17. Februar 2015

Fernsehen Homofilm, homophob

Eine trostlose Geschichte

Spiegel online empfahl am vergangenen Wochenende den Film „Freier Fall“ (2013) von Stephan Lacant, der praktischerweise direkt verlinkt wurde. Das Beste an diesem Film ist sein zutreffender Titel. Die Redaktion von Spiegel online scheint das nicht irritiert zu haben. In ihrer Ankündigung verhöhnte sie den zunächst heterosexuell lebenden Polizisten Marc als „Spießer“:

„Doppelhaushälfte abbezahlt, Frau schwanger, Karriereaussichten gut. Doch dann verliebt er sich in seinen Arbeitskollegen Kay – und plötzlich steht seine Welt kopf.“ Hat Marc es nicht besser verdient, als im freien Fall seinen freien Fall zu erleben? Spiegel online meint offenbar: Ja. Homosexualität als Befreiung vom angeblich falschen Leben. Der Regisseur des Films könnte es ähnlich gesehen haben. Das Ergebnis ist trotzdem bemerkenswert. Es offenbart die ganze Tristesse, die im Falle eines solchen Falles droht.

Marc wird von seinem Kollegen Kay zu mehreren intimen Begegnungen verführt, auf die sich Marc anfangs höchst widerwillig einlässt. Von Liebe keine Spur. Schlimmer noch: nicht nur von Liebe nicht, sondern von überhaupt nichts Verbindendem, das nicht mit Polizeisport (sie sind schließlich Kollegen) oder mit Sex zu tun hätte. Irgendwann fliegt die Sache auf, damit das Drama seinen Lauf nehmen kann. Marcs Frau Bettina, die soeben das gemeinsame Kind zur Welt gebracht hat, ist ebenso wütend wie verzweifelt. Hilflos sind sie leider alle beide und die Verwandten obendrein. Das Paar trennt sich, obwohl Marc das erkennbar nicht will. Ein anderer Kollege, der sich gewöhnlich mit Macho-Sprüchen hervortut, hat Marc inzwischen wegen seiner Affäre provoziert. Marc provozierte daraufhin den Kollegen und wurde von diesem brutal zusammengeschlagen. Ein weiterer Kollege ging dazwischen und verhinderte Schlimmeres. Kay hat sich derweil aus dem Staub gemacht; als Marc ihn besuchen will, findet er eine leere Wohnung vor. Danach stürzt er sich in die schwule Szene, aber auch da hält ihn nichts. Abrupt flieht er aus der Kabine, in die er sich eben erst mit einem Unbekannten eingeschlossen hat.

Das ist also die Geschichte, in der Marc nach Meinung von Spiegel online aus seinem Spießerdasein geworfen wird. Frau und Kind hat er verloren, und der Liebhaber ist über alle Berge. Am Ende sieht man ihn wieder beim Dauerlauf mit der Polizeisportgruppe, nur dass er diesmal stolzer und schneller ist als die anderen. „Jetzt hat er seinen Lebensweg gefunden“, soll uns das wohl sagen, aber dieser Weg führt ihn erkennbar nur in ein ungewolltes Singledasein. Sein Kraftzuwachs hat ihn nicht einmal dazu befähigt, sich gegen seinen prügelnden Kollegen zu wehren.

Man muss dem Film zugutehalten, dass er nichts beschönigt. Das Thema, so der Regisseur, war „Marcs Zerrissenheit zwischen zwei unvereinbaren Polen“. In der Tat, die propagandistische Bemühung ist nur als dünner Firnis zu erkennen. Die Trostlosigkeit der Geschichte wird nicht aufgebessert. Der homosexuelle Impuls entfaltet eine deprimierend destruktive Wirkung, gegen die sich niemand zu schützen weiß. Hätte der Film nicht den Bonus der guten Absicht, würde der Regisseur nach den aktuell geltenden Maßstäben den Vorwurf der Homophobie fürchten müssen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.

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