30. Januar 2015

Karneval Eenmol Charlie zo sin

Freiheit, die nichts kostet, ist keine

Um es direkt vorwegzunehmen: Ich bin Westfale, und als solcher stehe ich dem Phänomen Karneval eher reserviert bis interessiert, nicht aber sonderlich involviert gegenüber. Die Karnevalsumzüge in den Hochburgen Köln und Düsseldorf jedenfalls haben mich nie sonderlich gepackt – zu viele Leute, die zu viel Alkohol intus haben und zu wenig darauf achten, ob sie das, was sie heute tun, morgen noch wahr haben wollen. Ich will aber auch keine Spaßbremse sein, ich bin kein Gegner des Karnevals, lebe mit den Einschränkungen, die einem Karnevalsverächter entgegenschlagen, ohne mich zu beschweren, und beteilige mich an karnevalistischen Aktivitäten, wenn es den Kindern Spaß macht.

Und Spaß machen soll der Karneval ja – dazu gehören auch die Motivwagen der großen Umzüge, die sich – manche bieder, manche bissig, manche bis an die Schmerzgrenze – über das vergangene Jahr, vor allem über die „Großkopferten“ (schönen Gruß auch an die Länder, die statt Karneval Fasching feiern) und ihre Schwächen, lustig machen. Politiker, Stars, nicht zuletzt auch immer wieder in den vergangenen Jahren Vertreter der Kirche, müssen es sich gefallen lassen (und lassen es sich gefallen), auf’s Korn genommen zu werden. Man kann das ja auch so sehen: Wer auf einem Motivwagen persönlich wiedergegeben wird, hat es in das Bewusstsein der Menschen geschafft, da ist ein bisschen Verschnitt manchmal nicht zu vermeiden. Jetzt aber hat der Kölner Karneval offenbar seine Grenzen entdeckt: Der sogenannte „Charlie-Hebdo-Wagen“, auf dem ein Kölner Jeck dargestellt wird, der einem Terroristen mit Bart und Bombengürtel, immerhin ohne Turban oder ähnlichem, den Gewehrlauf mit einem Buntstift stopft, ist der Stein des Anstoßes – und wird nicht fertiggebaut!

Zwischenzeitlich hat das Festkomitee des Kölner Karnevals Medienberichten widersprochen, nachdem einzelne Gruppen Ängste geäußert hätten, vor oder hinter dem geplanten „Charlie-Hebdo-Wagen“ zu gehen. Vielmehr sei es so, dass sich viele beworben hätten, auf dem oder in der Nähe des Wagens den Zug zu begleiten. Weiter der O-Ton derPressemitteilung:

„Viele Menschen stimmen uns zu und bekräftigen das Vorhaben, ein Zeichen zu setzen. Einige Rückmeldungen haben uns auch von besorgten Bürgern erreicht, die wir sehr ernstnehmen. Der Karneval soll jedoch nicht zu Sorgen führen – vielmehr wollen wir alle gemeinsam unbeschwert feiern.

Wir möchten, dass alle Besucher, Bürger und Teilnehmer des Kölner Rosenmontagszuges befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben. Einen Persiflagewagen, der die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt, möchten wir nicht. Aus diesem Grund haben wir heute entschieden, den Bau des geplanten Charlie-Hebdo-Wagens zu stoppen und den Wagen nicht im Kölner Rosenmontagszug mitfahren zu lassen.“

Jetzt mal ehrlich: „Einen Persiflagewagen, der die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt, möchten wir nicht“? Woran macht sich denn fest, ob ein Wagen die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt? Die Einschränkung ist ja nun erst mal dadurch erfolgt, dass man den Wagen nicht mitfahren lassen wird – von Freiheit kann also erstmal sowieso keine Rede mehr sein. Und was die leichte Art angeht, wird man im Anschluss der Karnevalsumzüge sicher mal die anderen dargestellten Personen befragen können, oder die, die schon mal Objekt des beißenden Spotts geworden sind. Ob beispielsweise Protagonisten der Politik, Gesellschaft und Kirche ihre Darstellungen immer als „leichte Art“ empfunden haben, darf man bei allem Verständnis sicher in Frage stellen (auch wenn die das nicht so sagen würden, wollen sie doch ebenso nicht auch noch als Spielverderber am Pranger stehen).

Kurz gesagt: Die Begründung, den Charlie-Hebdo-Wagen nicht mitfahren zu lassen, ist einigermaßen unverständlich. Und damit eröffnet sich direkt die Frage: Knickt man vor dem Terror der Islamisten ein? Oder wird es in diesem Jahr auch keine Wagen mit Darstellungen beispielsweise der Pegida-Demonstrationen geben – die würden die leichte Art ja möglicherweise auch nicht so schätzen. Es würde sicher ein langweiliger Umzug werden, käme man nicht mehr auf den Gedanken, die Nachrichten des vergangenen Jahres und ihre Hauptdarsteller mit Spott zu überziehen. Aber vor dem Terror hat man offensichtlich zu viel Angst, um sich dieses Themas anzunehmen.

Damit wäre zweierlei klar: Erstens hätten die Terroristen einen Etappensieg gegen die Freiheit gewonnen. Und zweitens wäre klar, dass die Lippenbekenntnisse auch der Kölner Lokalhonoratioren zum „Je suis Charlie“ nur so weit reichen, wie sie kein persönliches Risiko darstellen. Bekenntnisse gegen Pegida, Kritik an Politikern, Kritik auch an Stars und Sternchen oder an anderen bekannten Persönlichkeiten hat man leicht ausgesprochen, da ist auch kein besonderer Gegenwind zu erwarten. Man kann durchaus Verständnis dafür haben, wenn einen die Angst umtreibt, man kann auch Verständnis dafür haben, wenn man für die Teilnehmer und Zuschauer des Karnevals kein Risiko eingehen will … aber dann sollte man das auch so sagen. Im Kölner Karneval ist offenbar niemand „Charlie Hebdo“ – Verteidiger der Freiheit sind nur dort vertreten, wo man kein Risiko eingeht. Und das – liebe Veranstalter des Kölschen Karneval – ist keine Freiheit!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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