22. Januar 2015

Idealbild Familie Ist das eine Wertung?

Kinder brauchen die Nähe zu ihren Eltern

Dossierbild

Das Thema „Familie“ ist wieder im Gespräch, seit Andrea Nahles das Scheitern sozialistischer Ideen mit den Worten verkündet hat: „Man bekommt doch kein Kind, nur um dann damit beschäftigt zu sein, es irgendwie wegzuorganisieren, weil man arbeiten gehen muss.“

Man möchte applaudieren, und Gegner der Ganztagsbetreuung von Kleinkindern kurz nach dem Kreißsaal reiben sich die Augen: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles rüttelt gehörig am bisherigen linksgedrehten Familienbild, bei dem es zur Gleichberechtigung von Mann und Frau auch gehört, dass die Frau, gut ausgebildet und leistungsfähig, auch als Mutter möglichst schnell wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen hat, während die Kinder ohnehin besser in Einrichtungen aufgehoben sind mit Mitarbeitern, die die Kindererziehung gelernt haben. Ihre Worte schlagen ein, auch wenn der eine oder andere unkt, das habe man aber auch schon früher wissen können. Die eines konservativen Gesellschaftsbildes recht unverdächtige „Zeit“ berichtet über ein Interview mit Nahles:

Dass in einer Beziehung beide Vollzeit arbeiten, sei „über die Jahre die Zielvorstellung, ja geradezu die Idealisierung der SPD gewesen“, sagte die Ministerin in einem Interview mit der „Zeit“. „Viele Mütter und Väter merken einfach, dass die moderne Arbeitswelt die Belange der Familien viel zu wenig berücksichtigt“, sagte Andrea Nahles. „Man bekommt doch kein Kind, nur um dann damit beschäftigt zu sein, es irgendwie wegzuorganisieren, weil man arbeiten gehen muss.“ Nahles weiter: „Über dieses angebliche Ideal, beide arbeiten Vollzeit und sind glücklich dabei, kann ich nur lachen. Es ist für viele Paare schlicht eine Überforderung.“

Natürlich sieht sie als Politikerin den Staat in der Verpflichtung, hier steuernd und entlastend einzugreifen, aber die erste Einsicht, dass das bisherige staatliche Eingreifen mehr geschadet als genutzt hat, ist ja auch schon mal ein Fortschritt. Denn mit ihren Worten wird nicht nur eine Problemlage beschrieben, es wird auch – indirekt – ein anderes Gesellschafts- und Wertemodell propagiert, das man bisher negativ konnotiert als „konservativ“ bezeichnet hat, ich nenne es eher zeitlos.

Da ist einerseits die Wertschätzung der Elternschaft – sie ist nicht ein Objekt der Politik, nicht ein Problem, das es zu lösen gilt, sondern der Garant des Erhalts der Gesellschaft. Auch ein Unternehmen, auch der gestandendste libertäre Marktwirtschaftler wird zugestehen, dass es ohne Kinder nicht geht. Handel ohne Nachwuchs an Partnern versiegt einfach. Das bedeutet umgekehrt nicht, dass Unternehmen verpflichtet werden sollten, sich für Elternschaft einzusetzen, es wäre aber schon viel geholfen, wenn Chefs und Management einsähen, dass Schwangerschaft von Frauen und eine Auszeit von Müttern und Vätern zum Lebenslauf dazugehören, auf den sie eingehen sollten, wenn sie qualifizierte Mitarbeiter gewinnen und – irgendwann mal – zurückgewinnen wollen.

