26. Januar 2015

Griechenland-Wahl Könnte man eigentlich Joghurt importieren?

Warum viele Schulden nicht helfen

Dossierbild

Es ist ein Erdrutsch-Sieg der Linken in Griechenland. Damit spitzt sich die Frage zu: Helfen viele Schulden bei der dringend notwendigen wirtschaftlichen Erholung Griechenlands? Das ist das Versprechen nach der Griechenland-Wahl, dass der Wahlsieger, die linksradikale Syriza-Partei gegeben hat. Denn erfolgreich hat sich der Eindruck festgesetzt, es sei diese „Sparpolitik“, die Griechenland schadet. Aber erzählen wir die Geschichte einmal anders herum: Wer Griechenland mehr Geld pumpt, rettet es nicht. Das Problem ist der Euro. Die Vorstellung von Syriza, eine Art „Schuldenkonferenz“, was nichts anderes ist als ein Schuldenerlass, ist eine trügerische Vorstellung, wie wir hier dargelegt haben.

Die zweite, trügerische Hoffnung ist: Man könne mit Zentralbankgeld, also durch das Drucken von Geld, Griechenland helfen und insgesamt die gesamte Euro-Zone in eine goldene Zukunft führen. Es klingt wie ein Märchen. So süß. So hoffnungsfroh. Mein alter Freund, Chef und Kollege Ralf-Dieter Brunowsky hält daran fest und verweist auf meinen Kommentar in der heutigen „Bild am Sonntag“. Hilft viel frisch gedrucktes Geld? Ist es richtig, wenn jetzt die Reformen in Griechenland zurückgedreht werden?

Was macht Draghi wirklich?

Die erste Frage ist: Was macht Mario Draghi so mit unserem Geld? Für unvorstellbare 1.140.000.000.000 Euro kauft seine Europäische Zentralbank Schulden von Staaten, Banken und Unternehmen. Das ist umgerechnet im Monat ungefähr so viel, wie Deutschland in seiner schlimmsten Schulden-Zeit unter dem früheren Bundesfinanzminister Hans Eichel („Schulden-Hans“) neue Schulden machte – aber damals im Jahr! Das verdeutlicht die Dimension, um die es geht. Was sind die Folgen?

Kommt jetzt die Inflation? Wovor die Deutschen am meisten Angst haben, ist, dass alles teurer wird: Das ist derzeit nicht der Fall. Vieles wird sogar billiger – Benzin, Heizöl, Elektronik, Urlaub in Griechenland. Aber sinkende Preise sind genau so gefährlich wie steigende Preise, behauptet Draghi. Deshalb will er diese „Deflation“ stoppen und dafür die Inflation extra anheizen. Das bedeutet: Importe werden jetzt teurer, wir Konsumenten zahlen die Zeche. Dafür wird das, was Deutschland exportiert, billiger. Arbeitsplätze werden kurzfristig sicherer, die Unternehmen können sich ausruhen, statt zu investieren oder zu forschen: Der niedrigere Preis rettet sie.

Aber für die Inflation gilt: Wehe, wenn sie losgelassen! Sie ist wie eine Lawine, die keiner stoppen kann, wenn sie ins Rutschen gekommen ist. Und da gibt es erste Warnungen: Häuser, Grundstücke, Aktien, also Sachwerte, sind schon teurer geworden und werden immer noch teurer, weil viele Menschen dem Bargeld nicht mehr trauen und lieber Sachwerte kaufen.

Die betrogenen Sparer

Wenn jetzt die Aktionäre jubeln, weil die Kurse explodieren, ist es ein Warnruf für alle anderen, die Sparer: Denn sie sind die Verlierer. Wer auf Sparbuch, Lebensversicherung, Riesterrente oder einen Bausparvertrag vertraut, ist gekniffen: Es gibt keine Zinsen mehr, und das jetzt auf lange Zeit. Das zerstört die langfristige Lebensplanung von Millionen von Menschen. Es ist unfassbar, wie wenig kritisch man damit umgeht. Man lässt die Menschen allein, und rettet dafür wen auch immer.  Und jetzt? Geld ausgeben?

