06. Februar 2015

Thalia-Theater Schüler auf Linie

Fotokopien einer Ausstellung

Am Hamburger Thalia-Theater sind manchmal Schauspieler zu betrachten, die halb- oder dreiviertelnackt über die Bühne toben, wild gestikulieren, mit den Augen rollen und Zotenhaftes sehr laut äußern. Dschungelcamp für Bildungsbürger, sozusagen. Dem prallen Treiben liegt die rührende Annahme zugrunde, auf diese Weise könne man das hanseatische Publikum noch 30 Jahre nach Peter Zadeks Inszenierung von „Verlorene Zeit“ in Grund und Boden schockieren. Geschockt von einer Thalia-Darbietung war letzthin aber bloß die erzkatholische Piusbruderschaft. Die erregte sich über das allerdings nicht gerade appetitlich angerichtete Stück „Gólgota Picnic“. In dem wird „Jesus als Terrorist dargestellt und mit Blasphemien verhöhnt“. Meldete die „Welt“, blieb aber ansonsten gelassen.

Es handelt sich bei der Bühne am Gerhart-Hauptmann-Platz um ein Staats-, also um ein Subventionstheater. Das vom Stadtstaat Hamburg alimentierte Ensemble ist, wie fast alle artverwandten Gebilde, stramm politisiert und schwer staatsverdrossen. Dass irgendjemand in diesem illustren Haus, vom Intendanten bis runter zum Beleuchter, irgendwann anderes gewählt haben könnte als Rot, Dunkelrot oder Grün, ist kaum vorstellbar. Falls doch, würde ein Thalia-Kuturkämpe das seinem Kollektiv wohl niemals beichten.

Ein prominenter Schauspieler hat mir mal die stickige, mobbingschwangere, kaderhaft auf politischen Konsens getrimmte Atmosphäre in derartigen Agitprop-Betrieben aufs Gruseligste geschildert. Der Konformitätsdruck am Hamburger Schauspielhaus war nach seinem Erleben sogar noch stärker als am Thalia. Mittlerweile arbeitet der Mann lieber für Film und Fernsehen.

Wie eine lange Reihe anderer Schauspieler betätigen sich auch Thalia-Mimen gern als Unterschriftsteller, zeigen beherzt Flagge beziehungsweise quietschbunte Farbe und mahnen und warnen im Hochtonmodus, zum Beispiel vor der Rückkehr des Naziterrors durch die in Deutschland bekanntermaßen auf höchsten Pegeln schwappende braune Brühe. Da dies aber wohl sogar ihnen zu langweilig wurde, haben sie eine „Kunstaktion“ für Schüler auf die Beine gestellt und dazu die „lieben Lehrerinnen und Lehrer“ angeschrieben. Gekeilt für die Aktion „!Protest!“ wurden Schüler der ersten bis 13. Klasse aus Lehranstalten in und um Hamburg. Das Vorhaben, laut Anschreiben: „Schülerinnen und Schüler beziehen Stellung zu Themen, die ihnen wichtig sind. Für was sollte man sich einsetzen? Was unbedingt verhindern, wogegen protestieren?“

Dazu durfte der Nachwuchs ein Wort oder einen Satz auf eine Handfläche schreiben. Beziehungsweise etwas darauf malen, mit der Hand ein Zeichen oder eine Geste formen und das Ganze über den Kopierer ziehen. Auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz, einer Hamburger Verrücktenspielwiese in bester City-Lage (viele Monate lang müffelte hier der Sperrmüll der Occupy-Szene, und im vergangenen Sommer schrie sich auf dem Platz ein antiisraelischer Mob die Kehle heiser), baumeln derzeit Hunderte solcher Fotokopien an Leinen.

Wogegen protestiert unsere Schuljugend, was möchte sie „unbedingt verhindern“? Groß ist die Gruppe jener, die was gegen den in ihrer Wahrnehmung weitverbreiteten Rassismus in Deutschland haben. Parolen aus dem Antifa-Fundus wie „Fuck Racism“, „Weg mit dem Rassismus“, „Sag nein zum Rassismus“, „No racists“ und so weiter begegnen dem Betrachter an vielen Stellen. Kombiniert wird das gern mit durchgestrichenen Hakenkreuzen. Was wiederum mit Statements korrespondiert wie „Kein Mensch ist illegal“ oder „Gegen Ausgrenzen“. Und daraus folgt, na was? Logisch: „Stop Pegida“. Künstlerisch pfiffig gestaltet: Eine resolut geballte Faust mit Stinkefinger; drei andere Finger mit „PE“, „GI“ und „DA“ beschriftet.

