30. Januar 2015

Speziallager der Sowjetunion bei Fürstenwalde Jeder kennt Auschwitz, aber wer kennt Ketschendorf?

Ausstellung in Luckenwalde

In diesen Tagen sind die Medien voll mit Berichten und Kommentaren zum Vernichtungslager Auschwitz. Der Anlass rechtfertigt es: Vor 70 Jahren wurden dessen Insassen, die überlebt hatten, befreit. Schreckliche Lager gab es in der Nazi-Zeit viele. Schreckliche Lager gab es aber auch nach dem Krieg in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ), Lager der sowjetischen Besatzungsmacht. Wann und wo eigentlich wird an sie erinnert? Wann wohl sagt ein Bundespräsident Gauck: Es gibt keine deutsche Identität, ohne auch der Opfer deutscher und sowjetischer Kommunistenherrschaft auf deutschem Boden zu gedenken? Eines dieser Lager solcher Schreckensherrschaft war das im deutschen Ketschendorf. Über dieses Lager ist am 20. Januar eine Ausstellung im Kreishaus von Luckenwalde eröffnet worden. Darüber berichtet haben lokale und regionale Medien, so die „Märkische Allgemeine Zeitung“. Aus überregionalen habe ich darüber nichts wahrgenommen. Deswegen können Sie dazu hier etwas lesen.

Ketschendorf wurde zu DDR-Zeiten eingemeindet nach Fürstenwalde, heute zum Stadtteil Fürstenwalde-Süd gehörig. Hier hat der sowjetische Geheimdienst des Volkskommissariats des Innern NKWD Ende April 1945, noch vor dem offiziellen Kriegsende, auf dem Gelände einer früheren Arbeitersiedlung der DeutschenKabelwerke (DeKa) ein Speziallager eingerichtet. Auf die Ausstellung über dieses Lager hat die Initiativgruppe Internierungslager Ketschendorf / Speziallager Nr. 5 e.V. mit diesen Worten aufmerksam gemacht:

Inhaftiert mehr als 10.000 Menschen, zu Tode gebracht 4.722

„Mehr als 10.000 Menschen im Alter zwischen zwölf und 72 Jahren, Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche wurden hier ohne Schuldfeststellung unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt. Bis zur Auflösung des Lagers im April 1947 kamen 4.722 Menschen ums Leben und wurden in Massengräbern verscharrt. Im Osten Deutschlands wurden Überlebende und Angehörige von Opfern bei Androhung von Strafe zum Schweigen über das Lager verpflichtet. Die friedliche Revolution 1989/1990 beendete das verordnete Schweigen. Überlebende des Lagers ergriffen die Initiative, das Lager und seine Opfer davor zu bewahren, vergessen zu werden. Seit 1990 finden jährlich Gedenkveranstaltungen statt, um an das Leiden im Lager zu erinnern, der Opfer zu gedenken und zu Frieden, Versöhnung und zur Achtung der Menschenwürde zu mahnen.“

Auch über 1.600 Jugendliche wurden nach Ketschendorf verschleppt

Nach Angaben von Wikipedia sind dort zeitweise sogar bis zu 18.000 deutsche Zivilisten und Kriegsgefangene der Russen ohne Gerichtsbeschluss interniert worden: „Unter den Zivilisten waren neben früheren NSDAP-Mitgliedern auch bürgerliche Oppositionelle zur sowjetischen Besatzungspolitik und mehr als 1.600 Jugendliche im Alter von zwölf bis 18 Jahren.“ Diesen Kindern sei unterstellt worden, als Partisanen der Hitler-Jugend („Werwölfe“) gegen die Besatzungsmacht kämpfen zu wollen.