Genau das will Draghi sogar: Wir sollen unser Geld auf den Kopf hauen, damit die Wirtschaft in Frankreich, Italien und Griechenland endlich floriert. Was Draghi nicht berücksichtigt: die Angst. Viele Menschen haben Angst und konsumieren deshalb nicht – und sparen noch mehr. Manche kaufen sogar Gold, weil sie dem Blech-Euro jetzt nicht mehr trauen. Aber Angst ist der größte Konjunktur-Killer. Deshalb schadet diese Politik Deutschland – für uns ist es gut, wenn das Benzin und das Smart-Phone aus Taiwan oder China billiger wird; unser Staat macht keine neuen Schulden, wir brauchen Draghis Inflation und seine Null-Zinsen nicht.

Hilft der Zauber wenigstens den Griechen?

Aber hilft er wenigstens unseren Nachbarn? Auch daran glaubt niemand, den ich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos befragt habe. Die Gewinner sind die Regierungen in Süd-Europa. Wenn sie jetzt Schulden machen, zahlen sie dafür noch weniger Zinsen als schon zuvor. Noch nie war es so billig, Schulden zu machen. Aber Staatsschulden machen faul und träge. Statt Reformen und besserer Wirtschaft wird jetzt mit immer neuen Schulden und künstlich verbilligten Exporten so getan, als wäre der Schlendrian vertrieben. Aber er ist immer noch da.

Und wie immer: Während die EZB buchstäblich Schrottanleihen aufkauft, hat die Fed immer nur US-Treasurys gekauft, also beste Bonität. Wer also nur auf die Zahlen schaut, nicht aber das, was sie abbilden, kommt zum falschen Ergebnis: Die EZB ist eben nicht die Fed.

Hilft das billige Draghi-Geld wenigstens den Griechen?  Auch sie können sich nicht mit noch mehr billigem Geld  aus dem Dreck ziehen. Warum, erklärt Theo Müller, der Joghurt-König: Er hat in den letzten 30 Jahren aus einer Dorfmolkerei ein globales Sechs-Milliarden-Unternehmen aufgebaut. (Müller-Milch, Nordsee.) „Wirtschaft ist erfolgreich, wenn ein Unternehmer etwas herstellt, wofür die Menschen gerne einen guten Preis bezahlen. Billiges Geld vom Draghi hilft da gar nicht. In Griechenland fehlen solche Ideen.“ Dabei fällt mir auf: Ich esse gerne griechischen Joghurt und Feta. Aber der kommt nicht aus Griechenland – sondern von der Hochland-Molkerei aus Kempten im Allgäu.

Könnte man eigentlich Joghurt aus Griechenland importieren? Ja, rechnet Müller blitzschnell im Kopf aus, „die Transportkosten von fünf Cent je Becher zahlen die Kunden am Kühlregal, wenn er wirklich gut ist“.

Warum die US-Analogie falsch ist

Es ist dies nur ein plakatives Beispiel. Geld ist eben nicht alles, wenn Wirtschaftsstrukturen falsch gepolt sind. Mit Schulden und Geldpolitik kann man nur geldpolitische Probleme lösen, nicht strukturelle. Solange Griechenland keine wettbewerbsfähigen Produkte anbietet, ist mit Draghi-Politik keine Amphore zu gewinnen. Billiges Geld macht keinen guten Joghurt – aber Draghi macht unser Geld so matschig wie Joghurt. Denn der Preis, den wir für die Draghi-Politik zahlen, ist die Zerstörung der Währung. Und hier zeigt sich, warum auch das gerne zitierte US-Beispiel nicht funktioniert: Die USA haben ihre Wirtschaftsstruktur dramatisch verändert. Mit billiger Energie befeuert, kehrt die Industrie zurück. Die USA haben sich Zeit gekauft – und genutzt. Das Wirtschaftswachstum in den USA geht auf vier Prozent hoch. In Griechenland wird nicht reformiert, sondern nach der Wahl soll das Rad zurückgedreht werden, und die Mehrheit dafür steht und wurde gewählt. Mehr Beamte, auf Pump bezahlt; Rücknahme der Privatisierung; wieder mehr Regulierung:  Damit ist das Land nicht zu retten. Die konkrete Politik läuft der Geldpolitik zuwider.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite des Autors.

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