Andererseits machen Nahles markige Worte deutlich, dass es mit familienfreundlichen Arbeitszeiten in dieser Hinsicht nicht getan ist, nicht mehr Kinder geboren werden, weil man als Vater oder Mutter um drei aus dem Betrieb hetzen darf, um die Kinder aus der Kita zu holen. Familienkompatible Arbeitszeiten führen deshalb nicht zu mehr Kindern, weil sie das Primat der (bezahlten) Arbeit auch nur verfestigen und damit indirekt wiederum den Wert der Kindererziehung durch die Mutter und den Vater in Frage stellen. Der Eindruck ist doch der: Unternehmen machen Zugeständnisse, die die Familien dann bitte aber auch dankbar ergreifen sollten. Das ist das Ergebnis des aktuellen Gesellschaftsbildes, denn eigentlich müsste es doch umgekehrt sein: Unternehmen müssten damit werben, dass sie hochflexibel auf die Belange der Familien eingehen, und die Arbeitnehmer entscheiden sich für den für sie günstigsten Anbieter. Wenn von Fachkräftemangel gesprochen wird, dann sollte man den Markt auch als einen Arbeitnehmermarkt begreifen!

In der Positionierung der Arbeitgeber spiegelt sich aber auch nur das Gesellschaftsbild, das die „Elternzeit“ doch nur als Entgegenkommen für Väter und Mütter sieht, bevor diese endlich wieder in den produktiven Teil der Gesellschaft wechseln. Als Verfechter eines konservativen Familienbildes wird einem nicht selten vorgeworfen, man wolle dieses Bild anderen aufzwingen: Mütter sollten nach diesem Familienbild nicht arbeiten (ich benutze das Wort hier für gewerbliche Arbeit, möchte damit nicht andeuten, dass Erziehung und Kinderbetreuung inklusive Hausarbeit keine Arbeit seien), arbeitende Mütter würden als Rabenmütter diffamiert. In Wahrheit ist es andersherum: Mütter, die zu Hause bleiben, werden als „Heimchen am Herd“ gesehen, die dem von Frau Nahles so bezeichneten „Ideal“ der beiden vollzeitarbeitenden Eltern nicht entsprechen, der Gesellschaft im Zweifel ihren erarbeiteten Mehrwert vorenthalten.

Nun kann man sich munter darüber streiten, ob es tatsächlich ein Idealbild geben sollte, ob nicht jedem seine eigene Lebensgestaltung freigestellt sein sollte. Letzteres sollte eine Selbstverständlichkeit sein, niemand sollte zu einem bestimmten Lebensstil gezwungen werden. Aber wenn mich jemand nach meinem Ideal fragt, einem idealen Zustand für Kinder und Eltern, dann ist das die Betreuung und Erziehung zu Hause, mindestens für die ersten drei Lebensjahre, auch anschließend noch im Schwerpunkt mit dem Kindergarten als Ergänzung. Der Idealzustand für ein Kind ist die Nähe der Eltern, ich glaube vor allem für die ganz Kleinen der Mutter, mehr oder weniger Vollzeit, was bedeutet 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Und der Idealzustand für Eltern ist nicht in erster Linie die finanzielle Unterstützung dieses Ideals, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz.

Andere Modelle können aus unterschiedlichen Gründen, finanziellen, sozialen oder familiären erforderlich sein. Andere Modelle mögen sich aus Trennungen und Scheidungen ergeben, aus sozialen Notlagen, anderen familiären Verpflichtungen. Andere Modelle mögen sich auch aus den eigenen Lebens- und Karrierevorstellungen der Eltern ergeben. Andere Modelle sind aber immer nur ein Kompromiss zu Lasten von Kindern und Familien, sie entsprechen nicht einem anzustrebenden gesellschaftlichen Idealbild. Ist das eine Wertung? Ja, ist es, und es ist an der Zeit, dass nicht nur traditionelle Familienbilder gewertet werden, sondern auch das, was heute als Ideal gehandelt wird und doch nur ein Surrogat ist. Ich will niemanden zwingen, ein Leben nach diesem Ideal zu führen, ich verstehe auch Argumente, die für andere Modelle sprechen, aber ich nehme mir das Recht heraus, zu sagen: Für die Kinder, für die Familie und letztlich auch für die Gesellschaft ist das aktuelle politische Zielbild der beiden vollzeitarbeitenden Eltern immer nur die zweitbeste Variante zur Vollzeitelternschaft von Mutter oder Vater!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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