26. Januar 2015

Akkreditierung von Studiengängen Bürokratisch, teuer und überflüssig

Mehr Autonomie für die Unis wäre sinnvoll

Dossierbild

Die deutsche Hochschulwelt hat in den letzten Jahren viele Reformen erlebt. In den meisten Bundesländern nahm sich der Staat zurück und gestand den Hochschulen eine größere Autonomie zu, was sehr zu begrüßen ist. Aber so ganz mochte die Wissenschaftspolitik die Hochschulen dann doch nicht in die Freiheit entlassen. Zum Teil wurden im Zuge der Reformprozesse sogar neue Regelungen geschaffen, welche zwar modern daherkommen, aber die Hochschulen im Ergebnis nur belasten. Da besteht noch viel Änderungsbedarf.

Ein Beispiel für eine solche belastende Regelung ist die Verpflichtung der Hochschulen zur Akkreditierung von Studiengängen. Das System der Akkreditierung wurde im Jahr 2003 etabliert mit dem Ziel, die Qualität der neu eingeführten Bachelor- und Masterstudiengänge zu sichern. Die Bachelor- und Masterstudiengänge müssen bestimmten fachlich-inhaltlichen Mindeststandards (Studierbarkeit, internationale Vergleichbarkeit und so weiter) genügen.

Die Erfüllung dieser Standards wird im Akkreditierungsverfahren überprüft, und zwar durch privatrechtlich verfasste Akkreditierungsagenturen. Bei positivem Abschluss des Verfahrens erhält der betreffende Studiengang ein Qualitätssiegel. Die Akkreditierung wird nur befristet erteilt, in der Regel für fünf bis sieben Jahre, danach muss das Verfahren erneut durchlaufen werden (Reakkreditierung). Die Akkreditierung kann auch unter Auflagen erteilt werden. Nachbesserungen sind dann innerhalb einer bestimmten Zeit durchzuführen.

Die Aufwände für Akkreditierungen sind enorm

Die Hochschulen gingen recht zögerlich an die Aufgabe der Akkreditierung heran und ließen zunächst nur einzelne Studiengänge akkreditieren. Schnell stellten sie fest, dass dabei erhebliche Aufwände entstanden. Daraufhin waren sie zunehmend bestrebt, verwandte Studiengänge gemeinsam akkreditieren zu lassen (Bündelakkreditierung). Die an die jeweilige Akkreditierungsagentur zu zahlende Vergütung beläuft sich bei einer Einzelakkreditierung auf rund 4.000 Euro, bei einer Bündelakkreditierung sind die Kosten etwas niedriger.

Viel stärker ins Gewicht fällt allerdings der den Hochschulen entstehende Personalaufwand, er beträgt ein Mehrfaches der an die Agenturen zu zahlenden Vergütung. Insbesondere das Erstellen der vorgeschriebenen Dokumentation ist sehr arbeitsaufwendig, zumal die Verfahren durchschnittlich etwa ein Jahr dauern. Schätzungen gehen davon aus, dass den Hochschulen in den letzten Jahren Kosten in Höhe von mehr als 300 Millionen Euro durch die Akkreditierungen entstanden sind, obwohl erst die Hälfte der rund 15.000 Bachelor- und Masterstudiengänge das Verfahren durchlaufen hat.

Akkreditierungen führen nicht zu Qualitätsverbesserungen

Die Hochschulen zweifeln mehrheitlich am Nutzen der Akkreditierung. Es werde zu viel Wert auf Details des Aufbaus von Studiengängen gelegt und zu wenig die Studierbarkeit ins Auge gefasst. Es handele sich eher um eine ausgeweitete bürokratische Kontrolle als um ein Verfahren zur Qualitätssteigerung. Aufgrund der von den Akkreditierungsagenturen zugrundegelegten unterschiedlichen Bewertungsmaßstäbe sei eine Vergleichbarkeit der Qualität der akkreditierten Studiengänge nicht gewährleistet. Der Nutzen der Akkreditierung rechtfertige die hohen Kosten nicht.

Untersuchungen der Rechnungshöfe haben ergeben, dass zwar in vielen Fällen die Akkreditierung unter Auflagen ausgesprochen wurde, dass diese Auflagen aber nur formaler und nicht inhaltlicher Natur waren. Qualitätsverbesserungen wurden dadurch nicht herbeigeführt. Der Deutsche Hochschulverband, die Standesvertretung der Universitätsprofessoren, hält das Akkreditierungsverfahren für teuer, bürokratisch, ineffizient, langwierig und – mit Blick auf die Wissenschaftsfreiheit – für rechtlich zweifelhaft. Dieser Bewertung kann man sich nur anschließen!

Ein hochschulinternes Qualitätsmanagement würde vollkommen ausreichen

Inzwischen streben einige Hochschulen an, vom System der Einzel- und Bündelakkreditierung wegzukommen. Sie wollen den Weg der sogenannten Systemakkreditierung beschreiten. Bei diesem Verfahren werden die für Studium und Lehre relevanten Strukturen und Prozesse darauf überprüft, ob sie zum Erreichen der Qualifikationsziele und zur Gewährleistung hoher Qualität geeignet sind. Bei einer positiven Systemakkreditierung sind alle Studiengänge, die nach der Systemakkreditierung eingerichtet werden, automatisch akkreditiert. Die Systemakkreditierung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das Verfahren zur Erlangung der Systemakkreditierung ist aber wiederum mit so hohen bürokratischen Hindernissen versehen, dass bisher nur wenige Hochschulen diesen Weg mit Erfolg zurückgelegt haben.

Ich meine, dass auf die Akkreditierung von Studiengängen gänzlich verzichtet werden sollte. Einige Bundesländer haben sich ja an der Akkreditierung nur in geringem Umfang beteiligt und haben ihre Studiengänge einfach mit einer vorläufigen Genehmigung zugelassen. Die Erfahrung zeigt, dass diese nicht-akkreditierten Studiengänge qualitativ auch nicht schlechter sind als diejenigen, die das aufwendige Akkreditierungsverfahren durchlaufen haben. Im übrigen sind mehr oder weniger alle Hochschulen dabei, eigenständige Systeme zur Qualitätssicherung zu entwickeln, und zwar für alle bedeutsamen Hochschulprozesse. Durch solche Systeme, die ja im ureigensten Interesse der Hochschulen liegen, könnte auch die Qualität der angebotenen Studiengänge gesichert werden.

Wie schön wäre es, wenn auch die Wissenschaftspolitik sich der Erkenntnis öffnen würde, dass die Hochschulen ihre Angelegenheiten selbst am besten steuern können. Anstatt sich immer neue Kontrollmechanismen auszudenken, sollte die Politik darauf vertrauen, dass die Hochschulen mit einem Mehr an Autonomie schon verantwortungsvoll umgehen werden.

Carl Frieden schreibt regelmäßig in Claus Vogts Börsenbrief Krisensicher Investieren.

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