Entschlossen auch der Widerstand gegen die mörderischen USA. Vom einfachen „Fuck USA“ (mit vier Ausrufezeichen) geht es über „Fuck NSA“ und diverse andere Yankee-Ficks bis hin zu einer regelrechten Installation. Ein Schüler hat seine als US-Fahne bemalte Hand zu einem Revolver geformt und „Against“ draufgeschrieben. Man sieht: Selbst wenn manche Eltern es unterlassen haben, ihren Kindern von klein auf Feindschaft gegen den Großen Satan in Washington einzutrichtern – tut nichts. In deutschen Bildungsstätten wird daheim Versäumtes zuverlässig nachgeholt.

Protestiert wird natürlich auch gegen „Tierqual“, „Tierversuche“ und Tierverzehr („Go Peta“). Sowie gegen Homophobie und die Ungerechtigkeit der Welt an und für sich. Es werden hübsche Zeilen für grüne Poesiealben geliefert („Erst wenn der letzte Hunger gestillt ist, haben wir gelernt, alles, was gewachsen ist, richtig zu verteilen“). Und auch ein Klassiker des juvenilen Betroffenheitskitsches („Why?“) fehlt nicht.

Und wo bleibt das Positive? Der Einsatz für etwas? Auch dazu sollten ja Meinungen abgerufen werden. Also, engagieren wollen die Kids sich zuallererst für den Frieden, insbesondere für den Weltfrieden. Forderungen wie „Kein Krieg“ sind auf nicht wenigen Handflächen zu sehen, ebenso die Empfehlung „Konflikte anders lösen als mit Gewalt“. Auch die gute alte Friedensrune, bei Demos erstmals aufgetaucht auf dem von englischen Kommunisten angeschobenen Ostermarsch des Jahres 1958, ist retropräsent. Viele Solidaritätsbekenntnisse gehen an die Adresse von Pandabären, Windrädern, „Charlie“ und was sonst en vogue ist.

Ein Abweichler setzt sich, wenn auch eher vage, für „Freiheit“ ein. Dass keiner der Schüler eine realistische Energiepolitik fordert oder ein freundliches Wort über Israel verliert oder Meinungsfreiheit auch für jene einfordert, die nicht dem linken Spektrum angehören, versteht sich von selbst. Lehrkörper, die mit dem Thalia-Theater kooperieren, dürften ihre Schützlinge gesinnungsmäßig intensiv gefirmt haben. Und sollte einer der Eleven skandalöserweise ein politisch krass unkorrektes Bekenntnis abgeliefert haben, wird er dasselbe am Gerhart-Hauptmann-Platz wohl ziemlich lange suchen müssen.

Kleiner Lichtblick: Ein subversiv angehauchter Teilnehmer der Aktion hat auf seine Hand geschrieben: „Für die Erforschung Schwarzer Löcher.“ Ein anderer: „Schule um 9:00 Uhr.“ Na, bisschen Hoffnung gibt’s doch.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

Fanden Sie diesen Artikel interessant?

Dann werfen Sie einmal einen Blick in die aktuelle eigentümlich frei 149. In ef 149 schreibt der Fondsmanager Ronald-Peter Stöferle über erfolgreiche Strategien der „Austrians“. Jörg Guido Hülsmann veranschaulicht den permanenten Schuldenschnitt, und Bruno Bandulet analysiert den Machtkampf in der EZB und dessen Auswirkungen auf den Goldpreis. Daneben erwarten Sie viele weitere tiefgründige Analysen, hintergründige Recherchen, knackige Meinungen und kenntnisreiche Empfehlungen, die Sie andernorts vergeblich suchen werden.

Als ef-Abonnent profitieren Sie zusätzlich vom erweiterten Online-Angebot, können das Heft auch digital lesen, erhalten Zugang zu neuen und älteren Ausgaben im Archiv und können Online-Artikel im Leserkreis kommentieren.

Einzelhefte und Abonnements finden Sie hier:

eigentümlich frei bestellen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Wolfgang Röhl

Über Wolfgang Röhl

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige