25. Februar 2015

Tschechien Wieder ein Amoklauf eines Verstörten

Frühe Interventionen von Bürgern können Menschenleben retten

Während fanatische Extremisten aus religiösen Gründen Attentate verüben, sind es immer persönliche Gründe beim Mittelschichtsbürger.

In Erfurt und Winnenden war es Mobbing. In Karlsruhe drohte die Wohnungsräumung, und in Dossenheim war es ein langjähriger Kleinkrieg der Hauseigentumsgesellschafter. Junge „Männer mit Migrationshintergrund“ ermorden ihre Schwestern nebst allen anwesenden Personen, eifersüchtige Ex-Partner tun dies mit ihren Ex-Frauen und deren Verwandtschaft und Freunden. Manchmal nehmen sie dazu ein Auto, manchmal Feuer, manchmal eine Axt und manchmal eine Schusswaffe.

Auch der gestrige Amoklauf in Tschechien wurde wegen persönlicher Schwierigkeiten begangen. Der 62-jährige Attentäter hatte vier Minuten vor seiner Tat einen Fernsehsender angerufen. Er sagte, er sei von vielen Menschen schikaniert worden und die Behörden wollten ihm nicht helfen. Das Fernsehteam solle kommen, da etwas passieren würde. Er habe Waffen und Geiseln.

Nach dem Telefonat erschoss er acht Menschen in einem Restaurant und verletzte weitere. Die Attacke hielt anderthalb Stunden an. Die Polizei riegelte die Straßen ab und wartete auf das Spezialkommando. Dieses drang 90 Minuten nach den ersten Schüssen in das Restaurant ein. Der Attentäter erschoss sich selbst. Bisher war es der Polizei nicht möglich, die Wohnung des Attentäters zu durchsuchen. Dessen Ehefrau hat sich darin verbarrikadiert und lässt keinen rein.

Wir sind gespannt, welche Fragen die tschechische Regierung, die tschechischen Medien und die Bevölkerung stellen werden.

Werden Fragen zum Waffenrecht gestellt?

Nach Angaben von Innenminister Milan Chovanec besaß der Mann eine Genehmigung für Schusswaffen. Ob auch die beiden Tatwaffen legal waren, sei noch unklar. Möglicherweise sei er psychisch krank, sagte der Bürgermeister. Doch gibt es weder eine kriminelle Vergangenheit, noch Anzeichen dafür, dass er in psychiatrischer Behandlung ist. Werden die Tschechen zu dem Schluss kommen, dass Gesetze keine Verbrechen verhindern können, oder werden sie dem Waffengesetz die Schuld geben?

Werden Fragen zu den Motiven gestellt?

Die tschechische Zeitung „CT24“ hat sofort ein Interview mit einen Psychologen publiziert. Dieser sagte, dass Informationen herausgeben und anschließender Selbstmord typisch für Massenmörder sei. Sie wollen Aufmerksamkeit. Ihnen seien oft auch die Opfer nicht wichtig, lediglich ihre symbolische Bedeutung. (Aus diesem Grund schreiben wir nicht die Namen der Attentäter, sondern versuchen, diese zu vergessen.) Wie werden die tschechischen Medien das Attentat darstellen?

Oder werden Fragen zum Polizeieinsatz gestellt?

Die tschechische Polizei wartete, wie auch die deutsche in Erfurt und die norwegische auf Utøya, auf ihre Spezialeinheiten. Die deutschen und amerikanischen Polizisten wissen mittlerweile, dass eine frühe Intervention – auch von „normalen“ Polizisten oder Bürgern – die beste Möglichkeit ist, Menschenleben zu retten. Wird über diese Erkenntnisse debattiert werden?

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.

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