23. Januar 2015

Lutz Bachmann „Die Deutschen im Jahre 70 n. A.“

Die Hysterie um das Hitlerbild macht ein ganz anderes Problem offenbar, als die meisten meinen

Dossierbild

Endlich ist es geschafft: Pegida schafft sich ab! Mit den Befürchtungen und Forderungen der zigtausend Teilnehmer, ob berechtigt oder unberechtigt, muss  man sich fortan nicht mehr auseinandersetzen … denn der Hauptinitiator, Lutz Bachmann, hat „den Hitler gemacht“. Nicht nur, dass ihm vorgeworfen (!) wird, gegen Ausländer und Asylanten in Facebook-Kommentaren ausfällig geworden zu sein (wobei der Nachweis schwer fällt, da nicht klar zu sein scheint, ob hinter dem Facebook-Namen „Lutz Bachmann“ tatsächlich der Lutz Bachmann steckt), nein, er hat auch noch auf einem Foto als Hitler posiert, das er nach eigenen Angaben nach Erscheinen des Hörbuchs zur Hitlerpersiflage „Er ist wieder da“ an die Facebook-Pinnwand des Sprechers und genialen Hitlerimitators Christoph Maria Herbst posten wollte. Das Bild kursiert im Netz, und in der Tat hatte ich zunächst und bei nicht genauem Hinsehen eine Pose von Herbst dahinter vermutet.

Da Bachmann letzteren Sachverhalt sogar zugegeben hat und jetzt als Vorstand des Vereins Pegida zurückgetreten ist, scheint es jetzt also sonnenklar: Bachmann ist Nazi, damit ist Pegida Nazi, damit sind die Teilnehmer entweder Nazis oder einem Nazi auf den Leim gegangen. Fall abgeschlossen, das ist dann ja noch mal gutgegangen. Bevor man sich zu sehr mit den Inhalten auseinandersetzen muss, hat man jetzt das ultimative Argument gefunden: Bachmann als das Gesicht von Pegida verharmlost Hitler!

Nun kann man sich in der Tat streiten, ob es so eine gute Idee ist, gerade als konservativ Aktiver sich in solche Posen zu begeben, die natürlich mit Vorliebe aufgegriffen werden. Sollten sich die Vorwürfe der rassistischen Ausfälle bestätigen, ist auch das nichts, was ich für entschuldbar halte. Insofern geht der Rücktritt von Bachmann sicher in Ordnung. Und als Konservativer, der zumindest den offiziellen Anliegen von Pegida nicht vollständig abgeneigt gegenübersteht, fragt man sich, warum derartige Aktionen immer wieder solche Gestalten anziehen – selbst in Führungspositionen – wie die Motten das Licht.

Übergreifend muss man aber auch die Frage stellen, warum eigentlich nichts den Widerspruch von Medien und Politik so herausfordert wie der Mann aus Braunau am Inn? Henryk M. Broder hat dazu einen interessanten Kommentar in der „Welt“ veröffentlicht, in dem es unter anderem heißt:

„Aber Adolf ist und bleibt eine Reizfigur, an der sich die Deutschen noch immer abarbeiten. Lustvoll und nachhaltig. Es sieht aus, als ob die Deutschen im Jahre 70 n. A. sich selbst nicht über den Weg trauen würden. Jetzt hat es den Gründer der Pegida-Bewegung erwischt. Lutz Bachmann war so leichtsinnig, ein Foto zu posten. Auf dem Bild ist Bachmann mit AH-Bärtchen und Seitenscheitel zu sehen – um sich selbst ‚auf die Schippe‘ zu nehmen, wie er nun sagt. Und schon ist wieder von einer Schande für Deutschland die Rede, die Aufrechten treten zum letzten Gefecht gegen die Rechten an.

Solche periodischen Anfälle von Hysterie kann man nur damit erklären, dass Hitler den Deutschen peinlich ist. Sie wissen, dass sie einem Mickerling auf den Leim gegangen sind. Und deswegen muss aus dem Würstchen eine dicke Salami gemacht werden, eine Bestie, ein Monster, dessen Blick Millionen in die Ohnmacht trieb. Deshalb mögen sie es nicht, dass AH ironisiert wird. Lieber machen sie, wie im Falle des Pegida-Manns, aus einem Furz einen Fackelzug, als dass sie zugeben, dass der ganze Fackelzug ein Furz war, der bis heute die Luft verpestet.

Da hilft nur eines: So wie Menschen mit Flugangst lernen müssen, ihre Angst zu überwinden, sollten Massen von Deutschen sich ein Bärtchen ankleben, einen Seitenscheitel ziehen und mit einem Schild um den Hals ‚Wir sind Adolf!‘ verkünden. Aus der dicken Salami muss wieder ein Würstchen werden. Denn Ironie ist die schönste Waffe der Geschichte.“

Broder genießt zum Glück im deutschen Medienbetrieb Narrenfreiheit, sonst würde man ihm vermutlich ebenfalls einen Strick aus diesem „Vorschlag“ einer Kampagne „Wir sind Hitler“ drehen. Generell ist es aber – wie Broder es nennt – „im Jahre 70 n. A.“ notwendig, das Verständnis des Umgangs mit dem Nationalsozialismus im täglichen Leben generell zu klären, um auch mit Effekten wie Pegida anders umgehen zu können. Aktuell ist der Vorwurf, „Nazi“ zu sein, schnell in der Welt und bedeutet das Ende der Diskussion. Hat man in der Diskussion erst mal jemanden als Faschisten, Rechten oder Nazi deklariert, gibt es keinen Weg mehr zurück: Eine Diskussion mit diesem Menschen hat man sich quasi selbst verboten. Schon der angeblich antifaschistische Ausspruch „Rassismus/Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ stellt ein totalitäres Ungetüm der Gedankenkontrolle dar, das dem Faschismus selbst entsprungen sein könnte. (Ersetze „Faschismus“ durch die Bezeichnung einer Religion, einer Nation, Rasse oder einer Minderheit, und schon ist man da.)

Da liegt für mich das größte Problem: Jemand ist (vermeintlich) ein Faschist und sammelt jede Menge Menschen hinter sich? Okay, auf in die Diskussion, legen wir die Argumente auf den Tisch und entscheiden – jeder individuell –, was wir für richtig halten und was nicht. Das ist natürlich unbequem, es nimmt uns das Instrument der Schubladen, in die wir die Protagonisten der Politik und Gesellschaft oft stecken, aus der Hand. Das trifft nebenbei nicht nur die Linken im Kampf gegen rechts, ich selbst erwische mich auch immer wieder, dass ich einem Argument eines Linken-Politikers schon alleine deshalb misstraue, weil es von ihm kommt, und anfange, mit dessen Vergangenheit zu argumentieren.

Für einen solchen Kurswechsel ist der Humor ein guter Träger. Lernen wir, über Hitler zu lachen (was nicht gleichbedeutend mit der Verharmlosung der Verbrechen des Dritten Reichs ist), dann lernen wir auch mit tatsächlichem Faschismus in der aktuellen Gesellschaft besser umzugehen. Ob die „Hitler-Parodie“ des Lutz Bachmann ein Scherz oder ein politisches Statement war, kann nur er selbst beantworten. Die beinahe panischen Reaktionen darauf – inklusive seinem eigenen Rücktritt – sind aber das Symptom eines anderen gesellschaftlichen Problems. Broder hat recht, wenn er vermutet, dass „die Deutschen im Jahre 70 n. A. sich selbst nicht über den Weg trauen“. Daran kann man aber arbeiten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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