23. Februar 2015

Mittelschicht Abkassierte Kassierer

Ein Großhirn widerlegt sich selbst

Das Großhirn Stefan Willeke („Chefreporter“) räsoniert in der „Zeit“ in einem sechsseitigen Artikel mit dem Titel „Die Kassierer“ über die deutsche Mittelschicht, also jenes angeblich riesengroße Becken der Menschen mit den nachgewiesenermaßen wahren lastentragenden Schultern dieses Landes. Zur Unterstützung der Lüge von ihrer Bevorzugung ist als Illustration ein Foto einer sich auf der Designer-Couch lümmelnden Familie mit anmaßend selbstzufriedenem Gehabe im Aufmacher zu sehen. Der Untertitel lautet:

„Eine weit verbreitete Meinung lautet: Die Mittelschicht wird ausgequetscht. Das ist falsch. Viele Angestellte und Selbständige schimpfen auf den Staat – dabei verwöhnt er sie, wo er kann.“

Der Chefreporter will den Beweis antreten, dass diese widerwärtigen Mittelschichtler in Wahrheit gar nicht die eigentlichen Stützen der Gesellschaft sind, sondern selber Schmarotzer, die klammheimlich vom Staat alles in den Arsch geblasen bekommen:

„Über die Mittelschicht werden pausenlos Märchen erzählt. Doch weil nicht nur die Verfasser der Märchen aus der gesellschaftlichen Mitte stammen, sondern auch diejenigen, die Märchenbücher lesen, fällt ihnen nicht auf, dass sie sich etwas vormachen.“

Das Seltsame dabei ist, dass er erstaunlich wenige Beispiele dafür findet, dass die Mittelschichtler tatsächlich vom Staat „verwöhnt“ werden. Er zählt nur die wenigen üblichen Verdächtigen auf, in erster Linie natürlich das Ehegattensplitting:

„Bis zu 15.761 Euro Steuern im Jahr – rund 1.300 Euro im Monat – kann ein Paar sparen, wenn der eine besonders viel verdient und der andere besonders wenig. Es ist ein Modell zur Belohnung des Gehaltsvorsprungs. Rund zwölf Millionen Deutsche profitieren davon.“

Falsch, es sind nicht einmal sechs Millionen, weil der Rest seine Kohle ebenfalls direkt oder indirekt vom allgegenwärtigen Staat kassiert, es sich also bei dieser Gruppe um eine gefakete Mittelschicht handelt, die sich zwar so nennt, aber in Wahrheit offiziell oder inoffiziell beim Staat angestellt ist. „Belohnt“ wird außerdem niemand, die Leute dürfen nur etwas mehr von ihrem Einkommen für sich behalten. Ist der gleiche Schwindel wie: „Der Staat schenkt dir dies und das …“ Der Staat schenkt gar nix, er verzichtet nur bisweilen darauf, einem auch noch das letzte Hemd zu rauben. Übrigens schweigt sich der Chef von einem Reporter darüber aus, wie viel ein Paar insgesamt verdienen müsste, um 15.761 Euro Steuerermäßigung zu bekommen, und raunt was von „besonders viel“. Nach meinen Berechnungen müssten es so um die 170.000 Euro Jahreseinkommen sein. Das ist aber nicht die Mittelschicht, sondern die Oberschicht. Das Erstere wird nämlich ab einem Verdienst von circa 1.800 Euro pro Person und Monat klassifiziert. Selbst wenn Mann und Frau diese Summe jeweils für sich einnehmen würden, kommen sie nicht einmal auf die Hälfte der obengenannten Summe, beziehungsweise sie würden nach Willekes Milchmädchenrechnung überhaupt keine Steuern mehr zahlen. Würden nämlich tatsächlich zwölf Millionen jeweils mit 15.761 Euro im Jahr entlastet, kämen wir auf eine Entlastungssumme von 189.132.000.000, also circa auf ein Drittel des deutschen Staatsetats. Ballaballa! Dann kippt Die-verwöhnten-Mittelschichtler-Arie ins Groteske:

„Ein besonders maßloses Geschenk ist das Elterngeld, das bei denen üppig ausfällt, die es am wenigsten benötigen – den Gutverdienenden. Bis zu 1.800 Euro überweist der Staat pro Monat, wenn eine Mutter oder ein Vater Elternzeit nimmt oder wenn beide es tun. Das Geld fließt bis zu 14 Monate lang. Es ist Steuergeld, und deswegen trägt der Gebäudereiniger auch ein wenig zu dem Elterngeld bei, das die Abteilungsleiterin erhält, sobald sie in Elternzeit geht. Er zahlt dafür wie für die Bundeswehr, die Straßenlaternen und die Polizei. Ginge aber der Gebäudereiniger in Elternzeit, bekäme er viel weniger ausgezahlt als die Abteilungsleiterin, weil sich diese Unterstützung nach dem letzten Nettogehalt richtet.“

