17. Februar 2015

GEZ Immerhin Unterhaltungswert

Was den NDR mit Astro TV verbindet

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Camoufliert als „Esoterik-Clown Pjotr Wasabi“ mischte ein Aktionist neulich eine Show bei „Astro TV“ auf. Der Okkultsender „hat sich auf das Geschäft mit der Not verzweifelter Menschen spezialisiert“, schreibt stern.de, was nicht ganz zutrifft. Vielmehr sind die meisten Zuschauer, die sich von Pendelschwingern, Tarotkartenlegern und Engelkontaktierern telefongebührenpflichtig abzocken lassen, nicht verzweifelt, eher verblödet. Auf jeden Fall veranstaltete der vorgebliche Clown (in Wahrheit Mitglied der Berliner Gruppe „Peng Collective“) in der Livesendung allerhand Ulk, um in einem günstigen Moment zu rufen: „Wir finden, Astro TV sollte die Sendelizenz entzogen werden, denn das, was hier stattfindet, ist Betrug.“

Klingt zunächst plausibel. Aber, Moment mal: Würde man Sender konsequent abstellen, die sich auf faulen Zauber, Scharlatanerie, Vorspiegelung falscher Tatsachen, wilde Prophezeiungen, illusionäres Denken oder das Negieren von wissenschaftlichen Erkenntnissen kapriziert haben, gäbe es verdammt viel zu tun. Den NDR, der den Bereich meiner beiden Wohnorte verstrahlt, träfe es als einen der ersten. Er zockt allerdings nicht einzelne Zuhörer und -schauer über die Telefonleitung ab, wie Astro TV es tut. Sondern mittels der „Demokratieabgabe“ gleich sämtliche Bürger; selbst jene, die ihn weder hören noch sehen wollen.

Für eine Abschaltung nach den Kriterien des Peng-Kollektivs wäre der NDR natürlich qualifiziert. Und zwar als notorischer Angstmacher (Erderwärmung, Gentechnik, Atomenergie, Elbvertiefung, falsche Ernährung, allerorten lauernde Gesundheitsrisiken und so weiter) ebenso wie als unkritischer Vermittler dubioser Heilungsbotschaften (Wärme dämmen, fleischlos glücklich sein, Fahrrad fahren, fair gehandelte Bioprodukte kaufen, Frauenquoten einführen und so weiter). Besonders die Schwarze Strommagie, euphemistisch „Energiewende“ genannt, wird im NDR noch emsiger gefeatured als Sternenguckerei und Kartenlegen bei Astro TV.

Dafür spielt offenbar die Überlegung eine Rolle, dass Zuschauer Vollpfosten sind. Oder es werden, hämmert man ihnen grüngutes Wunschdenken nur immer wieder ein. Häufiges Beispiel aus dem öffentlich-rechtlichen Sendebetrieb: Die willig und unhinterfragt von den Propagandakompagnien des ökoindustriellen Komplexes übernommene Behauptung, hier oder dort sei ein Haufen von Windrädern ans Netz gegangen, welcher fortan Tausende oder gar Hunderttausende von Haushalten „mit Strom versorgen könne“ oder „werde“.

Wie jeder weiß, der im Physikunterricht aufgepasst hat, ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Der erratisch vorkommende Energieeintrag aus Windrädern und Solarzellen („Zappelstrom“) kann nicht einen einzigen Haushalt stabil versorgen. Es sei denn, man versteht unter Stromversorgung eine nach indischen Gepflogenheiten. Um längere Blackouts und damit einen wirtschaftlichen GAU in Deutschland zu verhindern, müssen immer irgendwo konventionelle Kraftwerke für den Grundlastbereich mitlaufen. Und das tun sie zum Glück auch.

Eine Technologie, Strom in gewaltigen Mengen zu speichern, um ihn beim Ausfall der „Erneuerbaren“ zwecks Überbrückung einzuspeisen, ist hingegen nicht mal ansatzweise in Sicht. Weshalb die Behauptung, ein Windpark könne so und so viele Haushalte versorgen, ungefähr so seriös ist wie die Séance eines Mediums auf Astro TV, das seinen Kunden einen Plausch mit verstorbenen Familienangehörigen verspricht.

Aber soll man deshalb fordern, den NDR abzuschalten? Bloß nicht! Der Sender beschäftigt 3.437 feste und knapp 1.100 freie Mitarbeiter. Kaum einer von ihnen fände mit der Referenz „Ich war mal beim NDR“ einen ähnlich kommoden, gutdotierten Job. Letztlich müsste der Bürger die ganze Besatzung doch wieder auf die eine oder andere Weise alimentieren. Also, lasst den NDR auf Sendung. Und Astro TV auch. Beide Anstalten haben immerhin Unterhaltungswert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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