23. Januar 2015

Zins Der innere Wert des Geldes

Die Woche der Illusionen

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Es ist die Woche der Illusionen. Der EZB-Präsident Mario Draghi beseitigt den Zins und meint dadurch Wohlstand erzeugen zu können. Und Sonntag wählen die Griechen wahrscheinlich mehrheitlich die linksextreme Partei Syriza mit deren Vorsitzenden Alexis Tsipras zur stärksten Kraft im Parlament, weil sie glauben, dass es nicht schlimmer kommen kann. Doch schlimmer geht’s immer!

Draghi und Tsipras haben vieles gemeinsam. Beide sind dogmatische Sozialisten, die an die kollektive Planbarkeit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse glauben. Beide wollen deshalb Geld ausgeben, viel Geld! Beide glauben, nur dadurch lasse sich die Krise überwinden und die Konjunktur in Südeuropa ankurbeln. Beide scheren sich nicht um das Recht, sondern rufen zum Rechtsbruch auf und kommen vermutlich straffrei davon. Das unterscheidet sie wohl von Uli Hoeneß und Klaus Zumwinkel.

Und beide erpressen die Sparer und Steuerzahler im Euro-Club. Denn sie können es. Draghi weiß, dass er der ungekrönte König eines kommenden europäischen Superstaats ist, dessen Krönungsprojekt die gemeinsame Währung ist. Dieses Geld aus dem Nichts soll so identitätsstiftend sein wie der Heilige Gral am Hofe von König Artus.

Und Tsipras ist scheinbar die letzte Hoffnung einer stolzen Nation, die sich verzweifelt gegen die Fremdbestimmung wehrt. Wie einst die Königstochter Europa sich vom zum Stier gewandelten Zeus bezirzen ließ, dann der Freiheit beraubt und zu fremden Ufern entführt wurde, so fühlen sich die Griechen heute. Umschmeichelt wegen ihrer antiken Geschichte, aber der Freiheit und Demokratie beraubt, um ein höheres, fernes Ziel zu erreichen.

Wer wie Draghi den Zins vernichtet, schafft die Illusion eines Schlaraffenlandes, wo Milch und Honig fließen. Nahezu jede Investition rechnet sich, selbst für die Gläubiger maroder Banken in Südeuropa. Sie verdienen sich eine goldene Nase und machen den anderen eine lange. Zum Glück ist bald Karneval, damit dies ertragen oder besser, vorübergehend vergessen werden kann. Doch Aschermittwoch kommt auch in dieser Karnevalssession, dann ist alles vorbei. Der Alltag kehrt wieder ein und es wächst die Erkenntnis vieler, dass die Herzkammer der Gesellschaft um ihre Lebensleistung gebracht wird. Es bedarf dazu keiner Anhebung des Spitzensteuersatzes, keiner Verschärfung der Erbschaftssteuer und auch keiner Vermögenssteuer. Die Enteignung der Mitte der Gesellschaft wird hinter verschlossenen Türen im 1,3 Milliarden Euro teuren Neubau der EZB-Zentrale in Frankfurt beschlossen. In dessen Keller läuft seit Donnerstag die Druckerpresse heiß. 1.100 Milliarden Euro müssen produziert, sortiert und in die Peripherie Europas gebracht werden.

Und Tsipras will auch die Illusion aufrechterhalten, dass es nach fünf Jahren Krise nun vorbei ist mit Sparen, Rentenkürzungen und Arbeitslosigkeit. Er will einen erneuten Schuldenschnitt für sein Land, obwohl es bereits derer zwei gab. Der erste im Frühjahr 2012 war für die Gläubiger mit 107 Milliarden Euro einigermaßen teuer, aber der europäische Steuerzahler federte die Verluste der internationalen Investoren von New York über London bis zu den Kaimaninseln fürsorglich ab. Und der zweite war im November 2012, als die Euro-Finanzminister die Laufzeit der Kredite von 15 auf 30 Jahre verlängerten und den zu zahlenden Zins auf 0,6 Prozent reduzierten. Um nochmals 40 Prozent wurde Griechenland von seinen Schuldenlasten befreit. Tsipras wartet nach dem kommenden Wahlsonntag auf die Draghi-Milliarden. Der wehrt sich noch, will die Illusion des Sparens, der Rentenkürzung und der Reformen mindestens bis kommenden Montag weiter bestehen lassen. Doch bald wird auch Griechenland in den Genuss der modernen Drucktechnik kommen – ganz sicher.

Dass Papiergeld früher oder später zu seinem inneren Wert „null“ zurückkehrt, ist keine neuere Erkenntnis. Sie soll von Voltaire stammen. Euro-Land ist dem „Früher“ in dieser Woche durch Draghis Rechtsbruch wieder ein Stück nähergekommen.

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