15. Februar 2015

Die Morde von Chapel Hill Ein Sadomaso-Film erschien wichtiger

Die Tagesschau ist nicht mehr, was sie einmal war

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert – seitdem es mir meine Eltern erlaubten – lieb(t)e ich die Tagesschau. Sie war für mich das seriöse Gegenmodell zu schrillen Quotenkloppern des Privatfernsehens und damit auch der Hauptgrund, später meine Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gerne zu bezahlen. Und wenn ich es manchmal – später öfter – nicht auf 20 Uhr schaffte, dann schaute ich die Tagesthemen. Massiver Kritik am „Staatsfunk“ trat ich immer wieder entgegen und konnte verstehen, wenn Kai Gniffke auf dem Tagesschau-Blog erklärte: „Nachrichten sind nie perfekt.“ Bis zum Chapel Hill Shooting.

Stellen Sie sich einfach vor, in den USA hätte ein „radikaler Muslim“ drei Atheisten erschossen. Wäre das in Tagesschau und Tagesthemen eine Nachricht gewesen? Selbstverständlich wäre es das – und zwar auch, wenn noch viele Fragen offen gewesen wären. Das zu erwähnen hätte ich sogar erwartet.

Nun aber ermordete in den USA ein „radikaler Atheist“ beziehungsweise selbsternannter „Anti-Theist“ drei junge, amerikanische Muslime – und es ist keine Nachricht. Ich erfahre es über Twitter. Ich erfahre es über Facebook. Die ersten Online-Medien berichten wie n-tv.de oder Spiegel Online.

Ich schaue die Tagesschau – nichts, keine Erwähnung. Dass gewaltbereite Salafisten in Belgien (zu Recht) zu Haftstrafen verurteilt werden, wird (zu Recht!) berichtet. Von Chapel Hill keine Rede. Auch in den Tagesthemen fast zwei Stunden später – nichts. Berichte über den neuesten Sadomaso-Film „Shades of Grey“ scheinen wichtiger...

Auch in den USA rollt eine Welle der Medienkritik, nachdem anfangs nur lokale Medien berichtet hatten – und die Polizei annahm, es handele sich wohl „nur“ um einen „Parkplatzstreit“. Noch einmal: Hätten sie das im umgekehrten Fall auch vermutet?

Mit Bezug auf die Todesfälle von Afroamerikanern, die in den USA unter dem Hashtag #BlackLivesMatter diskutiert wurden, wird nun gefragt, ob auch #MuslimLivesMatter, muslimische Leben zählen. Die überwiegende Antwort ist #AllLivesMatter, aber so wird es offensichtlich nicht überall gesehen. Ein Tweet vom letzten Jahr wird wieder populär, in dem Sally Kohn traurig festhielt, dass Morde durch Muslime oder Schwarze medial anders bewertet würden als jene durch Weiße. Offensichtlich nicht nur in den USA!

Das Chapel Hill Shooting war auch gestern früh noch kein Thema der Tagesschau und auch nicht in meiner abonnierten Tageszeitung, der „Süddeutschen“. Und ich habe keine Lust mehr, dieses mediale Versagen zu entschuldigen.

Es ist kaum einen Monat her, dass ich auf einem islamischen Nachrichtenportal vor den wachsenden Gefahren der „Medienblasen“ warnte, in denen jeder nur noch die Nachrichten wahrnimmt, die in das je eigene Weltbild passen. Nun muss ich traurig erkennen, dass auch „meine“ geliebte Tagesschau zu solchen Medienblasen beiträgt. Hätte ich nicht Twitter und Facebook genutzt, so hätten mich diese verstörenden Meldungen aus den USA überhaupt nicht erreicht!

Eine Vertrauensbeziehung, die bis in die Kindheit reichte, ist erschüttert. Tagesschau zu sehen wird für mich nicht mehr das sein, was es einmal war...

Dieser Artikel erschien zuerst auf Natur des Glaubens.

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