legida-Teilnehmer, aus tausend Kehlen „Keine Gewalt!“. Die Nationalhymne beschloss den Spaziergang.

Der Heimweg war nicht ganz leicht, Gegner hatten bis auf einen Durchlass alle abgehenden Straßen blockiert, die Polizei war überfordert. Letzter Ruf, sehr energisch: „Wir kommen wieder!“

Dieser Artikel erschien zuerst auf Sezession.


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