26. Februar 2015

Umfrage Hatte Honecker doch recht?

Eine am Montag veröffentlichte Studie legt diesen Schluss zumindest nahe

Erich Honecker zu zitieren ist sicher nicht ganz unproblematisch, vor allem wenn man bedenkt, dass der Mann in den letzten Tagen der DDR offensichtlich nicht der Herr im eigenen Haus, vor allem aber nicht der Herr im eigenen Oberstübchen war. Selten war so viel Realitätsverlust wie in der Führungsriege der untergehenden DDR. Ein Satz ist dabei für die Geschichtsbücher erhalten geblieben, den Erich Honecker gesagt hat und über den man zu lachen geneigt ist: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!“

Eigentlich würde man heute sagen, dass die Geschichte über diesen Spruch hinweggegangen ist – den Sozialismus der DDR gibt es nicht mehr, die Sowjetunion ist zusammengebrochen und sich selbst als solche benennende sozialistische oder kommunistische Staaten gibt es heute nur noch in den letzten säkularen Diktaturen dieser Welt wie Nordkorea oder Kuba, mit denen selbst eingefleischte Sozialdemokraten – zumindest öffentlich – nichts zu tun haben wollen. Hat also die Vernunft über den Sozialismus gesiegt?

Eine Studie im Auftrag der Freien Universität Berlin, die derzeit in der Presse die Runde macht, macht da eher skeptisch. Hierin wurde untersucht, inwieweit linksextremistisches und linksradikales Gedankengut noch immer (oder wieder) in Deutschland verbreitet ist; in einer Zeit, in der alle wie das Kaninchen auf die Schlange auf eine herbeigeredete und -geschriebene erneute rechte Machtübernahme schielen, ein durchaus ehrenwerter Ansatz. Und die Ergebnisse sind erschreckend:

So sind offenbar 42 Prozent der Deutschen der Meinung, dass der Sozialismus/Kommunismus eine gute Idee sei, die bislang nur schlecht ausgeführt wurde. Ebenfalls 42 Prozent plädieren dafür, dass die soziale Gleichheit der Menschen wichtiger sei als die Freiheit des Einzelnen. Ob die 20 Prozent, die meinen, dass es eine Revolution bräuchte, um die Lebensbedingungen zu verbessern, tatsächlich auch zur Tat schreiten würden, darüber kann man streiten, aber aufsehenerregender sind die 61 Prozent, die tatsächlich der Meinung sind, wir lebten nicht in einer echten Demokratie, weil – und die Begründung ist das Entscheidende – die Wirtschaft und nicht die Wähler das Sagen hätten. Dass in einer solchen Gesellschaft das Verständnis für einen freien Markt am Boden liegt, verwundert dann nicht: 37 Prozent der Deutschen glauben, dass Kapitalismus zwangsläufig zu kriegerischen Auseinandersetzungen führt.

Die Studie macht auch Aussagen zur Gewaltbereitschaft, vor allem aber nicht nur gegen Sachen, aber deren Inhalte möchte ich hier nicht weiter verfolgen. Letztlich gibt es ähnliche Studien auch zum Rechtsextremismus, denen man regelmäßig methodische Mängel vorwerfen muss, die man sicher auch hier wieder aufdecken kann. Wesentlich erscheint mir aber, dass eine Ideologie, die den Menschen nicht als Individuum ernstnimmt, sondern nur als Gemeinschaft, die die Gleichheit statt der Freiheit beschwört, fröhliche Urständ feiert. An der Stelle treffen sich – wenig überraschend – Links- und Rechtsextremismus. Beiden gilt das Individuum nichts, die Gemeinschaft alles. Demokratiekritik kann man üben, mir erscheint die Demokratie auch nicht als Weisheit letzter Schluss, dass aber „die Wirtschaft“, man darf wohl übersetzen mit „der Markt“, das Sagen hat, die auch noch die Ursache für kriegerische Auseinandersetzungen darstellt, wendet doch die wahren Sachverhalte auf links: Korporatismus, ein eingehegter Markt und Einschränkungen der Freiheit werden gesamtgesellschaftlich, links wie rechts, nicht als Problem, sondern als Lösung gesehen.

Man kann sich fragen, wie es nach zwei sozialistischen Diktaturen auf deutschem Boden, einer nationalen und einer internationalen, zu solchen Einstellungen kommen kann. Wieso meinen immer noch so viele, der Freiheit der Menschen, in die sie mit Gottes Würde entlassen sind, auch der eigenen Freiheit, misstrauen zu müssen, um die Lösung der Probleme an die Gemeinschaft, letztlich an den Staat, zu delegieren, und das vor dem Hintergrund, dass weniger als 50 Prozent das Gewaltmonopol des Staates akzeptieren? Als freiheitlich denkender Mensch kann man der Kritik an diesem Gewaltmonopol durchaus etwas abgewinnen, nicht aber den Hintergründen, in denen sich der Wunsch nach einem Gemeinwesen mit weniger Freiheit des Einzelnen manifestiert.

Die sachliche Untauglichkeit des Sozialismus liegt nach diversen „Experimenten“ mit Millionen Toten offen zutage. Auch die ethische Fehlerhaftigkeit hat sich gezeigt, nicht nur an den Toten, sondern auch an den anderen totalitären Ausprägungen, die die „Diktatur des Proletariats“ mit sich bringt. Aus christlicher Sicht ist ein sozialistischer Materialismus, der den Menschen auf seine Gesellschaftsfunktionen beschränkt, ohnehin abzulehnen. Und trotzdem muss man konstatieren, dass der Sozialismus offenbar doch nicht so einfach aufzuhalten ist – womöglich hatte Honecker auf eine bislang nicht erahnte Weise doch recht?

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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