18. März 2015

Kopftuchverbot Wichtig ist im Kopf

Die folgenden Probleme des jüngsten Gerichtsurteils sind absehbar

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Also, das Kopftuch darf in den Schulen bleiben. Bestrebungen, ein durchgängiges Kopftuchverbot in Schulen durchzusetzen, hat das Bundesverfassungsgericht einen Riegel vorgeschoben. Das ist – die Einschätzung wird einen bei einem katholischen und nicht selten islamkritischen Blog verwundern – eine gute Nachricht: Es hat den Staat nichts anzugehen, ob eine Lehrerin aus Glaubensgründen ein Kopftuch trägt oder nicht. Ob man damit eine Schleuse öffnet und man sich in Kürze aus gleichen Gründen gegen ein Verbot einer Vollverschleierung aussprechen müsste – das bliebe noch abzuwarten. Generell gilt: Ich habe zu viele schlecht gekleidete Mathematik- und Deutschlehrer erlebt, als dass ich mich über ein Kopftuch aufregen könnte.

Wesentlicher ist dagegen, was das Gericht dann noch entschieden hat, nämlich, dass ein Einzelfallverbot durchaus legitim sein kann, wenn der Schulfrieden durch das Tragen des Kopftuchs gestört werden sollte. Da darf man sich die Frage stellen, ob es zukünftig Eltern geben wird, die sich aus der politisch korrekten Deckung wagen und sich trauen, von muslimischen Lehrerinnen das Ablegen des Kopftuchs zu fordern. Wer das nicht tut, der muss mit dem Kopftuch leben. In einer idealen Welt wäre das eine sinnvolle Regelung – man einigt sich im Einvernehmen –, aber es wird schon Mut dazugehören, seinen Bedenken, die ja auch durchaus diffus sein können, gegen ein Kopftuch Ausdruck zu verleihen – spätestens, wenn irgendein Polit-Magazin entsprechende Bestrebungen auf’s Korn nimmt, werden „Nachahmer“ gelernt haben.

Auch die im Urteil in Abrede gestellte Vorrangstellung christlicher Symbolik ist in diesem Zusammenhang nicht ohne: Während nämlich diejenigen, die Kreuze in Schulen verlangen, gerne als Fundamentalisten dargestellt werden, sind Befürworter von Kopftüchern und muslimischen Gebetszeiten auf dem Toleranzpfad unterwegs. Für das Einstehen für christliche Symbolik und Werte braucht es in vielen Ecken heute mehr Zivilcourage als für eher gratismutige Zugeständnisse an den Islam. Was uns in dieser Hinsicht noch alles erwartet, muss man in der Tat abwarten.

Diskutiert wird in den Foren und Medien – die nebenbei recht differenziert zu berichten scheinen – auch über die eigentliche religiöse Bedeutung des Kopftuchs: Ist es vergleichbar mit der Verschleierung einer katholischen Nonne an einer konfessionellen Schule? Hat das Kopftuch überhaupt eine religiöse Bedeutung oder ist es eher – wie die muslimische ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün herausstellt – ein Mittel, um „die Frau aus der Gesellschaft irgendwie auszuschließen“. Im letzteren Fall wäre die Frage keine der Religionsfreiheit, sondern nur der Gleichberechtigung, der Menschenwürde, und müsste entsprechend anders beantwortet werden.

