27. Januar 2015

Gedenken Wie mit dem Schrecken umgehen?

An Auschwitz erinnern, es aber nicht leben

Den rechten Weg des Gedenkens zu finden, fällt schon bei einem Todesfall im Umfeld nicht leicht. Um wie viel schwerer ist es da erst mit dem millionenfachen Mord an Juden in Deutschland.

Talkshows sind ein Format, das mich immer mal wieder reizt, meistens bereue ich es aber anschließend. Wenn ich bei „Hart aber fair“ und Co einschalte, dann meist nur noch, um einem der Kombattanten, dessen Meinung ich weitgehend teile, ein bisschen moralische Unterstützung zu bieten – auch in dessen Unkenntnis. Ansonsten frage ich mich immer, ob der Egozentrismus der Teilnehmer oder der der Moderatoren eine solche Sendung am Laufen hält, der konstruktive Diskurs über ein Thema, das Bemühen um das Verständnis des anderen kann es bei dem durchschnittlichen Gebrüll jedenfalls kaum sein.

Eignet sich also ein solches Format, um an einen Jahrestag zu denken, den wir in diesen Tagen zum 70. Mal begehen, die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz? Aber vielleicht muss man anders fragen: Wollen wir zu einem solchen Jahrestag wirklich nur Diskussionen über einen möglichen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro hören oder eine aufgewärmte Diskussion über die wirkliche oder nur eingebildete Islamisierung Deutschlands? Jahrestage wie diese eignen sich, auch mal grundsätzlicher zu werden, die Frage nach den Grundlagen unserer Gesellschaft zu stellen. Und um es vorweg zu nehmen: Die gestrige Sendung von Günther Jauch war dazu geeignet.

Die Sendung kam – was man bei dem Thema schon für außerordentlich halten kann – ohne Vorwürfe aus, auch ohne direkte Ausflüge in die Tagespolitik (man kann den Gestaltern der Sendung nur danken, dass sie nicht versucht haben, eine Parallele zwischen dem Nationalsozialismus und angeblichen und wirklichen „Rechten“ heutiger Tage zu ziehen). Stattdessen Zeitzeugenberichte von zwei Damen, die als einzige ihrer Familien den Holocaust des Dritten Reiches überlebt haben. Und zwei Damen, die mit ihren persönlichen Schicksalen sehr unterschiedlich und doch sehr – man möge mir den technischen Begriff verzeihen – konstruktiv umgegangen sind.

Wie kann man auch mit den Schrecken der KZs umgehen? Wie kann man damit umgehen, wenn einem in Jugendjahren die Familie genommen wird, auch die eigene Würde? Eva Erben, eine der Zeitzeugen, berichtete von ihrer Hoffnung im KZ, das alles irgendwann vorbeigehen werde, alles wieder normal würde. Und sie berichtete darüber, dass sich nach der Befreiung eben keine Normalität eingestellt habe, sich nicht einstellen konnte. Sie ist mit ihrem Mann nach Israel ausgewandert, lebt dort ein ganz normales Leben – und man bemerkt, wenn sie von ihrer Mutter spricht, die bei ihrem Sohn sein wollte („Mein Bruder war vier Jahre jünger. Wie konnte sie sich vorstellen, nicht für ihn da zu sein? Ihm abends eine Suppe zu kochen?“), oder wenn sie darüber spricht, dass einen die Erlebnisse „stumpf, innerlich gefroren“ machen, dass nichts normal geworden ist.

Auch Margot Friedländer, die andere Gesprächspartnerin des Abends und ein paar Jahre älter, ist nach dem Krieg ausgewandert, in die USA, und sie ist jetzt zurück nach Deutschland in ihre Heimat Berlin gekommen, auch, um an den Holocaust zu erinnern. Einer zitierten Umfrage zufolge können 20 Prozent der Deutschen unter 20 mit dem Begriff „Auschwitz“ nichts mehr anfangen – und das bei einer doch recht ausgeprägten Erinnerungskultur, die aber offenbar ihr Ziel verfehlt. Margot Friedländer ist nach Deutschland zurück gekommen, auch weil sie der Ansicht ist, dass die heutige Generation schließlich nichts dafür könne. „Ich versuche, ihnen die Hand zu reichen, damit sie die Zeitzeugen sind, die wir nicht mehr lange sein können“, sagt sie mit Bezug auf ihre Vorträge in Schulen, und man bekommt Gewissensbisse, falls man angenommen haben sollte, dass es bei solchen Initiativen nur um die Aufrechterhaltung eines Schuldkomplexes ginge.

Wie gedenkt man also des Holocausts? Vielleicht in erster Linie, indem man den noch verbliebenen Zeitzeugen zuhört. Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der ein Konzentrationslager überlebt hätte, ich wüsste gar nicht, wie ich an Zeitzeugenaussagen kommen sollte. Umso wichtiger, dass es solche Sendungen wie die gestern gibt. Um nicht zu vergessen. Nicht dem Wortlaut, aber dem Sinn nach erinnere ich mich an eine Aussage von Eva Erben, die mit Blick auf ihre persönliche Aufarbeitung der Erlebnisse sagte, sie wolle Auschwitz nicht vergessen, aber „nicht leben“. Der Gedanke hängt mir noch nach – ist es doch auch ein Anspruch und ein Auftrag an uns „Nachgeborene“: Persönlich sind wir nicht verantwortlich für Auschwitz, es sollte darum auch nicht unser Leben, auch nicht unsere Politik bestimmen. Aber Auschwitz wird neben den vielen guten Dingen, für die ein Patriot auch einen Blick haben kann, immer eine Rahmenbedingung der deutschen Geschichte bleiben. Wir müssen Auschwitz nicht leben, aber wir sind gefordert, uns zu erinnern … erst recht dann, wenn es in wenigen Jahren keine Zeitzeugen mehr geben wird.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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