Die verscharrten Leichen wurden 1952 gefunden, aber namenlos umgebettet

Weiter liest man: „1952 wurden bei Ausschachtungsarbeiten für Wohnhäuser mehrere Tausend Leichen gefunden. Sie wurden auf Initiative des evangelischen Pfarrers Ernst Teichmann auf den Waldfriedhof Halbe umgebettet. Unter Geleitschutz des Ministeriums für Staatssicherheit wurden die sterblichen Überreste auf 30 Lastwagen von Ketschendorf nach Halbe verbracht und dort bestattet. Es wurde dem Pfarrer untersagt, Namen oder Anzahl der Verstorbenen auf Grabsteinen zu nennen. Sie galten zu Zeiten der DDR als ‚unbekannt‘. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge stellte im Jahre 2004 im Block 9 des Waldfriedhofs Halbe 49 Namensplatten mit den 4.620 bekannten Opfern des Lagers Ketschendorf auf.“ Das Buch mit dem Titel „Die Straße, die in den Tod führte“ hält die damaligen Schrecken fest.

Das Totenbuch von Ketschendorf mit vielen Dokumenten

Ende Oktober 2014 ist das Totenbuch des Internierungslagers Ketschendorf erschienen, herausgegeben von der Initiativgruppe mit dieser Inhaltsangabe: „Es enthält im ersten Teil neben einführenden Texten auf 131 Seiten die Namen der 4.722 Toten des Lagers Ketschendorf mit Lebensdaten, Geburts- und letztem Wohnort vor der Inhaftierung, soweit dies zu ermitteln war. Im zweiten Teil vermittelt es in dem Kapitel ‚Sterben und Tod im Speziallager Ketschendorf‘ auf fast 100 Seiten auch Einsichten in die katastrophalen Lebensumstände im Lager Ketschendorf. Ergänzt wird der Text durch den Abdruck eindrucksvoller persönlicher Briefe und Dokumente von Lagerinsassen. Erarbeitet und verfasst wurde das Totenbuch durch den Historiker Dr. Andreas Weigelt. Der Verein will mit dem Buch durch die Nennung der Namen und Lebensdaten dazu beitragen, der Opfer des Lagers zu gedenken und sie und die furchtbare Geschichte des Lagers vor dem Vergessenwerden zu bewahren.“

Der Ingenieur Hermann Koebe – eines von vielen Schicksalen der Lagerinsassen

In diesem Totenbuch ist auch der Name des Ingenieurs Hermann Koebe II vermerkt. Er war Inhaber der 1878 gegründeten Luckenwalder Feuerwehrgerätefabrik Hermann Koebe und Leiter der Feuerwehr Luckenwalde. Er verlor sein Leben in Ketschendorf mit 62 Jahren. Sein Enkel Dr. Hermann Koebe schildert die schlimme Leidenszeit seines Großvaters so: „Vor der Verschleppung nach Ketschendorf wurde er in den NKWD-Sammelkeller Luckenwalde verbracht und ständig nächtlichen Verhören und Bedrohungen ausgesetzt. Man verhaftete ihn im Juli 1945 aus dem Bett heraus, wo er wegen einer Brandverletzung lag, die er sich bei einem Waldbrandeinsatz der Feuerwehr zugezogen hatte. Meiner Mutter, damals im Roten Kreuz tätig, wurde mit Lebensmitteln Zugang zu meinem Großvater in diesen Keller gewährt. Er hockte wie ein Häufchen Unglück in einer Ecke des Kellers, erzählte sie. Er ist im Winter 45/46, auch wegen der Nichtbehandlung der Brandverletzung, elendig zugrundegegangen, wie mein Vater (Hermann Koebe III) berichtete, der ebenfalls in der Hölle Ketschendorf war.“

Mitten in der Nacht fuhren plötzlich zwei Autos vor

Dr. Hermann Koebe (IV) berichtet weiter: „Wie liefen solche Verhaftungen ab? Am Nachmittag des 24. Juli 1945 bestellte man meinen Vater – er war damals 31 Jahre alt – ins Rathaus von Luckenwalde mit der Begründung, einiges mit ihm besprechen zu wollen. Immer wieder standen wir wartend und beunruhigt am Erkerfenster Wilhelmstraße 9 (heute Poststraße). Mitten in der Nacht fuhren plötzlich zwei Autos vor. Mehrere Personen in langen Mänteln, darunter eine Frau, stiegen aus. Mein Vater stand in der Mitte.“

