04. Februar 2015

Medialer Popostuss Im Netz der Fremdwörter und Verblendungstheoretiker

Sorry, kein Bock auf deine Story ...

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Unter wissenschaftlichem Vorgehen versteht man im Allgemeinen die Überprüfung einer Theorie auf empirischer Basis, beispielsweise durch Versuchsreihen. Sei's unter idealisierten Bedingungen im Labor oder „im Feld“. Ganz banales Beispiel: Möchte ich wissen, ob ein Apfel tatsächlich immer senkrecht vom Dach fällt und nicht gen Himmel aufsteigt, begebe ich mich aufs Dach und lasse ihn los. Fällt er in elf von insgesamt zwölf Fällen zu Boden, einmal aber nicht, vielleicht, weil eine Elster ihn im Vorbeiflug höhnisch keckernd mit dem Schnabel aufschnappt und in ihr Nest bringt oder er genau im Augenblick des Fallenlassens in ein zufällig vorbeischwebendes Antigraviationsfeld gerät, kann ich, mir der Außergewöhnlichkeit solcher irregulären Störfaktoren bewusst, von einer empirisch belegten Regel sprechen: Ja, normalerweise fällt ein Apfel, den ich von einem Dach fallenlasse, hinunter statt hinauf. Die Theorie ist bestätigt.

Das Feuilleton der „FAZ“ präsentierte am 2. Februar einen Gastbeitrag eines Politikwissenschaftlers namens Markus Linden vom Forschungszentrum Europa der Universität Trier, dem die Grundprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens leider nur schwach bewusst zu sein scheinen. Unter der an sich schon zwielichtigen Zuschreibung „Medialer Populismus“ bemüht sich Linden unter nicht unbeträchtlicher Aufwendung gerade aus Forschungsgebieten wie den Politikwissenschaften wohlbekannten akademischen Wortgeklingels zwar redlich um fachterminologische Scheinwerferei, die gerne auf Leserblendung qua intellektueller Superioritätssuggestionen hinausläuft, gemeinhin auch als geistiges Onanieren bekannt, vermag die angepeilte Ziellinie aber leider nicht zu erreichen, da er sich zu vieler unwissenschaftlicher,  ja stellenweise gar kruder Thesen bedient.

Es beginnt schon mit der wenig wissenschaftlichen Verwendung der dank hyperinflationären journaluftigen Gebrauchs gründlich entwerteten Populismusformel. Im Falle der löchrigen Argumentation Lindens läuft es darauf hinaus, den von ihm kritisierten Delinquenten oder Dissidenten eine dubiose politische Verzweckung angeblich gesamtvölkisch gehegter Vorstellungen und Vorurteile zu unterstellen. Um aber evaluieren zu können, wie „das Volk“ denkt und was es glaubt, müsste zunächst eine empirische Überprüfung zum Beispiel anhand einer Befragung  einer stichprobenhaft aus allen Bevölkerungsschichten zusammengestellten Menge an Versuchsteilnehmern erfolgen. Erst dann wäre man in der Lage – und das auch nur näherungsweise –, ein halbwegs repräsentatives „Meinungsbild“ zu erstellen darüber, wie es „im Volk“ tickt. Erst dann könnte man bei Menschen, die an solche Meinungen appellieren, sie aus Eigeninteresse zur Vorteilsverschaffung bedienen, zum Beispiel, um eine Wahl zu gewinnen, Populismus diagnostizieren. Einen solchen Nachweis aber bleibt Linden leider schuldig; der Begriff bleibt bei ihm, wie auch bei vielen Medienzertretern und Politrickbetrügern, merkwürdig immateriell.

„Jürgen Habermas“, so Linden, „hat schon 2008 gewarnt, das Internet bewirke eine Ausdifferenzierung von Teilöffentlichkeiten. Deren Anbindung an allgemeine Konfliktlinien sei defizitär, wodurch die gemeinsame demokratische Öffentlichkeit unterlaufen werde. Die Vertreter digitaler Demokratieentwürfe verbinden mit dem Pluralismus des Internets große Hoffnungen. Die Realität sieht jedoch so aus, dass es sich bei der wahrnehmbaren netzbasierten Gegenöffentlichkeit oft um Portale radikaler Systemopposition handelt. ‚Wahrheit‘ und ‚Souveränität‘ sind die Leitvokabeln dieser Bewegung der Totalablehner, die das Habermassche Argument bestätigen, indem sie ein diktatorisches Kartell aus Politik, Hochfinanz und ‚Mainstream-‘ beziehungsweise ‚Lügenpresse‘ als Gegner präsentieren. Wie viele Menschen primär in dieser virtuellen Welt partizipieren und damit aus der herkömmlichen Öffentlichkeit hinaussozialisiert werden, geht aus den Klickzahlen der Portale ebenso hervor wie aus den Äußerungen von Pegida-Demonstranten oder von Rednern auf sogenannten Friedensmahnwachen.“

Hier wäre zunächst mal natürlich nach der Genese sogenannter „allgemeiner Konfliktlinien“ zu fragen – an sich schon eine sehr diffuse Formulierung –, die nicht selten etwas undemokratisch zustande kommen: Am Beispiel des Krieges in der Ukraine, aber auch vieler anderer humanitär defizitärer Bemühungen um Frieden, Sicherheit und Gratiskondome für alle aus den davorliegenden Jahren oder auch der Euro-Rettungs-Linie ließe sich ganz hervorragend studieren, wie man vermeintlich allgemeine Konfliktlinien durch kontinuierliches Streuen von Fehl- und Mangelinformationen synthetisiert, also durch möglichst flächendeckende Distribution von Daten, die sich bei näherer Überprüfung, beispielsweise durch noch nicht vollständig an führungspolitisch erwünschte Leitlinien angebundene Gesellschaftsteile, als, ich will es mal ganz unakademisch ausdrücken, großer Kappes herausstellten.

