30. März 2015

Germanwings-Absturz Sündenböcke und Prävention

Inwieweit können Unglücke verhindert werden?

Dossierbild

Dienstag abend, als ich nach der Arbeit das Auto startete, lief mein Nachrichtensender Inforadio. Ich hatte den Anfang verpasst und hörte: „Die Ministerpräsidentin fährt nach Haltern am See, um den Schülern ihr Beileid auszusprechen.“

Mein erster Gedanke? Amoklauf an der Schule!

Es dauerte noch einige Minuten, bis ich erkannte, dass ein Flugzeug mit 16 Schülern abgestürzt war. Die restlichen 130 Opfer wurden in dieser Reportage nur am Rande erwähnt. Die Trauer der Angehörigen, der Mitschüler und Nachbarn und die Anteilnahme der Regierenden waren hier das Thema.

Es war eine sehr kurze Fahrt zum Treffen mit Blogger Volker T, der auch von dem Absturz gehört hatte. Wir beide nehmen seit Jahren die Statistiken zu Gewaltkriminalität, Waffenmissbrauch und Waffenbesitz auseinander. Eventuell ist es dem jahrelangen Umgang mit Toten „auf dem Papier“ und der Vielzahl der Fälle geschuldet, dass wir sehr rational – andere sagen „herzlos“ – mit Unglücken, auch mit Terroranschlägen, umgehen. Wir kannten beide die Statistik, dass die Autofahrt zum Flughafen mehrfach gefährlicher ist als der Flug selber. Doch wussten wir beide, dass Massenopfer mehr zählen als die vielen täglichen Toten.

Volker hatte mir an diesem Abend seine Auswertung der unnatürlichen Todesfälle von 1998 bis 2013 mitgebracht, deren detaillierte Daten ich mir vom Statistischen Bundesamt runtergeladen hatte. Diese wird er demnächst graphisch ausgewertet präsentieren. In all den Jahren gibt es eine gewisse Regelmäßigkeit: Jedes Jahr sterben im Durchschnitt 35.000 Menschen durch äußere Umstände, davon sind circa 20.000 Unfälle und circa 10.000 Selbstmorde. Im Schnitt gibt es 2.000 Todesopfer, wo die Umstände ungeklärt sind. Seit 1998 nehmen Todesopfer durch tätliche Angriffe stetig ab (von 700 auf 400), und Todesopfer durch medizinische Komplikationen stetig zu (von 500 auf 1.400).

Schaut man sich die Zahlen an, dann versteht man nicht, warum Gesetze erlassen werden, die präventiv ein seltenes Ereignis, wie zum Beispiel den Amoklauf in Winnenden oder die Flugzeugentführung vom 11. September 2001 verhindern sollen. Und man kommt zu dem Schluss, dass Politik nicht mehr mit Vernunft betrieben wird, sondern nur noch aus Kompromissen besteht, um den aufgebrachten Pöbel zu beruhigen, der zuvor von den Medien und einigen karrieregeilen Politikern angestachelt wurde.

Sündenböcke

An diesem Abend waren noch keine Details bekannt. Doch wir wussten beide, dass es Sündenböcke braucht. Entweder das Flugzeug (sprich die Airline) oder der Pilot (Terrorfanatiker oder krank und Schuld haben die Eltern/Gesellschaft). Auch wird es wieder Leute geben, die eine Verschwörung vermuten (USA, Luftfahrtlobby, Putin) und behaupten, dass die Regierungen und die Airline nicht alle Details liefern. Und was passierte? Genau das.

Michael Mannheimer vermutet einen Konvertiten, die Verzögerung beim Abflug wird als technischer Defekt verdächtigt, die psychische Erkrankung des Kopiloten führt zum Homizid-Suizid-Verdacht, die Luftfahrtlobby wird verdächtigt, einen unschuldigen Kopiloten vorzuführen, um von technischen Mängeln abzulenken, den begleitenden Flugzeugen wird ein Abschuss untergeschoben, außerdem sollen Motoröldämpfe in der Klimaanlage zu Vergiftungen führen und das Gebiet in den Alpen ist sowieso das „Bermuda-Dreieck“ der Luftfahrt, weil dort vor 60 Jahren schon mal ein Flugzeug im Sinkflug abgestürzt ist. Habe ich was vergessen? Ach ja, die Eltern! Die sind ja auf jeden Fall am meisten schuld.

Dass die Eltern selber ihr Kind verloren haben, daran denkt keiner. Dass ihr Kind unschuldig sein kann, daran denken auch wenige. Lynchmob at his best!

Prävention

Auch wussten wir, dass Medien und Politik wieder mehr Kontrollen fordern werden, damit „so etwas nie wieder passiert“.

Die ärztliche Schweigepflicht soll für Piloten aufgehoben werden. Eigentlich sollte depressiven Menschen gleich der Führerschein und die Elternschaft entzogen werden. Man weiß ja nie, ob die nicht ausrasten. Die Kontrollen für Flugzeuge müssen verbessert werden. Besser wäre es, gar nicht mehr zu fliegen, da das Risiko zu groß wäre. Auf jeden Fall dürfen Piloten, deren Ausbildung 50.000 Euro kostet, die sie der Fluglinie zurückzahlen müssen, nie wieder fliegen, wenn sie einmal krank werden. Das Risiko ist ja viel zu groß.