Meine Mutter sah ihren Mann erst viereinhalb Jahre später wieder

„Es begann eine etwa zweistündige Durchsuchung unserer Wohnräume. Alles wurde durchwühlt. Dabei musste mein Vater im großen Erkerzimmer auf der einen Seite sitzen und meine Mutter mit ihren beiden Kindern auf der anderen Seite. Wir durften uns nicht rühren und auch nicht mit meinem Vater reden. Meine Mutter versuchte es und wurde jedes Mal von einem der Aufpasser fürchterlich angeschrien. Dann schnappten sie sich meinen Vater und runter ging’s auf die Straße. Meine Mutter brachte noch einen Mantel hinterher. Sie sah ihren Mann erst viereinhalb Jahre später wieder.“

Von Ketschendorf in den sibirischen Bergbau

„Seine erste Station war ein Keller im Schloss Cäcilienhof in Potsdam und dann wurde er für zwei Jahre nach Ketschendorf gebracht. Anschließend erfolgte die Deportation in wochenlangem Güterwagentransport zur Zwangsarbeit in den sibirischen Bergbau. Erst von dort erhielt meine Mutter – 25 Worte waren erlaubt – das erste Lebenszeichen und die verschlüsselte Mitteilung, dass mein Großvater gestorben war mit der Formulierung ‚bewahrt Vaters Erbe’.“

Es war der Irrtum seines Lebens

„Großvater und Vater wurden behandelt als seien sie ‚vogelfrei’ – böswillig als ‚Klassenfeinde’ denunziert. Viele der Luckenwalder Unternehmer ereilte dieses Schicksal, soweit sie nicht vorher geflohen waren. ‚Was soll uns passieren? Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen und bleiben’, sagte mein Großvater nach dem Einmarsch der Russen, die ihn wieder als Betriebsleiter einsetzten. Es war der Irrtum seines Lebens.” Dabei hatte gegen ihn nichts vorgelegen. Nach der politischen Wende 1989/90 und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Reststaaten teilte die russische Militärstaatsanwaltschaft aus Moskau mit, er sei „lediglich interniert” gewesen. Es war ihre Antwort auf die Anfrage des Enkels Dr. Hermann Koebe IV. Die Anfrage hatte er gestellt, weil er die damals geraubte (konfiszierte und enteignete) Feuerwehrgerätefabrik zurückhaben wollte. Das wäre nicht nur möglich, sondern auch geboten gewesen. Russland hatte nichts dagegen, aber die westdeutschen Politiker, die ihren Staat Rechtsstaat nennen, wollten es nicht. Alle Versuche der Koebe-Familie waren ebenso vergebens wie die so gut wie aller Opfer der politischen Verfolgung in der SBZ-Zeit. Die deutschen Gerichte erwiesen sich als politisch hörig. Ich selbst habe in meiner „FAZ“-Zeit und auch danach als Pensionär mehr zu diesem „Wiedervereinigungsunrecht“ geschrieben als jeder andere deutsche Journalist.

In Ketschendorf seit 1942 schon ein Außenlager des Nazi-KZ Sachsenhausen

Aufgelöst wurde das Lager Ketschendorf am 17. Februar 1947. Zuvor waren die noch lebenden Insassen in andere Speziallager (wie Buchenwald, Jamlitz, Fünfeichen und das NKWD-Lager Nr. 1 Mühlberg) abtransportiert worden. Aber schon die Nationalsozialisten, die Nazis, hatten hier gewütet und 1942 in Ketschendorf ein Außenlager des KZ Sachsenhausen für 900 Häftlinge errichtet. Diese Menschen mussten für die Deutschen Ausrüstungswerke (DAW) der SS für den Bau von Befestigungsanlagen und Bunkern arbeiten. Umgeben war das Lager mit Stacheldraht, der unter Hochspannungsstrom gesetzt war. Grausamkeiten und Erschießungen waren an der Tagesordnung. Wie nach dem Krieg üblich gingen viele solcher Lager von Nazi-Hand nahtlos über in Kommunisten-Hand. Die Insassen der Nazis kamen teilweise frei, teilweise blieben sie eingepfercht, und die Kommunistengegner wurden massenweise dazugesteckt.

Die Ausstellung in Luckenwalde, Am Nuthefließ 2, ist bis zum 12. März 2015 zu besichtigen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite des Autors.

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