Man hat es hier mit einem Problem zu tun, das ich als „AIV“ bezeichnen möchte: Asymmetrische Informationsverteilung. Die Habermassche, übrigens sehr abstrakte „Öffentlichkeit“ wird zuweilen erst durch ein vermassungsmedial erzeugtes informationelles Ungleichgewicht zwischen Herrschenden und Beherrschten, Regierenden und Regierten hergestellt, das dann als vermeintlich empirisch abgesicherte Grundlage zum Nachweis hexenähnlicher Tätigkeit bei unvollständig angebundenden, nicht vollumfänglich assimilierten Andersdenkenden herangezogen wird. Durch diese Tätigkeit solcher borgskeptischen Ketzer und Häretiker wird aber keineswegs die „demokratische Öffentlichkeit“ unterlaufen, sondern lediglich ihre machtelitär erwünschte Käseglockenform. Umgangssprachlich: Was der Bürger nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Kommt erschwerend hinzu, dass – erstaunlich genug – die Glaubwürdigkeit von Vertretern amtlich erwünschter Ereignislesarten nicht selten nicht durch inhaltliche Substantialität, sondern schon durch edel anmutende Anzüge, adrette Frisuren und eloquente Selbstproduktion vor Fernsehkameras garantiert zu sein scheint, wohingegen Sprecher von Teilöffentlichkeiten unter schlichten Pullovern, Lederjacken oder verwehten Haaren leiden und ihre Vorträge mit einigen „Öhs“ oder „Ähs“ auflockern, gerät das Kellersche „Kleider machen Leute“ leider allzu oft zum melancholischen Nachweis mündigkeitsbildenden Handlungsbedarfs im Individualbereich – hin und wieder sogar bei Wissenschaftlern.

Dies lässt sich momentan vor allem am Fallbeispiel der Ukraine studieren, in dem die exorbitant hohe offiziöse Affinität zum Phantasmagorischen durch alternative Informationsangebote, die der Asymmetrie interessensgebundener, stark meinungsverzerrender Kräfte der kollektivistisch-presseprekären deutschen Subordinationsunion (KPDSU) das allerdringendst benötigte Gegengewicht bereitstellen, in ihrer nervlich hoch belastenden Penetranz etwas abgemildert wird. Linden konstatiert einen medialen „Meinungspluralismus“, der zu bestimmten Themen de facto nicht mehr existiert. Denn trotz aller menschlich verständlichen Hoffnungen auf Besserung, Einsicht, Lernfähigkeit, Vernunft und Intelligenz bei Vertretern mythomedialer Inhaltsanbieter hört das Lügen in dieser Sache ja leider nicht auf; was bleibt diversen Teilöffentlichkeiten denn da anderes übrig, als sich alternativ auszudifferenzieren, also dezentral, statt die eigene geistige Gesundheit durch tägliche Aufnahme politisch und märchenmedial zentralisierter Spritzkacke zu riskieren. Teilöffentlichkeiten sollten schon noch das Recht zum Widerstand gegen Kokolores haben. Das gefährdet keineswegs die „gemeinsame demokratische Öffentlichkeit“, die es in der von Habermas postulierten Form ohnehin nicht gibt; es kann sich im Gegenteil sogar als sehr gesund und förderlich für die Meinungsvielfalt herausstellen. Des weiteren ist radikale Systemopposition – im etymologischen Sinne des Wortes „radikal“, also im Sinne profunder Wurzelanalyse und konsequenten Unkrautjätens – gerade heute und in dieser Blickrichtung, also dem fahrlässigen, ja manchmal schon schlicht kriminellen Herbeischmieren und -agitieren militärischer „Lösungen“, sogar bitter nötig und dringend geboten.

Für jemanden, der sich, so wie Linden, den Anspruch der Wissenschaftlichkeit gibt, ist die Leugnung der bereits sehr faktenreich und bissfest nachgewiesenen Existenz von Meinungskartellen umso erstaunlicher. Die kontinuierlichen Versuche einer exklusiven Lokalisation solcher Kartelle in nichtwestlichen Gefilden sind längst kläglich gescheitert; ebenso gut könnte Linden versuchen, trotz aller kopernikanischen Fortschritte am ptolemäischen Weltbild festzuhalten.

Auch seine mehrfach wiederholte Unterstellung, es handele sich bei den von ihm so genannten „Totalablehnern“ überwiegend um „Verschwörungstheoretiker“, bedarf noch einer überzeugenden Beweisführung; es bleibt bei freischwebenden Anschuldigungen, frei von jedem empirischen Substrat.

Von Wissenschaftlern wird im Allgemeinen die Fähigkeit zur gründlichen Analyse, Erkenntnis und möglichst Vermeidung zeitkontextueller, erst recht herrschaftsspezifischer Einflüsse auf ihre Arbeit erwartet. Es soll schließlich auch Zeiten gegeben haben, da man annahm, Blitze seien von Zeus gen Erde geschleuderte Zornesbekundungen. Dies wurde in späteren Zeiten jedoch falsifiziert. Linden hingegen bedient sich mehrfach Begrifflichkeiten wie „Populismus“ oder „Verschwörungstheorie“, die gerade zum Zwecke der Versalzung und Vermadung kritischen Selberdenkens intensiv genutzt wurden und werden – der selbstgesetzte Anspruch der Wissenschaftlichkeit ist trotz aller kurzweiligen Fremdwörterkenntnis bei ihm daher leider nicht erfüllt.

P.S.: Geh‘ zu 'ner Parkuhr, kost 'ne Mark nur.

„FAZ“: „Medialer Populismus: Im Netz der Wutbürger und Verschwörungstheoretiker“

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