Absturz ermöglicht durch zwei neue Präventionen?

Prävention eins: die Sicherheits-Cockpit-Tür.

Laut Voice-Recorder-Protokoll hat der Kapitän das Cockpit kurz verlassen und kam nicht mehr rein – trotz Rufen und Hämmern an der Tür. Aus Angst vor Entführungen wurde eine Sperre eingeführt. In Notfällen lässt sich das Cockpit mit einem Spezialcode von außen nach einer Zeitverzögerung öffnen. Sofern der im Cockpit Verbliebene nicht aktiv dagegen vorgeht, indem er mit einem Hebel diesen Vorgang stoppt.

Bisher gibt es keine Beweise, ob der Spezialcode eingegeben wurde oder ob dieser vom Kopiloten aktiv widerrufen wurde.

In jedem Fall gibt es jetzt eine neue Prävention: Deutsche Airlines führen die Zwei-Personen-Regel ein.

Wenn künftig ein Pilot oder Kopilot auf Toilette muss, dann muss sich ein Flugbegleiter als Überwacher ins Cockpit setzen. Die USA haben das nach dem 11. September 2001 eingeführt. Sicherheitsexperten warnen jedoch davor, von dem „Vier-Augen-Prinzip“ zu viel zu erwarten. Falls ein Pilot mit krimineller Energie ein Flugzeug zum Abstürzen bringen will, ist ein harmloser Flugbegleiter kein Hindernis.

Diese Vier-Augen-Regel birgt neue Gefahren. Es gibt wesentlich mehr Flugbegleiter als Piloten. Die Gefahr, dass sich künftige Massenmörder als Flugbegleiter bewerben, sollte miteinkalkuliert werden.

Prävention Nummer zwei ist eine EU-Verordnung.

Bis April 2013 haben die Airlines selbständig die flugmedizinischen Untersuchungen durchgeführt. Seitdem ist jedoch diese Aufgabe an das staatliche Luftfahrt-Bundesamt übertragen worden. So wie ich die Politiker kenne, misstrauen sie wirtschaftlichen Unternehmen zutiefst und glauben, dass staatliche Unternehmen wertfrei und objektiv handeln. Jeder, der mal an einen überlasteten, zu schlecht bezahlten, faulen oder ideologisch motivierten Beamten geraten ist, wundert sich sicher mit mir, woher diese Staatsgläubigkeit kommt.

Damit will ich nicht sagen, dass alle Beamten so sind, da ich mit vielen Beamten der „neuen“ Generation gut zusammenarbeite, die wirklich Dienst am Kunden/Bürger leisten. Das Problem ist die Regelungswut der Obrigkeit. Kein Monat vergeht, in dem sich nicht irgendjemand eine Änderung ausgedacht hat, um das Verfahren zu „verbessern“, was regelmäßig zu neuen Hürden, zum Teil sogar zur Verunmöglichmachung von Behördenprozessen führt.

Im Gegensatz zur freien Wirtschaft sind diese oberen Beamten kaum jemandem Rechenschaft schuldig. Sie verlieren weder ihren Arbeitsplatz, noch werden ihre Gehälter gekürzt, weil ihre Entscheidungen den Arbeitgeber in die Insolvenz führen. Stattdessen werden einfach mehr Beamte eingestellt, die die Regelungswut bewältigen, oder das Problem löst sich von selber, weil es keinen mehr aus der freien Wirtschaft gibt, der diesen Hindernislauf durchhält.

Mein Fazit

Der Absturz und seine Folgen erinnern mich sehr stark an den Amoklauf von Winnenden, obwohl es einen sehr großen Unterschied gibt. Der Täter in Winnenden war durch den Missbrauch von Schusswaffen eindeutig als Täter erkennbar. Bei dem Kopiloten gibt es noch (und vielleicht auch immer) erhebliche Zweifel, ob er einen Homizid-Suizid tatsächlich willentlich begangen hat oder es doch eine Komplikation widriger Zustände war. Ohnmacht, vergessener Spezialcode, technisches Versagen sind in den Alpen noch nicht ausgeschlossen.

Für die Medien und die Gesellschaft gibt es jedoch keinen Unterschied. Es gibt einen Sündenbock, und wir brauchen mehr Prävention und Kontrollen, damit so etwas „nie wieder“ passieren kann.

Mir stellt sich – wie in Winnenden auch – die Frage, ob medial aufgebauschte singuläre Ereignisse wirklich solche Auswirkungen haben müssen. Ist es sinnvoll, präventiv selten auftretende Ereignisse zu erschweren und dafür erhebliche Kosten aufzuwenden? Wäre es nicht sinnvoller, häufig auftretende Probleme anzugehen, die zeitlich und örtlich verstreut wesentlich mehr Opfer fordern? Wir können jeden Euro nur einmal ausgeben.

Jeder Tote ein Toter zu viel?

„Nur Menschen mit fehlender Risikokompetenz können diesen Satz äußern“, sagt Professor Gerd Gigerenzer, Leiter des Berliner Harding-Zentrums für Risikokompetenz. Es mag zynisch klingen, aber man muss in der Lage sein, die Zahlen von möglichen Toten, Verletzten oder Kranken mit dem Aufwand in Beziehung zu setzen, mit dem sie verhindert werden können.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.

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