Wie gesagt, gegen eine muslimische Mathematiklehrerin mit Kopftuch hätte ich auch als Katholik gar nichts auszusetzen. Wesentlicher als das Kopftuch ist doch das Verhalten, das Zeugnis, das eine Lehrerin gibt. Ich weiß nicht, wie das heute aussieht, aber meine Lehrer von damals zeichneten sich durch ein durchaus prägnantes politisches Bewusstsein aus (über alle Parteien hinweg), und so wurde auch im Englisch- oder Kunstunterricht schon mal Politik thematisiert (meist zu unserer Freude als Schüler, da man sich bei den Ausführungen der Lehrerschaft erst mal zurücklehnen konnte). Das würde ich auch heute nicht schlecht finden, bin aber entschieden der Meinung, dass es sich dabei um ein ausgeglichenes Verhältnis von Positionen handeln muss (das ist eine der Gefahren, wenn man sexuelle Toleranz zum Lehrinhalt erhebt und den Lehrern damit die Freiheit nimmt, eigene Positionen zu vertreten, die dem widersprechen). Auch muslimische Lehrer, die in fachfremden Fächern Auskunft über den Islam geben, sind dann kein Problem – wenn andererseits auch das kulturell eigentlich vorherrschende Christliche nicht zu kurz kommt oder gar diffamiert wird.

Ein weites Feld von Detailfragen also.  Was mich aber an alldem eigentlich am meisten aufregt, ist etwas, das gar nicht thematisiert wird: Wieso ist das Kopftuch in der Schule überhaupt ein politisches Thema? Wieso müssen oder dürfen Gerichte entscheiden, ob in Schulen Kruzifixe hängen oder Lehrer religiöse Symbole oder Kleidung tragen dürfen? Wieso gehört sowas in den Themenkontext von Legislative und Judikative, und in der Durchsetzung dann der Exekutive? Die Antwort liegt auf der Hand: weil wir in Deutschland ein System der Schulpflicht statt einer Bildungspflicht haben! Während man bei letzterem Eltern im Sinne ihrer schutzbedürftigen Kinder verdonnern könnte, ihren Kindern Bildung angedeihen zu lassen, sie sich den Weg dahin aber selbst aussuchen können, können Eltern in Deutschland ihr Kind nur um den Preis des Rechtsbruchs aus dem staatlichen Schulsystem fernhalten:

Wenn ein muslimischer Lehrer versuchen sollte, unsere Kinder religiös umzupolen und für den Dschihad anzuwerben, muss ich das erst mal beweisen, bevor ich eine Handhabe gegen ihn finde. In keinem Fall kann ich dagegen mein Kind zum eigenen Schutz einfach aus der Schule nehmen (was ich in dem Fall täte, wäre eine andere Frage). Umgekehrt gilt das natürlich genau so, wenn muslimische Eltern ihre Kinder nicht einer christlichen Prägung aussetzen, Atheisten ihre Kinder nicht einer religiösen und Gläubige sie nicht einer säkularen Kultur anvertrauen wollen. Der Staat hat sich das Bildungsmonopol unter den Nagel gerissen und ist nur aus diesem Grund nun genötigt, Entscheidungen darüber zu treffen, wie das Umfeld, in dem Kinder sich den Großteil des Tages aufhalten sollen, gestaltet werden sollte. Diese Entscheidungen sind dann aber eben politisch, an Mehrheitsfindungen gebunden, am Ende stellt sich ein Rechtspositivismus ein, der nun beispielsweise meint, da die Verfassungsrichter so entschieden hätten, müsse man das als Eltern eben akzeptieren. Der Fehler liegt im System, nicht in der einzelnen Rechtsprechung.

Ich bin davon überzeugt, dass von der ganz überwiegenden Zahl von muslimischen Lehrern genau so wenig eine Gefahr ausgeht wie von christlichen Lehrern. Wenn ich aber bei muslimischen Lehrern Zweifel haben sollte, habe ich keine rechtliche Handhabe, meine Kinder zu schützen. Ob eine muslimische Lehrerin ein Kopftuch trägt, ist eher von symbolischem Interesse für das, was in ihrem Kopf vorgeht. Das Problem ist darum nicht die Lehrerschaft, ob christlich, muslimisch, atheistisch, politisch links oder rechts, Atomkraftbefürworter oder -gegner … das Problem ist – mal wieder – ein Staat, der sich anmaßt, unser Leben bis ins Detail zu regulieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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