Wieder Lüge. Der Gebäudereiniger zahlt „für die Bundeswehr, die Straßenlaternen und die Polizei“ fast nichts bis überhaupt nichts, weil er nämlich gar keine Steuern zahlt, und wenn ja nur läppische Summen, die nicht der Rede wert sind. Und wenn er Aufstocker ist, hat sich das mit dem Steuernzahlen auf Krümelniveau eh erledigt. Stefan Willeke kann nicht rechnen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wenn‘s nach mir ginge, könnte man diesen ganzen Elterngeld-Quatsch komplett in die Tonne treten. Weder werden dadurch wie von unserer Deppenregierung angestrebt mehr Kinder gezeugt, schon gar nicht solchen Kalibers mit wohlstandserhaltendem IQ, noch werden dadurch wie von den Feminismusverseuchten halluziniert Männer zu Supervätern und Superpartnern, sondern zu lachhaften Luschen, denen in Wahrheit sowohl ihre Frauen als auch andere Männer erst recht keinen Respekt mehr zollen. Das Gegenteil ist der Fall und eine Untersuchung dringend vonnöten, wie die Scheidungsrate nach der Papa-spielt-Mama-Phase ausschaut. Der Autor kann jedoch auch lustig, wenn es um den Beweis geht, wie dekadent und nicht mehr von dieser Welt der Mittelschichtler inzwischen geworden ist:

„Ein Angestellter tauchte in der Praxis auf, weil er unter Ohrenschmerzen litt. ‚Seit wann geht das so?‘, wollte Heinrich (Arzt) wissen. ‚Schon seit einer halben Stunde.‘“

Hahaha, der Brüller! So wie der, als am Ende des Artikels Klassenkämpfer Willeke seine Rechnung selbst ad absurdum führt, indem er all die vermeintlichen Verwöhnbemühungen des Staates für die Mittelschicht unfreiwillig als seine eigene Fata Morgana enttarnt:

„Danach hat sie (Judith Niehues vom Institut der deutschen Wirtschaft) ermittelt, wie viel Geld der Staat an die Mittelschicht verteilt.  Kindergeld, Elterngeld, Arbeitslosengeld, Steuerrückzahlungen, Mutterschaftsgeld, Erziehungsgeld, Bafög, Leistungen der Pflegeversicherung, Berufsausbildungshilfe. Am Ende stellte sich heraus, dass ein Mittelschichtsbürger im Schnitt 167 Euro im Monat mehr zahlt, als er einnimmt.“

Was nichts anderes bedeutet, als dass der Mittelschichtler all die oben gezählten Leistungen in Wirklichkeit aus der eigenen Tasche zahlt und eben nicht der Staat und dann nochmal netto 167 Euro im Monat einfach so der Steuerkasse fürs Geldverbrennen hinterherwirft (wenn‘s mal stimmt). Und was wiederum ebenso bedeutet, dass alle anderen unter der mittleren Schicht diese Leistungen geschenkt bekommen. Willeke ist es völlig entgangen, dass die genannten Leistungen des Staates in den vom Mittelschichtler abgedrückten Steuern mit enthalten sind, er also eben nicht nur 167 Euro im Monat an das Finanzamt überweist, sondern das Zehn- bis 15-Fache, und erst wenn es zu einer Verrechnung kommt dieses mickrige Steuerplus herauskommt. So oberschlau muss man erst mal sein, um solcherlei primitivste Mathematik nicht zu kapieren. Der Schreiberling braucht sechs lange Seiten, um sich zum guten Schluss selbst zu widerlegen. Echt reife Leistung. Dennoch endet er in trotziger Blindheit vor der eigenen Falschrechnung mit den Worten „Deutschlands dicke Mitte. Sie gibt dem Staat viel, holt sich von ihm alles unauffällig zurück, lässt sich verhätscheln und beglücken – doch sie hört nicht auf zu jammern.“ Genau, der Staat soll endlich aufhören mit dem „Verhätscheln“ und „Beglücken“, alle Mittelschichtsgehälter gleich konfiszieren und an die Leute Lebensmittelgutscheine verteilen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.

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