26. Januar 2015

AfD Entsetzen und Gedenken

Denunziation zum 27. Januar

Dossierbild

Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge, hat der Alternative für Deutschland (AfD) vorgeworfen, den „geschichtspolitischen Konsens der demokratischen Parteien“ aufzukündigen. Der Hintergrund: Die AfD-Fraktion in Thüringen wollte am Holocaust-Gedenktag in der Gedenkstätte einen Kranz mit einer umstrittenen Inschrift niederlegen.

In der Formulierung der AfD wurden die „Opfer des Konzentrations- und Speziallagers Buchenwald“ in einem Satz genannt. Knigge sah darin den Versuch, „die Opfer des Stalinismus und des NS-Regimes gleichzusetzen“ – und das ausgerechnet am 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz.

Und zum Schluss heißt es in der „Welt“: „Die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag hat ihren Vorschlag auch nach Protesten überlebender KZ-Häftlinge inzwischen zurückgezogen.

Die neue Inschrift lautet nun: ‚In stillem Gedenken‘. Auch dieser Text erfülle ihn mit ‚leisem Entsetzen‘, sagte Knigge. Er falle gegen alles zurück, was es selbst in der frühen bundesdeutschen Gedenkkultur gegeben habe.“

Unbestreitbar ist: Nach der „Befreiung“ Teil-Deutschlands durch die Rote Armee wurde das KZ Buchenwald schon 1945 von den Sowjets weiter genutzt – als Speziallager für Nazis oder solche, die man dafür hielt. Hier wurde willkürlich eingeliefert, wer im Weg stand, oft auch aufgrund von Denunziationen. Und dann wurde auch hier gestorben, an Kälte, Unterernährung, Krankheiten. Wie es sich für „Täter“ gehört?

Mein Großvater ist ohne Begründung, Prozess oder gar Urteil 1945 ins Speziallager Buchenwald eingeliefert worden, aufgrund einer Verwechslung oder einer Denunziation, und dort irgendwann ums Leben gekommen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis über sein Schicksal etwas in Erfahrung zu bringen war. Und Jahrzehnte hat es gedauert, bis man auch dieser Opfer gewahr wurde. Doch ihrer zu gedenken ist offenbar immer noch nicht gern gesehen.

Ja, man kann sich gewiss streiten darüber, ob die Kranzaufschrift ausgerechnet zum Jahrestag des Gedenkens an die Befreiung des Lagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 angemessen ist, und man wünschte sich mehr Fingerspitzengefühl von der AfD. Aber ein Skandal ist das nicht – und dass sich die AfD damit dem „Konsens der demokratischen Parteien“ verweigere, besagt entweder gar nichts – oder es klingt nach Denunziation. Die Kranzniederlegung gar zu verbieten spricht ebenfalls nicht für das Fingerspitzengefühl des Leiters der Gedenkstätte.  Knigges Einschätzung: „Erst wenn die Verstrickung mancher Gefangener des Speziallagers in das NS-Regime thematisiert werde, sei wahrhaftiges Gedenken möglich“, geht an der Wirklichkeit vorbei. Bis heute herrscht die Vorstellung vor, es seien vor allem NS-„Verstrickte“, also Täter, dort umgekommen und denen sei ja recht geschehen. Das ist Verrohung, die im Gewand des Feinsinns daher kommt.

Und wieso auch das „stille Gedenken“ Herrn Knigge zu „leisem Entsetzen“ veranlasst – das entzieht sich meinem Verständnis.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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